Es ist wuselig. Nicht nur am Flughafen von Hanoi, der Hauptstadt im Norden Vietnams. Mit Verlassen des Flugzeugs tauchen Besucher ein in eine neue Welt: Verkehr nach dem Chaosprinzip, Millionen Mopeds, Lärm und drückende Schwüle. Doch die Akklimatisierung ist schnell erledigt, diese Kultur ist einfach zu faszinierend. Willkommen im Abenteuerland.

Das Zentrum der geschichtsträchtigen Stadt am Roten Fluss gleicht einem Ameisenhaufen. Die Straßen überqueren? Nur mit viel Mut und Entschlossenheit. Denn auch wenn der Verkehr nach Wahnsinn aussieht, steht die gegenseitige Rücksichtnahme bei den meisten Fahrern ganz oben. Der Verkehr fließt einfach um das jeweilige Hindernis herum.

Wir nehmen – ganz umweltbewusst – den Elektro-Caddy für eine Spritztour. Touristenführer Giang Thai Truong von der Agentur HG-Travel kümmert sich rührend und in bemerkenswert gutem Deutsch um seine Schäfchen, kennt gefühlt jeden Winkel und jeden Menschen seiner Heimatstadt. „Ich habe viereinhalb Jahre in der DDR gelebt, studiert und Deutsch gelernt“, erzählt Giang.

Hanoi: Handwerk und buntes Lichtermeer

Die Altstadt Hanois, das „Quartier der 36 Straßen“, mit baulichem Einfluss ihrer französischen Invasoren hat ihren eigenen Charme. Ein Labyrinth aus Gassen und Straßen, in dem Geschäfte und Betriebe nach Handwerk geordnet namensgebend sind. Wir gehen durch Metallstraßen, wo Arbeiter auf dem Gehweg schweißen, flexen und hämmern. Fleischereien präsentieren ihre Spezialitäten gern ungekühlt inklusive Fliegen in der Fleischstraße. Die Gewürz- und Blumenstraßen betören mit ihren Düften und Farben, bei Dämmerung fasziniert die Lampion-Straße als buntes Lichtermeer.

Sich in diesem Mikrokosmos zu bewegen, geht günstig und individuell: Was nicht zu Fuß erreichbar ist, erledigt der Taxifahrer. Das Taxameter ist stets eingeschaltet. Abenteuerlicher wird es per Einheimischen-Moped, deren Fahrer an jeder Ecke auf Kunden warten. Freundlich, aber konsequent verhandelt, gibt es die einfache Zehn-Minuten-Fahrt samt Leihhelm für 20.000 Dong – umgerechnet sind das etwa 80 Cent.

Sehenswürdigkeiten wie die St.-Josephs-Kathedrale in der Nha Tho Street, das Opernhaus, die im sechsten Jahrhundert erbaute Tran-Quoc-Pagode und die Zitadelle Thang Long, sind so unkompliziert erreichbar. Im Jahr 1010 wurde die Zitadelle vollendet, ist Weltkulturerbe und gilt als Grundstein für diese älteste noch bestehende Hauptstadt Südostasiens.

Bizarr-schöne Welt in der Bucht von Ha Long

Der Abend klingt feuchtfröhlich in einer der vielen Bars aus. Die Rechnung: ungewohnt. Eben waren wir noch stolze Millionäre. Ein paar Cocktails später sind wir schon 975.000 Dong ärmer.

Buckelpisten, Transitstädtchen, Nippes-Läden – nach rund vier Stunden schaukeliger Busfahrt ist Meer in Sicht: Die Bucht von Ha Long. Grün bewachsene Karst-Felsen ragen teils mehr als hundert Meter hoch aus dem Wasser. Was für eine bizarr-schöne neue Welt. So schön, dass die Vietnamesen eine Legende um die „Bucht des untertauchenden Drachen“ gebildet haben. So wertvoll, dass die Unesco sie 1994 zum Weltnaturerbe erklärt hat.

Hier, nur noch 180 Kilometer von der chinesischen Grenze im Golf von Tonkin, fernab der drückenden Schwüle des Inlands, leben etliche Einheimische in schwimmenden Fischerdörfchen zwischen den insgesamt 1969 Kalksteinfelsen. Für meist ausländische Firmen arbeiten sie in Austern-Farmen, verkaufen Fisch, Krabben, Perlen und leben vom Tourismus. Sechs dieser schwimmenden Dörfer gibt es offiziell noch. Im größten leben nur knapp 100 Menschen. Die anderen seien von der Regierung umgesiedelt worden, erklärt unser Führer Giang.

Traumlandschaft mit Höhlen und Lagunen

Kleine Häuschen auf Fass-Flöße gezimmert, schaukeln im seichten Wellengang, Netze hängen auf Stangen zum Trocknen aus. Unter ihren Vordächern dösen Fischer in der Mittagssonne, Rauch aus einer Kochstelle überdeckt den algigen Geruch des Wassers. Wer hier körperlich arbeitet, ist ein harter Hund. Ausgerechnet eine 70-Jährige rackert sich ab und rudert uns Touristen mit bloßer Muskelkraft um die Felsen – den eisernen Blick aus ihrem sonnengegerbten Gesicht in die Ferne gerichtet. Wer unbedingt will, kann bei der sengenden Hitze auch selbst an die Riemen, erfahren wir später.

Zurück aufs hölzerne Touristenboot – klimatisiert und mit modernen Kabinen ausgestattet. Der Kapitän schippert den Kahn durch diese Traumlandschaft mit ihren Höhlen, Grotten und Lagunen zum nächtlichen Ankerplatz – grandioser Sonnenuntergang inklusive. Weiter geht es in knapp anderthalb Flugstunden mit einer Vietnam-Airlines-Turboprop von Hanoi nach Danang. Fast eine Million Menschen leben in dieser pulsierenden Küstenstadt Zentralvietnams, die Hanoi mit seiner quirligen Altstadt wie ein beschauliches Städtchen dastehen lässt. 

Mit seiner günstigen Lage am südchinesischen Meer, das die Vietnamesen lieber Ostmeer nennen, und dem breiten Hàn-Fluss, über den sich die feuerspuckende Drachenbrücke spannt, hat sich Danang rasch zu einem lebendigen Handelsplatz entwickelt. Seit einigen Jahren macht sich die Stadt mit zahlreichen Hotelneubauten in erster Reihe des Küstenstreifens für Touristen fein.

Wir brauchen Entschleunigung, Hoi An soll sie liefern. Eingebettet in Reisfelder, auf denen Bauern mit ihren klassischen Kegelhüten und Wasserbüffeln arbeiten, liegt die malerische Altstadt. Nicht weit von Danang und seit 1999 Weltkulturerbe, vereinen sich die Baustile unterschiedlicher Epochen und Kulturen. Japan, China, England, Holland – und natürlich Frankreich hatten bei diesem einmaligen Stilmix die Finger im Spiel. Und haben ihre Kultur auch gleich in die Küche des Landes einfließen lassen.

Hoi An – zauberhafte Märchenstadt

Im Stadtkern bieten Einheimische in beinahe jedem Haus Souvenirs an. Der Kapitalismus ist angekommen im einst antikapitalistischen Bruderstaat der DDR. Dennoch: Dieses Kleinod bleibt ein heißer Tipp, der sich mit seinen Märkten, Bars und Restaurants bei Dämmerung zu einer zauberhaften Märchenstadt inmitten Tausender Lampions verwandelt.

Beseelt von diesen Impressionen ist uns innerhalb weniger Tage klar geworden: Ob Großstadtdschungel oder Urwaldtour, Flussfahrten, Wolkenpass oder der Kaiserpalast samt Pagode in Hue – Vietnam bietet einen schier unerschöpflichen Reichtum an Geschichte und geografischer Abwechslung. Und: Die Vietnamesen sind ein freundliches Volk, das seine Gäste mit offenen Armen und einem herzlichen Lächeln empfängt.