Während das Zentrum Lissabons langsam etwas ruhiger wird, drehst du an einem Kiosk am Prachtboulevard Avenida da Liberdade  gerade erst richtig auf. Eine dichte Traube gut gelaunter Menschen umlagert das dunkelgrüne Konstrukt, das architektonisch gewagt an eine Kreuzung aus Jugendstil und maurischer Baukunst erinnert.

Im Kiosk mixen drei junge Barkeeper Drinks. Etwas abseits spielt eine Band Fadoklänge, jene melancholische Musik, die für Lissabon und seine Bewohner so typisch ist. Stadtführerin Rita Prata wird später sagen, um Fado zu verstehen, müsstest du die Melancholie der Einwohner verstehen können – und das könnten wohl nur die Lissaboner selbst.

Shoppen auf der Avenida da Liberdade

Ein paar Dutzend dieser Café- und Barkioske gibt es inzwischen in Lissabon, fünf allein an der Avenida da Liberdade. Die gut einen Kilometer lange, breite Prachtstraße ist angesichts ihres dichten Autoverkehrs vielleicht nicht Lissabons schönste Meile – sie ist mit ihren Jugendstilgebäuden, den aufwendigen Pflasterungen und ihren Reihen von Palmen und Bäumen aber in jedem Fall eine der beeindruckendsten.
 
Nach dem großen Erdbeben, das 1755 fast die gesamte Stadt zerstörte, wurde die Baixa, die Unterstadt der auf mehreren Hügeln errichteten portugiesischen Hauptstadt, auf dem Reißbrett neu angelegt. Die Avenida da Liberdade sollte die neue Hauptverbindung zu den höher gelegenen Stadtvierteln bilden. Heute ist sie mit ihrer Vielzahl edler Geschäfte eine der prachtvollsten Straßen Europas.

Zum Glück gibt‘s eine Standseilbahn

Du solltest schon gut zu Fuß sein, um Lissabon auf eigene Faust zu entdecken. Auch wenn es hier und da nützliche Hilfen gibt. Etwa die historische Straßenbahnlinie 28 mit ihren alten gelben Wagen sowie insgesamt drei Standseilbahnen, die von der Baixa aus die steilen Straßen in die oberen Stadtteile zurücklegen.

Der Elevador da Glória ist eine der beliebtesten. Er führt auf einer nur 265 Meter langen, aber mit 18 Prozent Steigung extrem steilen Strecke zum Bairro Alto im Westen der Innenstadt. Zwei kleine gelbe Waggons pendeln seit 1885 abwechselnd zwischen hier und der Unterstadt. Längst ist die bahn eine der Hauptattraktionen Lissabons geworden; ebenso wie ihre beiden Schwesterseilbahnen Elevador da Bica und Elevador do Lavra. Getoppt werden sie nur vom zentralen Lift Elevador de Santa Justa.

Alfama: Lissabons unbekanntes Viertel

Stadtführerin Prata führt täglich Besucher durch eher unbekannte Ecken Lissabons – wie das hoch gelegene Stadtviertel Alfama im Osten der Baixa. „Früher wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, hierher zu gehen“, sagt die junge Frau, die in Lissabon aufgewachsen ist. Armut, Kriminalität, Banden, das war Alltag hier. Doch das ist längst vorbei. 

Alfama , photo by @mysuitcaseworldtour #mylisbonhistory #lisboa #lisbon Facebook.com/mylisbonhistory

A photo posted by MY LISBON HISTORY (@mylisbonhistory) on

Alfama, jener Stadtteil, der das Erdbeben von 1755 unbeschadet überstanden hat, gehört längst zu den angesagten Vierteln für alle, denen Szenebezirke wie Bairro Alto zu kommerziell sind. Steile Treppen, enge Gassen, versteckte Hinterhöfe. In Alfama hat sich nur wenig verändert. Einen der schönsten Ausblicke bietet sich von Alfamas südlichem Bereich auf die weiße Kuppel der Igreja de Santa Engrácia, das Kloster São Vicente de Fora und den Rio Tejo.

Du musst dich nur einmal umdrehen hier oben, um einen inzwischen vertrauten Bekannten wiederzusehen: einen kleinen grünen Kiosk. Direkt an der Brüstung nach unten steht er und bietet gleichfalls einen Ausblick, für den du anderenorts vielleicht ein Vermögen zahlen würdest.

Fadoklänge gibt es hier oben zwar nicht – doch der Espresso, der in Lissabon schlicht Café oder auch Bica genannt wird, tröstet dich darüber hinweg.