Blauer Himmel, heiße Sonne, kaum Wind. Die Hitze flirrt über dem Asphalt, kein Auto hupt an diesem Sonntag in die Stille. Neben uns Wüste, nichts als Wüste. Hin und wieder baut sich eine Windhose auf und wirbelt über die Straße. Irgendwann hört der Asphalt auf, der Weg wird steinig, sandig.
 
So könnte es ausgesehen haben, als vor mehr als tausend Jahren Karawanen Gewürze, Seide und andere Kostbarkeiten vom fernen China bis zum Mittelmeer brachten. Und wenn du jetzt in der Ferne tiefblaues Wasser leuchten siehst, kann das nur eine Fata Morgana sein.
 
„Das ist der Aydarkul“, sagt Sokir Saidow und holt uns in die Gegenwart zurück. „Ein riesiger künstlich angestauter See, der jedes Jahr weiter wächst“, erklärt unser Reiseleiter. Der Aydarkul ist das Ziel unseres heutigen Ausflugs. Sehr blau – und sehr erfrischend nach der 25-Kilometer-Radfahrt.

Picknick am See in Usbekistan

Am Ufer steht ein Picknick unter weißem Sonnensegel – Salate, Reis, Melone, Gemüse und das unvermeidliche Nationalgericht Plov – bestehend aus Reis, Kichererbsen, Zwiebeln, Möhren und Fleisch. Wir genießen das Büfett in der Wüste, die Ruhe und die Entspannung, bevor wir uns am nächsten Tag wieder auf eine längere Tour auf befahreneren Pisten begeben.
 
Wir, das sind zwei Ehepaare (Mitte 50 bis Mitte 60), unser Reiseleiter und ein Busfahrer. Der Plan: 14 Tage lang per Zug, Bus, aber vor allem Rad die alte Kultur der Seidenstraße und das neue Leben in Usbekistan erkunden. Ausgangspunkt ist die Zwei-Millionen-Metropole Taschkent, Hauptstadt der jungen, postsowjetischen Republik.
 
Türkisblau leuchten die Kuppeln der sanierten Moscheen, Mausoleen und Koranschulen, die zum Teil noch in Betrieb sind. Etwa 80 Prozent der Usbeken sind Moslems, sehen die Glaubensausübung aber eher lax. Und so sind viele Moscheen in Wirklichkeit riesige Souvenirläden mit bunter Keramik, Stickereien, Schnitzereien und Suzanis – bunt bestickten Wandteppichen.

Gewürzkauf auf dem Basar

Noch bunter allerdings geht es auf dem riesigen Basar zu – mit Gewürzen, Nüssen, Rosinen, eingelegtem Gemüse, Fleisch und dem typischen Fladenbrot Nan, das überall in Lehmöfen gebacken wird. Ein Tag nur bleibt zum Kosten, Kaufen, Knipsen, bevor wir im Nachtzug nach Buchara fahren.
 
Willkommen in 1001 Nacht. Die Morgensonne taucht Buchara, die Heilige Stadt, in der einst 800 Moscheen und Koranschulen standen, in märchenhaftes Licht. Der orientalische Stadtkern mit seinen Lehmhäusern, Basaren, der mächtigen Kalon-Moschee und der Medrese Mir i Arab, der größten Koranschule Zentralasiens mit blau-blauen Mosaiken und türkisfarbenen Kuppeln, ist fast vollständig erhalten.
 
Kunsthandwerker arbeiten und verkaufen in den sanierten Kuppelbasaren, junge Frauen lassen sich beim Knüpfen von Seidenteppichen über die Schulter schauen. Wir könnten tagelang durch die Straßen ziehen – doch wir sind hier nicht zum Vergnügen. Die Mountainbikes stehen im Innenhof des Hotels bereit.

Übernachten im Jurtencamp

Etwa 400 Kilometer werden wir in der nächsten Woche von der fruchtbaren Buchara-Oase aus in die Wüste Kysyl Kum fahren, mehrere Mittelgebirgs-Pässe überqueren, bei Familien und in einem Jurtencamp übernachten. Doch schon bei der Probefahrt merken wir: Dieser Weg wird kein leichter sein.
 
Der Asphalt ist voller Löcher, Risse und Dellen als Folge der Temperaturschwankungen. Doch Sokir lotst uns sicher aus der Stadt, und als der Verkehr ruhiger und die Landschaft weiter wird, stellt sich langsam Seidenstraßen-Gefühl ein. Durch die Rote Wüste, wie Kysyl Kum wegen der rot blühenden Tamarisken übersetzt wird, ziehen Schafherden und wilde Pferde, am Straßenrand weiden Esel und Kühe.
 
Baumwollpflückerinnen, Straßenhändler und Bauarbeiter winken uns zu, laden uns zum Tee ein. Nach 80 Kilometern verbringen wir die erste Nacht im prächtigen Haus des Töpfermeisters Abdullah Aka – ein nationaler Keramik-Star. Er zeigt uns sein kleines Museum, seine Frau und Tochter präsentieren ihre Stickereien und servieren ein üppiges Mahl, natürlich mit Plov.
 
Eine gute Stärkung für den nächsten Tag mit 800-Meter-Anstieg auf den Karaqarga-Pass. Sokir sorgt für die nötigen Pausen, im Begleitbus steht jederzeit Wasser zur Verfügung – und Mitfahrgelegenheit, falls jemand schlappmacht.

Schlafen auf Matten auf dem Boden

Doch alle halten durch bis zum Ende unserer Reise, auch wenn Gegenwind, Berg-und-Tal-Fahrten auf Holperpisten und die Hitze uns manchmal zu schaffen machen. Fünf Mal übernachten wir bei einheimischen Familien. An das Schlafen auf Matten auf dem Boden muss sich der mitteleuropäische Rücken erst einmal gewöhnen. Ebenso an die Toiletten – kleine Häuschen mit einem Loch im Boden – und an die Waschbecken im Innenhof. Im touristischen Jurtencamp gibt es Sitztoiletten und Schlauch-Duschen – wir genießen den Luxus in völliger Abgeschiedenheit.
 
Wer Usbekistan mit dem Rad bereist, erfährt viel über die Seele des Landes. Die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Gastgeber entschädigen für das Abstrampeln auf Wüstenstraßen und die ungewohnte Schlafsituation. Die Tische biegen sich vor Köstlichkeiten, die Frauen tragen immer neue Gerichte herein. Unsere Gastgeber sind zur Familienfeier eingeladen. Kein Problem, sie nehmen uns einfach mit.

Hochzeit in Usbekistan

Zur Hochzeit kommen mindestens 500 Gäste, bei der Nachfeier sind es weniger. Männlein und Weiblein sind streng getrennt, wir bewundern die dunkelhaarigen und bunt gekleideten schönen Frauen, während die Männer mit gut gefüllten Wodkagläsern Trinksprüche ausbringen.
 
Alle Usbeken, die wir erleben, sind offen, herzlich und wollen sich mit uns fotografieren lassen. Auch bei unserer letzten Station Samarkand, eine der ältesten Städte der Welt. Der Wüstensand wird im schönen Hotel abgeduscht, die Metropole Zentralasiens trumpft mit den Höhepunkten islamischer Baukunst.
 
Das Mausoleum Guri Amir, die Bibi Chanym Moschee, der Registan-Platz, die Gräber-Stadt Schah-i-Sinda sind Sinfonien in Blau-Türkis-Gelb, eine Wucht an Farben und Kunstfertigkeit. „Ich bitte Sie, Samarkand ist doch eigentlich bloß Märchen“, schrieb Theodor Fontane vor mehr als 100 Jahren. Daran hat sich nichts geändert.