Eine kleine Rauchsäule steigt aus dem alten Schornstein des Pförtnerhäuschens von Hoddom Castle empor. Ein Gebäude aus dem 16. Jahrhundert mit einem großen Tisch und einem alten Sandsteinkamin. Hier treffen sich mehrmals täglich Angler und fachsimpeln. Alles geht etwas gemächlicher zu. Angler kennen keine Eile.

Fliegenfischen in Perfektion

Bei einer Tasse Kaffee und Zitronenkuchen reden der Zollbeamte Tobias, der Verwaltungsoberamtsrat Jürgen, der Rentner Bernhard, der Ingenieur Rolf und der evangelische Pfarrer Bert über Angelrouten und verschiedene Techniken des Fliegenfischens. Unter ihnen befindet auch der Schlossherr und Großgrundbesitzer George Birkbeck. 

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 Sein Besitz umfasst etwa 5.000 Hektar Land, mit zwei Golfplätzen, drei Campingplätzen und einem Sägewerk. Ein ganz besonderes Glanzstück auf seinem Anwesen sind vier Flussmeilen. Dort kann einer ganz besonderen Art des Angelns, dem Fliegenfischen, in seiner ganzen Perfektion nachgegangen werden.

George Birkbeck vergibt persönlich die Tageslizenzen fürs Angeln und teilt die einzelnen Reviere ein. Die hessischen Fliegenfischerfreunde gehören zu den Stammgästen. Sie schätzen das Revier und die Gastfreundschaft. Nicht selten steht der Schotte George selbst am Grill und serviert Lammkoteletts von Tieren aus seiner eigenen Herde oder frischen Lachs aus dem Annan. „George ist klasse. Keiner kann das Lamm besser zubereiten, außerdem kennen noch nicht so viele Touristen dieses zauberhafte Gebiet“, schwärmt Jürgen, der schon seit Jahren regelmäßig in die südwestlichen Lowlands nach Dumfries and Galloways reist.

Gretna Green: Ein Ort zum (jung) Heiraten

Zu dem malerischen Landschaftsrelief gehören die sonnige Südküste, steil aufragende Berge und Urwälder im Miniformat, durch die sich wahre Anglerparadiese – mäandernde Flüsse – ihren Weg bahnen. Von Steinwällen eingerahmte Weideflächen wechseln sich mit kleinen Dörfern und vereinzelten Schlössern ab.
 
Bekannt geworden ist die Region Dumfries and Galloway durch jugendliche Ausreißer mit Hochzeitsambitionen in dem englisch-schottischen Grenzort Gretna Green. Ab 1753 war nach dem Gesetz in England eine Heirat nur legal, wenn die Eltern einwilligten. In Schottland dagegen war es zunächst 14-jährigen Jungen und zwölfjährigen Mädchen, später ab 1926 16-jährigen Jugendlichen erlaubt zu heiraten, wenn sie ihre Absicht vor zwei Zeugen erklärten. „Über dem Amboss“ vollzog der Schmied in Gretna Green die Zeremonie, und ein Schlag genügte, um die Hochzeit zu besiegeln.
 
In nur 13 Jahren traute beispielsweise Mr. Rennison, einer der letzten Schmiede, 5.147 Paare in der kleinen Werkstatt. Seit 1940 sind aber auf Druck der Kirche die Amboss-Ehen ungültig. Heute zeugen in einem kleinen Museum neben der Schmiede viele Dokumente von der ungewöhnlichen Hochzeitshochburg.

Trauung mit Dudelsackmusik

Geheiratet wird in Gretna Green aber immer noch wie am Fließband, besonders an den Wochenenden. Ob nur in Begleitung eines schottischen Dudelsackspielers oder mit einer feierlichen Gesellschaft.
Nachdem sich die Fliegenfischer am Annan geeinigt und sich zwischendurch gegenseitig ihre kleinen Schatzkisten mit den farbenfrohen Fliegenködern – filigrane Kunstwerke aus Federn und Draht – gezeigt haben, geht es im Gänsemarsch mit den langen Ruten in der Hand über eine alte Steinbrücke an eine flache Stelle am Ufer. Dort werden sie von Lara Stroh erwartet. Die 19-jährige Münchnerin steht mitten im Fluss. Das Wasser umspült ihre Beine. Elegant wirft sie die Angelschnur aus. Blickt ihr kurz nach, verfolgt den Weg des kleinen bunten Köders, der von der Strömung etwas mitgezogen wird. Ein wenig bleibt die Schnur auf der Wasseroberfläche liegen, nimmt den Lauf des Flusses auf, die Anglerin nimmt die Strömung wahr, fühlt den Lauf des Flusses und geht vorsichtig mit. Bald schon holt Lara die Schnur wieder ein, um mit einem neuen, zielgerichteten Wurf zu starten. Was ganz einfach aussieht, erfordert Körperbeherrschung und jahrelanges Training.

Fliegenfischer haben Ausdauer

Kleine Schleifen, kunstvolle Spiralen, weite Bögen: Immer neue Muster entstehen beim Auswerfen der langen Angelschnur. Die Bilder wechseln im Bruchteil einer Sekunde. Stundenlang stehen die Fliegenfischer im Annan, trainieren ihre Geschicklichkeit. Schon als Vierjährige begleitete Lara ihren Vater Robert beim Fischen. Immer häufiger versuchte sie sich selbst in der schwierigen Wurftechnik. Inzwischen kann sie mit den erfahrenen Fliegenfischern locker mithalten. „Manchmal dauert es einen ganzen Tag, bis einer anbeißt. Für mich ist das Fliegenfischen aber eine tolle Kombination aus Bewegung sowie Natur- und Landschaftsgenuss“, erklärt die junge Frau lächelnd. Seit sie vor vier Jahren das schottische Revier für sich entdeckte, hat es sie nicht mehr losgelassen.

Ein Herz für Fische

Ruhig und geduldig stehen auch ihre Kollegen aus Hessen im Fluss. Unter Anweisung von Spey-Casting-Weltmeister Gary Scott verfeinern sie dort ihre Technik. Gehen sie ein paar Schritte, bilden sich auf der Wasseroberfläche Ringe um die Beine – wie die Kreise aus Kieseln in einem asiatischen Zengarten. Die Ruhe wirkt ansteckend.
 
Kaum haben sich die Zuschauer auf das meditative Spiel eingelassen, erklingt ein Jubelschrei. „Das ist bei mir immer so, wenn einer anbeißt. Aber hier geht es nicht ums Töten, sondern um das Fangen. Bei dieser Sportart ist es eigentlich nur wichtig, den Fluss zu spüren“, sagt Jürgen Spothelfer, der gerade eine Bachforelle am Haken hat. Meist werden die Fische wieder in das Wasser gesetzt. Sollte der Kühlschrank aber leer sein und ein Lachs hat angebissen, wird dieser dann gern vor Ort zubereitet oder auch für ein Festmahl präpariert.

Geräucherter Lachs aus dem Annan

Dazu reisen die Angler dann in Allan Edward Watsons Smokehouse in Carsluith. Nach einer Bilderbuchtour durch eine sattgrüne Almlandschaft, die von Steinwällen, vereinzelten Häuschen sowie friedlich weidenden Schafen und Kühen geprägt ist, führt der Weg bis zur Küste.
 
Dort erklärt Allan Edward Watson in seiner Räucherei, wie er die Waren verarbeitet. Nachdem er den Lachs in ein Salzbett gelegt hat, wird der Fisch mit einer Marinade aus Rum und Sirup eingerieben. Danach lagert er ihn zwischen zwölf und 48 Stunden bei Raumtemperatur. Anschließend räuchert der Fachmann den Fisch bei maximal 30 Grad für etwa weitere 48 Stunden über Sägemehl aus amerikanischen Eichenfässern, in denen sich Whisky oder Sherry befanden. Kleine Kostproben beweisen es: Die Fliegenfischer sind von dem einmaligen Geschmack mit Nuancen von Holz, Rauch, Whisky oder Sherry begeistert.