So gut kann Weizenbrot schmecken! Mitten im sandigen Nirgendwo hat Hirte Arbud den Fladen mit einem Stock zwischen Glut und Asche hervorgezogen. Er hat die Asche abgeklopft, das Brot in Stücke gebrochen und an die Gäste verteilt. Die Kruste ist kein bisschen verkohlt. Die Gastgeber – drei junge Beduinen, die hier im Tal in Zelten leben – haben das mit einer Schutzschicht aus Mehl verhindert.

Das lautstarke Abklopfen der Asche gehört zum Ritual. „So laden wir Hungrige von weit her ein, mit uns zu essen“, erzählt Arbud. Dazu gibt es süßen Tee mit Minze in kleinen Gläsern. Die Hirten haben ihn auf dem Feuer gekocht, für das sie herumliegende Äste gesammelt haben. Im Schatten eines Pistazienbaums ruhen sich die Gäste neben zwei Dutzend Ziegen aus, die gerade von der Quelle zurückgekehrt sind. 

Drei Stunden ist die kleine Gruppe im Naturreservat Dana gewandert. Das umfasst wegen seiner Höhenunterschiede vier Klimazonen – von mediterranem Bewuchs bis Wüste. Außer drei Gleichgesinnten und einem Hirten auf einem Esel ist ihr niemand begegnet. Die Tee- und Brotpause bei den Beduinen hat Wanderführer Ali per Handy arrangiert. Der 28-Jährige ist Arbuds Cousin. Ali Hasasen hat bis vor Kurzem Tourismus und Archäologie studiert und währenddessen in einer Stadtwohnung gelebt. Dann ist er zur Großfamilie in das felsige Tal zurückgekehrt und wohnt seitdem wieder im Zelt.

300 Ziegen und zwei Frauen

Sein Vater sei reich, erzählt Ali stolz. Der 75-jährige Stammesälteste habe 300 Ziegen, zwei Frauen, die sich gut vertrügen, „und ein ganzes Fußballteam Kinder“. Sie wohnen, wie schätzungsweise 5 Prozent der jordanischen Beduinen, ganz traditionell in einem der Lager, die in der Südhälfte des Haschemitischen Königreichs verstreut in der kargen Landschaft liegen. Alis Frau, eine Gemeindeangestellte, ist mit ihm in das gemeinschaftliche Schlafzelt gezogen, dessen Innenraum nur mit Mehlsäcken aus Plastik abgeteilt ist.
 
Solange die Nächte warm sind, ziehen alle ihre Schlafmatten nach draußen auf die blanke Erde. „Das ist für mich Freiheit, so will ich leben“, schwärmt Ali. Durchs Fernglas verfolgt er einen Falken, der über dem weiten Tal kreist. Auch auf Wölfe, Hyänen und Geier, die in den umliegenden Bergen leben, hat der junge Wanderführer schon hingewiesen. Über viele Heilpflanzen, wie die weiß-gelb blühende Meereszwiebel, erzählt er unterwegs Nützliches, Legenden und Märchen.
 
Zwar hat Alis Familie nicht wie die meisten Beduinen das Angebot der Regierung angenommen, in feste Häuser in eigens gebauten Dörfern zu ziehen. Doch ein Nomadenleben führt auch sie nicht mehr. Nur ein paar Hundert Meter zieht der Stamm mit seinen Ziegen jedes Jahr vom Sommer- zum Wintercamp weiter. Mindestens genauso wie um die Herde dreht sich das Leben inzwischen um den sanften Tourismus, der in dem abgelegenen Tal Einzug gehalten hat. Das Naturreservat Dana gibt 300 Beduinen Arbeit.

Traditionelle Kaffee-Zeremonie

Mithilfe der Royal Society for the Conservation of Nature ist wenige Fußminuten vom Sommerzeltlager die Feynan Ecolodge mit 26 Zimmern gebaut worden. Das ist eine in die Sandsteinlandschaft eingepasste, für Touristen nur zu Fuß oder mit den Offroad-Fahrzeugen der einheimischen Beduinen erreichbare Herberge nach Öko-Standard. Ali und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Suleiman bieten von dort aus Wanderungen und Ausflüge an – unter anderem Besuche bei befreundeten Familien oder auch ihrer eigenen, zum Beispiel zur Kaffeezeremonie.
 
Die sprichwörtliche Gastfreundschaft der Beduinen ist spürbar, als der Stammesälteste am offenen Feuer Kaffeebohnen in einer Kupferschale zerhämmert. „Alle, die das hören, sind eingeladen“, erläutert Ali, während sein Vater schon den Kardamon mahlt, das Gemisch mit kochendem Wasser übergießt und kurz darauf kleine Tassen mit Kaffee verteilt.
 
Auch mit Rache und Versöhnung hat die Zeremonie zu tun. Ob ein Gast nach der dritten eine vierte Tasse Kaffee annimmt, kann über Krieg und Frieden entscheiden. Gern wird die Geschichte zweier Familien erzählt, die sich nach einem Streit um eine Frau jahrzehntelang blutig befehdeten: Die Frau war zu ihren Eltern geflohen, weil ihr Mann sie schlecht behandelte. Der Mann wollte sie holen, dabei kam ihr Bruder ums Leben, der wurde gerächt, und so ging es 40 Jahre lang weiter.

Verhüllte Frauen halten sich im Hintergrund

Während die Besucher gebannt zuhören, halten sich die mit Tüchern verhüllten Frauen im Beduinenlager im Hintergrund, spülen unter einem Stoffdach neben dem Küchenzelt Geschirr ab und wollen, anders als die Männer, nicht fotografiert werden. Der Tourismus ist hier im Naturreservat Dana neu, Besucher sind noch selten.
 
Weiter im Süden des Landes, in Wadi Rum, sieht das anders aus. Der Name bedeutet „sandiges Tal“. Mit seinem roten Sand, den im Abendlicht orange glühenden Sandsteinbergen und den Kraterlandschaften aus schwarzem Granit wird Wadi Rum zu den schönsten Wüsten der Welt gezählt. Die Beduinen dort organisieren seit vielen Jahren im großen Stil Essen bei örtlichen Familien, Kamelritte und Jeeptouren.
 
Auch ein Besuch der mehr als 2.000 Jahre alten Felsenstadt Petra, zu einem der „sieben neuen Weltwunder“ gekürt, bietet Einblicke ins Beduinenleben – bis hin zu Anleitungen, wie das klassische Baumwolltuch den Kopf optimal vor der Sonne schützt. In Höhlen ringsum weisen Rauchspuren darauf hin, dass dort noch vor wenigen Jahren Familien lebten.

Auf Eseln nach Petra

Nur mühsam ist es der Regierung gelungen, 1985 die Höhlenbewohner direkt aus dem Weltkulturerbe Petra in ein nahes Dorf umzusiedeln. Von dort ziehen jeden Morgen Scharen von Beduinen auf Eseln nach Petra. Doch die Besucher, die sie zu einem Ritt durch die faszinierende Schlucht animieren können, sind seltener geworden.
 
Um 75 Prozent, sagt ein Mitarbeiter der Fremdenverkehrsbehörde, sei der Tourismus im Vergleich zu 2010 eingebrochen. Die Krisen in den Nachbarländern schrecken sehr viele Europäer, Amerikaner und Australier ab. Die Beduinen haben das Nachsehen, sie hatten mit den Gästen gute Geschäfte gemacht. 

Für diejenigen Reisenden dagegen, die sich nach Jordanien trauen, ist der Rückgang der Besucherzahlen von Vorteil. In Petra können sie ohne Gedränge Schatzhaus, Theater und die anderen Baukunstwerke der Nabatäer und Römer bewundern. In Wadi Rum genießen sie in absoluter Stille unter klarem Sternenhimmel das „Zarb“ mit Lammfleisch, Auberginen und Reis, das drei Stunden lang in einem Loch im Wüstenboden gegart wurde. Wer will, kann hier fernab vom Rest der Welt zwischen bizarren Felsformationen im Beduinenzelt übernachten und wird vielleicht von Lawrence von Arabien träumen, der einst durch diese Landschaft ritt.

Einen Blick auf die Sterne bieten auch Ali und sein Bruder Suleiman – von der Dachterrasse der Feynan Ecolodge aus durch ein Teleskop. „Die Sterne zeigen uns seit Jahrtausenden den Weg“, sagt Ali. Dann legt er sich auf eine der Matratzen im Freien und erzählt Geschichten.