Vom Torbogen weit oben blicken die Wächter herab. Steinerne Gesichter, die ein geheimnisvolles Lächeln umspielt, riesengroß und mit Patina belegt. Grünes Moos wuchert auf ihren halb geöffneten Lidern, Sprünge durchziehen ihre Augen und Münder, so als wollte die Natur im Bunde mit der Zeit den Steinwächtern ihr Geheimnis entreißen. Doch davon scheinbar unbeirrt wahren die Tempelwächter von Angkor ihr mildes, mysteriöses Lächeln.

Vielleicht ist es ein freundliches Willkommenslächeln, beim Eintritt in die historische Dschungelkapitale Angkor. Dort sind auf über 400 Quadratkilometern Hunderte Tempel verstreut, vielleicht auch mehr. Immer wieder werden neue Heiligtümer aus der Zeit der alten Khmer im 12. Jahrhundert entdeckt, und immer wieder lächeln von den freigelegten Wandreliefs, Balustraden und Portalen die steinernen Gesichter.
 
Sie mögen gebrochen sein, zersetzt oder zerfurcht – doch ihr Antlitz ziert stets ein Ausdruck von göttlicher Überlegenheit. So als wüssten die Tempelwächter sehr genau um den Glanz und die Größe in der Geschichte Kambodschas, und auch um die Grausamkeit.

Tuk-Tuk-Fahrern ist Romantik egal

Gut 15 Jahre nach der Schreckensherrschaft der Roten Khmer, deren Wahn vom neuen Menschen mehr als zwei Millionen Menschen geopfert wurden, macht sich Kambodscha daran, touristisch zu den Nachbarn Thailand und Vietnam aufzuschließen. Die Tempelanlage von Angkor Wat – UNESCO-Weltkulturerbe seit 1992 – besuchen inzwischen mehr als zwei Millionen Touristen jährlich. Am liebsten frühmorgens zum Sonnenaufgang, wenn die mächtigen und doch filigran gearbeiteten Türme des Tempels wie Scherenschnitte in den Himmel ragen, gleich Lotusknospen in gelbrotem Meer. 

So ein Spektakel kann natürlich schnell kitschig geraten, aber das weiß die knatternde Schar wartender Tuk-Tuks schon zu verhindern. Den rührigen Tuk-Tuk-Fahrern ist Romantik ziemlich egal, sie werben um die nächste Reisegruppe, die sie in ihren Motorrikschas vorbei an silbrig schimmernden Reisfeldern zurück in die Provinzstadt Siem Reap bringen können. 

Tagsüber, wenn die Touristen zu den Tempeln in der Region aufgebrochen sind, ist in Siem Reap nichts los. Mal abgesehen von jenen Ecken, in denen Bauarbeiter das nächste Hotel hochziehen. Doch abends, wenn sich der Nachtmarkt über das Zentrum ergießt, ist die Kleinstadt wie verwandelt.

Frauen und Kinder verkaufen Tücher, Keramik und Souvenirs. Aus jeder noch so kleinen Bar quellen US-Beats und Asia-Pop. Händler preisen lautstark frische Obstsäfte an, andere brutzeln Reisgerichte in Garküchen auf Rädern, und wieder andere laden zum Probieren recht besonderer kambodschanischer Spezialitäten ein: frittierte Taranteln, Heuschrecken, allerlei Sorten Käfer. Kross und salzig sollen sie schmecken, wie Kartoffelchips. 

Der Nachtmarkt von Siem Reap ist ein Ort der Aufbruchstimmung. Hier hat jeder Lust am Geschäftemachen, bezahlt wird in US-Dollar. Doch die meisten Kambodschaner leben in Armut, meist als Selbstversorger auf dem Land. In den Dörfern, in den Hütten auf Stelzen, fließen weder Strom noch Wasser. Es gibt Menschen, die gut davon leben, abends von Familie zu Familie zu ziehen, um die Mobiltelefone der Leute auf dem Land einzusammeln, sie über Nacht aufzuladen und am nächsten Morgen mit vollem Akku zurückzubringen.

Der Tourismus bringt jetzt Geld ins Land, er birgt auch Chancen. Die zahlreich vertretenen Hilfsorganisationen haben viele soziale, auf den Besucherstrom gestützte Projekte ins Leben gerufen. Der Massagesalon Seeing Hand in Siem Reap ist so ein Beispiel: Dort massieren Oun und ihr Ehemann ohne Öl nach alter Khmer-Art, beide sind blind. „Wir sind sehr glücklich, dass wir gute Arbeit haben. Wir bringen nicht nur uns und unsere zwei Kinder über die Runden, sondern auch unsere Eltern“, sagt Oun.

Auf holprigen Straßen nach Phnom Penh

Auf der holprigen Fahrt nach Süden über die Nationalstraße 6 in Richtung der Hauptstadt Phnom Penh ahnst du, was Sreynich meint. Dürre Wasserbüffel sind die einzigen Hilfsmittel der Menschen, die sich auf den Reisfeldern krümmen. Und wie ein Aufeinanderprallen vergangener Jahrhunderte wirkt es, als sich kurz hinter der Hauptstadt plötzlich Wellblechhallen bis an den Horizont erstrecken: Nähfabriken meist chinesischer Investoren, von denen sich jetzt immer mehr in Kambodscha ansiedeln.
 
Wy hat die sogenannten Sweatshops nie gesehen, denn der 26-Jährige hat das Paradies, das seine Heimat ist, nie verlassen. Fernweh kennt er trotzdem nicht – Wy scheint sehr genau zu wissen, wie unwahrscheinlich schön der Urwald in der Provinz Koh Kong im Nordwesten des Landes ist. Er arbeitet als Touristenführer für ein kleines Hotel mitten im Urwald. In einem alten Kahn fährt er tagsüber Touren zum donnernden Tatai-Wasserfall, und bei Dunkelheit schippert er Urlauber zu den blinkenden Glühwürmchen in den Mangroven.
 
Wy sagt, er habe Glück, dass der Tourismus jetzt in seine Heimat kommt, sonst hätte auch er wohl zum Geldverdienen in die Hauptstadt gemusst. Und während hinter ihm der Wasserfall rauscht, schiebt er noch nach: „Wir müssen dafür sorgen, dass die Natur hier bleibt, wie sie ist.“ 

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