Gefühlt herrscht Windstärke 8. Dabei weht kein Lüftchen. Doch wir werden durchgeschaukelt im Sattel von einem der Kamele. Eine Faust umklammert den hölzernen Knauf vor uns, mit der anderen versuchen wir, vom Kamelrücken aus mit der gebotenen Vorsicht eines ungeübten Reiters im Halbdunkel halbwegs brauchbare Fotos hinzubekommen.

Nur gut, dass Abu Layth alles sicher in der Hand hat. Zu Fuß führt der Beduine vom Stamm der Howeitat die Dromedare an der langen Leine Richtung Osten – dorthin, wo sich in wenigen Minuten die Sonne zeigen wird. Der frühe Höhepunkt des noch jungen Tages. Es ist kurz nach fünf; wieder mal geht es hin und her schwankend eine Düne hinab, ehe unsere kleine Karawane endlich stoppt.

Auf den Spuren von Lawrence von Arabien

Das Warten auf die Morgenröte entschädigt voll und ganz für das frühe Aufstehen und die ungewohnten Qualen auf dem Kamelrücken. Im Wüstensand verharrend genießen wir die Ruhe. Nur hin und wieder wird sie von ein paar Vögeln gestört, die ihre Nistplätze in den nahen Felsen verlassen haben. Ohne jede Scheu begrüßen sie die Besucher mit ihrem Geschrei. Auf die Kamele, die sich die grünen Zweige eines Strauchs schmecken lassen, haben sie es besonders abgesehen. Abu Layth, unser ganz in Weiß gekleideter Führer, hat es sich neben seinen Tieren bequem gemacht. Für ihn ist so ein Ausflug Routine.

In dem Moment, als die ersten Sonnenstrahlen hinter den Bergen in majestätischer Weise den neuen Tag verkünden, klingelt sein Mobiltelefon. Auch im von der Welt abgeschiedenen Wadi Rum haben sich die Zeiten geändert, seit Lawrence von Arabien sich von diesem Naturspektakel mit seinen bis zu 400 Meter in die Höhe ragenden, in Millionen von Jahren vom Wind und durch die Erosion zurechtgeschliffenen Sandsteinfelsen faszinieren ließ.

Hier und da scheint es, als habe jemand versucht, sie mit einer riesigen Säge schnurgerade senkrecht zu zerteilen. Andernorts wähnt man sich vor einer überdimensionalen Kathedrale auf einem mächtigen Sockel aus Granit. Uralte, in den Fels geritzte Zeichnungen, die Kamele und andere Tiere zeigen, zeugen von menschlichem Leben vor ein paar tausend Jahren. Ein bisschen Grand Canyon, ein bisschen Sahara, ein bisschen Mondlandschaft – das alles zusammen verschlägt Besuchern die Sprache.

Lawrence von Arabien begegnen wir später. Eigentlich heißt der Mann, der im Ersten Weltkrieg den Arabern im Aufstand gegen die Osmanen als militärischer Berater zur Seite stand, Thomas Edward Lawrence. Sein Konterfei ist in einen großen Stein gemeißelt, der vor einer der unzähligen Schluchten in dieser riesigen Wüstengegend thront. Mit seinem Buch „Die sieben Säulen der Weisheit“ hat der gebürtige Waliser dem Wadi Rum ein literarisches Denkmal gesetzt.

In dem 1962 von Regisseur David Lean an Originalschauplätzen gedrehten Epos „Lawrence von Arabien“ kann man sich auf eine geschichtliche Zeitreise in bewegten Bildern begeben. Auch Ridley Scott entdeckte für den Hollywood-Streifen „Der Marsianer“, der voriges Jahr in die Kinos kam, diese Wüstenlandschaft als einzigartige Kulisse.

Für unsere Reise im Süden des heutigen Jordanien sind wir derweil vom Kamel auf einen offenen Geländewagen umgestiegen. Bewegend ist das allemal. Die Räder wühlen sich durch den Sand im Tal des Mondes, wie das fast 75.000 Hektar große Reservat – von der Unesco zur Weltnaturerbestätte ernannt – auch genannt wird.

Die neue, schnellere Fortbewegungsart hat den Vorteil, dass wir noch mehr sehen können vom Wadi Rum mit seinen bizarr anmutenden, bis zu 1800 Meter hohen Gesteinsformationen, die Tafelbergen gleichen, und den Dünen, die mal in gelbe, dann in rostrote Farbe getaucht zu sein scheinen. Wir bekommen eine Ahnung davon, warum Lawrence seine Eindrücke einst mit „göttlich“ beschrieb.

Den ersten Halt gibt es an einer Felsnische, vor die aus Ziegenhaar gewebte Zeltplane gespannt sind. Die Heimstatt auf Zeit einer Beduinenfamilie. Wir werden schon erwartet. Wenig später hat Atah, ein junger Mann Mitte 20, in einer großen Metallschale Holzzweige aufgeschichtet und entzündet. Für die Gäste soll Brot gebacken werden. Das wiederum ist im kleinen Zeltlager Frauensache.

Dieses Arbood, das zusammen mit Ziegenbutter und Joghurt gereicht wird, schmeckt köstlich! Was du nicht unbedingt vermutest, wenn du siehst, wie der Teigfladen aus Mehl, Salz und Wasser in der heißen Asche zubereitet und zum Schluss mit Handklopfen vom dunklen Staub befreit wird. 

Die schwarz gekleidete Beduinin, Mutter von acht Kindern, verrichtet diese Arbeit weitestgehend im Verborgenen. Abstand zu halten zu Fremden gilt hier für Frauen als ungeschriebenes Gesetz. Ihnen unverschleiert zu begegnen, das geht schon gar nicht. Überhaupt ist es ein hartes Leben in der Wüste vor allem für die Beduinenfrauen, die sich auch um die Ziegen und Schafe sowie die Beschaffung von Wasser und Brennholz zu kümmern haben. Und die ihrem Mann gegenüber keine Widerworte haben dürfen, wie es Tradition und Religion gebieten.

Süßer Tee im Wadi Rum

Wenige Stunden später sitzen wir an einem richtigen Lagerfeuer. Der Tag im Wadi Rum klingt aus in einem Camp, das aus im Halbkreis aufgestellten schwarzen Zelten besteht. Kein elektrischer Strom, stattdessen Kerzen: Wir fühlen uns in eine andere Zeit versetzt. So ähnlich muss auch Lawrence von Arabien gelebt haben, wenn er im Wadi Rum unterwegs war. Aus einer altertümlich anmutenden schwarzen Kanne, die von der Glut der Holzreste erwärmt wird, schenkt Atah reihum süßen Tee aus, den die Beduinen so sehr mögen. Eine Sache des Geschmacks, nicht jeder in der Runde ist begeistert. Doch die Atmosphäre ist einzigartig: Immer wieder geht der Blick zum mit Sternen übersäten Himmel.

Gewöhnungsbedürftig wie der süße Tee, in dem der Löffel steckenzubleiben droht, ist das Nachtquartier. Eine einfache Pritsche mit steinharter Matratze einen knappen halben Meter über dem mit einem Teppich abgedeckten Wüstensand verheißt wenig von dem Komfort, den Mitteleuropäer gewohnt sind.

Aber ist es nicht dieser Reiz des Besonderen, der uns in der Abgeschiedenheit von der großen Welt zur Ruhe kommen lässt? Da lässt es sich auch verschmerzen, wenn nach Mitternacht die Kälte der Wüste erst durch die Zeltplane und dann durch die zwei dicken Wolldecken kriecht und uns frösteln lässt. Wir wissen inzwischen ja: Der Morgen, wenn die Sonne hinter den Bergen aufgeht, der entschädigt für alles.