Der Taxifahrer, der mich an diesem Abend ins „Checkerboard“ fährt, ist ein Weißer. Er hört auf den Namen Greg, schiebt unentwegt ein Kaugummi zwischen seinen Backen hin und her und nuschelt vielleicht deshalb so stark. Höchste Zeit für gute, handgemachte Musik.

Wenn ich ihn richtig verstanden habe, hat er gerade so etwas wie „You serious? You really wanna go there?“ gemurmelt. „Was, willst Du wirklich da hin?“ Ich muss lauthals lachen. Exakt dieselben Worte habe ich schon einmal aus dem Mund eines Taxifahrers in Chicago gehört. Vor über 30 Jahren. Und was heißt von einem? Gleich fünf haben mir damals diese Frage gestellt und mich dabei genauso verdattert angeschaut wie jetzt Greg in seinem Rückspiegel! Was bleibt mir also anderes übrig, als ihm die Geschichte von damals zu erzählen?

Sweet Home Chicago

Es war an einem Sonnabend-Abend im Januar 1982. Das Thermometer zeigte minus 23 Grad, und vom Lake Michigan schnitt ein eisiger Wind durch die Häuserschluchten in Downtown Chicago. Jeder, der an diesem Abend überhaupt noch auf den Straßen war, hatte nur eines im Sinn: so schnell wie möglich in ein warmes Zuhause zu kommen. Nur ich nicht. Denn ich war jung und nur von dem einen brennenden Gedanken beseelt: Den Blues zu hören, den einzig wahren und richtigen Blues, wie es ihn nur in Chicago gab. „Checkerboard Lounge“ stand auf dem Zettel, den ich mir geschrieben hatte. „East 43rd Street, Southside – Home of the Blues“. Der Club, in dem die Rolling Stones mitgejammt hatten. Doch dann das!

„You serious? You really wanna go there?“ Jeder der Taxifahrer, denen ich meinen Zettel zeigte, schüttelte den Kopf. „No! Sorry! Da fahre ich nicht hin!“ Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Alle diese Taxifahrer waren Weiße. Und dass es in den Staaten, auch in Chicago, damals noch Vorbehalte gegen die schwarze Bevölkerung gab, war mir zwar bewusst, aber dass diese Ablehnung so weit ging, einen Touristen nicht zu einem schwarzen Blues-Club zu fahren, das hatte ich nicht erwartet.

In dem sechsten Taxi, das in der Schlange vor meinem Hotel auf Fahrgäste wartete, saß ein Schwarzer, ein Student aus Ghana, wie sich später herausstellte. Doch auch er fuhr erst los, als er begriffen hatte, dass mich an diesem Abend nichts davon abhalten würde, Buddy Guy zu hören. Und erst als die Häuser immer kleiner und baufälliger wurden und die brennenden Mülltonnen am Straßenrand mehr, begann ich zu begreifen. 

Die „Checkerboard Lounge“ sah genauso düster und verwildert aus wie die gesamte Gegend. Ein heruntergekommener Backsteinbau mit schwerem Eisengitter vor dem Eingang, nur spärlich beleuchtet von einem flackernden Neonschild.

Und alle starren mich an

„Um Himmels willen!“, verabschiedete sich mein Fahrer. „Gehen Sie nicht nach draußen. Ich hole Sie um Mitternacht wieder ab!“ So richtig überzeugt von seiner Sorge um mein Wohlbefinden war ich noch immer nicht. Immerhin hatte er gerade an mir 38 Dollar verdient. Mit Trinkgeld sogar 40 Dollar. Keine schlechte Fahrt in einer so saukalten menschenleeren Nacht. Und für die Rückfahrt winkte ihm noch einmal das gleiche Salär. Erst, als ich nur noch die Rücklichter seines Taxis sah und sich aus dem Dunkeln plötzlich ein paar finstere Gestalten auf mich zu bewegten, wurde mir doch etwas mulmig.

Und erst recht, als ich die Tür aufstieß: Der rauchgeschwängerte Laden war brechend voll. Die Mehrzahl der Gäste Männer und alle schwarz. Und einige darunter angezogen, wie ich es bis dato nur in schlechten Mafia-Filmen gesehen hatte: zitronengelbe Krawatten auf schwarzen Hemden, Lackschuhe mit weißen Kappen, schwere Goldketten um den Hals. Und alle starrten mich an. Keiner sprach mehr ein Wort. Und in ihren Blicken spiegelte sich so ziemlich alles zwischen Unverständnis, Misstrauen und Hass. Was tun? Zurück konnte ich nicht mehr. Mit gesenktem Kopf schlich ich zum Tresen. „Hello, I am from Germany. Is this the place, where Buddy Guy plays tonight?” stotterte ich. Es war das erste Mal, dass mir mein Holper-Englisch wirklich weiterhalf.

Die Miene des Barkeepers entspannte sich mit jedem Wort, und wie ein Lauffeuer schien es sich herumzusprechen: „Ein Verrückter aus Germany …“ Um es kurz zu machen: Eine halbe Stunde später stand Buddy Guy auf der kleinen Bühne. Niemand schien mehr Notiz von mir zu nehmen. Ja, ich erntete sogar ein paar aufmunternde Schulterklopfer – und mit Glockenschlag 0 Uhr, nach einem begeisternden Konzert, stand mein Taxifahrer in der Tür.

Das Checkerboard ist Geschichte

„Lucky Guy“, grinst Greg, als ich meine Geschichte von damals zu Ende erzählt habe. „Aber das ‚Checkerboard‘ gibt es seit Jahren nicht mehr. Es wurde abgerissen. Und das neue können Sie vergessen. Schlechte Musik, teure Preise. Die reinste Abzocke.“ Das hatte ich auch schon im Internet gelesen. Und davon, wie sich die Bluesszene verändert hat. Um es auf den Punkt zu bringen: Die glorreichen Zeiten sind vorbei.
 
Die Jahre bis 1970, als über eine halbe Million Schwarzer von den Tabak- und Baumwollfeldern in den Südstaaten in die Stadt gekommen waren. Mit nichts außer ihrer Musik. Die Zeiten, als Musiker wie Muddy Waters, Sonny Boy Williamson, Howlin Wolf, Elmore James oder John Lee Hooker den Blues mit Elektro-Gitarren aufluden und so den Boden für den Rock ‘n’ Roll eines Chuck Berry und die Helden der weißen Rockmusik der 1960er und 1970er bereiteten. Jimi Hendrix, Frank Zappa, Led Zeppelin … die Liste der Musiker und Bands, die von ihren Gitarren-Riffs zehrten, ließe sich unendlich lang fortsetzen. Allen voran die Rolling Stones, die sich nach einem Song von Muddy Waters ihren Namen gaben:
 
I‘m a man
I‘m a natural born lovers man
I‘m a man
I‘m a rollin‘ stone
I‘m a man
I‘m a hoochie coochie man
 
Die Stones haben (im Gegensatz zu vielen anderen Bands) nie vergessen, wo sie musikalisch herkamen und dies auch nie verleugnet. Immer wieder spielten sie mit den Vorbildern ihrer Jugend. Auch in der legendären alten „Checkerboard Lounge“. Und Buddy Guy setzten sie ein Denkmal, als sie ihn 2006 für ihren Kino-Konzert-Film „Shine a light“ auf die Bühne holten.  

 

Buddy Guy, Baujahr 1936 und einer der letzten noch lebenden Heroen, hat mittlerweile einen eigenen Blues-Club in Chicago. Er heißt – wie könnte es anders sein – „Legends“ und ist geschmückt mit vielen alten Fotos, Plakaten und Instrumenten seiner Weggefährten. Wie viele andere neue Clubs liegt er nicht mehr auf der South Side, im alten „Bronzeville“, wo immer noch Armut und Arbeitslosigkeit die Kriminalität nähren, sondern in der sauberen, ja manchmal fast wie geleckt wirkenden Innenstadt von Chicago, gleich hinter der South Michigan Avenue. Hamburger, Cocktails, täglich Live-Musik … das Angebot ist nicht schlecht, doch letztendlich dem touristischen Massengeschmack angepasst.

Eintritt erst ab 21 Jahren

Spätestens seit dem Kino-Welterfolg hat sich die Stadt den Blues auch auf ihre kommerziellen Fahnen geschrieben und „Sweet Home Chicago“, den Hit aus dem Film, quasi zur Stadt-Hymne erhoben, auch wenn es im Original heißt: „Back to the Land of California.“ Und so kannst du in manchen der neuen Clubs dieser Hymne genauso wenig entkommen wie in Hamburg einem Hans Albers und seinem „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“. Das mag für Blues-Romantiker entsetzlich sein. Für Puristen erst recht. Doch die vielen Musiker, die die Stadt immer noch hervorbringt, sind dankbar für jeden kleinen Gig, der ein paar Dollar bringt.

Und so schließt sich irgendwie wieder der Kreis. Zurück zu den Anfängen, als ein Muddy Waters noch für ein warmes Abendessen spielte. Trotzdem gibt es in Chicago auch heute noch Clubs, in denen du den „echten“ Blues hören kann. Du musst ihn nur finden. Wie zum Beispiel einen, der etwas versteckt im Norden der Stadt liegt. Ein kleiner, intimer Club, der seit Jahrzehnten im Besitz einer Familie italienischer Einwanderer ist. Hier treffen sich vor allem auch junge unbekannte Musiker, die den Blues abseits des Mainstream interpretieren. Doch auch hier gilt wie überall: Eintritt erst ab 21 Jahren und Alkohol nur gegen Vorlage des Ausweises. Blues ohne Bier? Beim alljährlichen Bluesfestival im Grant Park (vier Tage – jeweils Anfang Juni), zu dem immer noch 100.000 Besucher kommen, ist das Mitbringen alkoholischer Getränke strikt untersagt.

Mein Fazit: Nur um den Blues zu hören, würde ich heute nicht mehr nach Chicago fliegen. Manchmal ist es besser, alte (und bestimmt auch glorifizierte) Erinnerungen nicht mehr aufzuwärmen. Und so bin ich an diesem Abend auch dem Rat meines Taxifahrers gefolgt – und habe mir das „New Checkerboard“ erspart.