Palidan Sarungallo hat keine Angst. 65 Jahre alt ist der stolze, aber bescheidene Mann, allerdings sieht er älter aus. Vielleicht liegt das an den Nelkenzigaretten, die er seit seiner Jugend raucht. Kreteks, wie die Indonesier sagen, haben einen derart hohen Nikotin- und Teergehalt, dass die meisten Marken in Europa verboten sind. Mag sein, dass der alte Mann dadurch ein kürzeres Leben hat – aber der Tod verbreitet im Land der Toraja weit weniger Schrecken als in Europa.

In den von Dschungel bedeckten Bergen der Insel Sulawesi hat sich ein Totenkult erhalten, der weltweit einmalig ist in seiner Vermischung christlicher und naturreligiöser Elemente. „In Puya (dem Jenseits) begegne ich meinen Vorfahren, sie sind alle da“, sagt Sarungallo. Wenn er stirbt, werde das Dorf ein paar Wasserbüffel für ihn opfern und einige Schweine, sagt er. „Das reicht.“ Er weiß, dass er untertreibt. Für seine Mutter, die im Jahr 2011 starb, wurden 56 Wasserbüffel geopfert – und mehr als 200 Schweine.

Schrumpfköpfe zierten die Häuser

Sarungallo ist im Land der Toraja ein großer Mann, er ist Patriarch einer adeligen Familie, Dorfvorsteher, Zeremonienmeister und protestantischer Pfarrer. Wenn eine so hochrangige Person stirbt, opfern die Toraja meist mehrere Hundert Tiere. Im Land der Toraja ist das kein Widerspruch zum christlichen Glauben. Puya und der Himmel sind derselbe Ort. Die 600.000 Bewohner des Hochlandes glauben, dass Puya das Abbild der realen Welt ist und die Seelen der Verstorbenen hier ihr irdisches Dasein einfach fortsetzen. Die Opfergaben nehmen sie mit auf ihre Reise, damit es ihnen in Puya an nichts mangelt.
 
Lange waren die To-ri-aja (übersetzt: Menschen im Inneren) kriegerische Völker und Kopfjäger, Schrumpfköpfe zierten als Trophäen ihre Häuser. Heute findet man Hinweise auf diese Traditionen noch bei Festivitäten wie etwa Hochzeiten, Hauseinweihungen – oder Begräbnissen.
 
Zu Ehren einer Toten sind heute rund 3.000 Toraja ins Dorf ihrer Familie gekommen. Im Rahmen der sechstägigen Begräbniszeremonie richtet die Familie von Martina Papu Ne’ Ba’ru einen Stierkampf aus. Die Gäste stehen am Bambusgatter, das die Arena begrenzt, und wetten Geld, die Eigentümer der kämpfenden Stiere zahlen 100.000 Rupien Startgeld. Die Familie hält die Bank.

Zum Begräbnis werden Büffel geopfert

Bei anderen Feiern gibt es Hahnenkämpfe, die in Indonesien sonst verboten sind. Im Land der Toraja gilt aus Traditionsgründen eine Ausnahme. Stolz zeigt ein Besitzer seinen besten Hahn – für kräftige, geschickte Tiere werden bis zu vier Millionen Rupien gezahlt (umgerechnet rund 260 Euro).
 
Beim Begräbnis von Martina Papu Ne’ Ba’ru werden Dutzende Büffel geopfert. Sie war eine Priesterin des alten Glaubens, im Alter von 90 Jahren ist sie gestorben. Vor drei Jahren. Seither liegt der Körper in einem eigenen Zimmer im Stammhaus der Familie. Die Verwandtschaft hat lange um die Urgroßmutter getrauert, dann ihren Körper kunstvoll einbalsamieren und konservieren lassen.

Bestattung in Hütten oder Felswänden

Martinas Schwiegertochter Agustina führt die Gäste der Begräbnisfeier zum Sarg der Urgroßmutter, der in einer Kammer unter dem riesigen Schiffsdach des hölzernen Stammhauses steht. Drei Jahre nach dem Tod von Martina Papu Ne’ Ba’ru hat die Familie nun genug Geld gespart, um die aufwendige Begräbniszeremonie auszurichten. So lange galt die alte Frau als „krank“. Erst wenn der Körper zur letzten Ruhe in ein Grab gebettet wird, benutzen die Toraja das Wort „tot“.
 
Der Tod ist in der abgelegenen Bergregion ein selbstverständlicher Begleiter des Alltags – allerdings ein wesentlich freundlicherer als in der westlichen Zivilisation. Bunt geschmückte Gräber säumen die Straßen und Wege. Die Verstorbenen werden nicht in der Erde vergraben, sondern in eigens gebauten Hütten oder in Felswänden bestattet.
 
Nicht selten zieren lebensgroße Puppen die Gräber, die nach dem Vorbild der Verstorbenen angefertigt und eingekleidet werden. Auch Höhlen sind Begräbnisstätten. Schädel und Knochen liegen hier ganz selbstverständlich herum, nachdem die Särge über die Jahrhunderte verwittert sind.

Toraja sind ein altes Volk

Die Toraja sind ein altes, stolzes Volk. Während Häuser in Indonesien sonst gern aus Wellblech, Brettern und Plastik zusammengepfuscht werden, bauen die Toraja seit Jahrhunderten massive, kunstvoll verzierte Holzhäuser mit spektakulären Dachkonstruktionen, die an die Form von Schiffen erinnern. Manche Anthropologen sehen darin einen Hinweis auf eine Vergangenheit als Seefahrervolk, das von nachrückenden Völkern in den Dschungel abgedrängt wurde. Andere glauben, dass die Dächer dieser Tongkonau auf die Hörner von Wasserbüffeln hinweisen, die in der Mythologie der Toraja eine zentrale Rolle spielen.
 
Als Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten holländischen Missionare das Dschungelvolk erreichten, beharrten sie darauf, dass die Toraja dem alten Glauben abschwören. Sie bezahlten ihren Eifer mit ihrem Leben. „Die nächsten Missionare waren vorsichtiger – und erfolgreicher“, erzählt Reiseführer Eman Suherman. So erreichten sie immerhin, dass die Sklaven eines verstorbenen Adeligen nicht mehr gemeinsam mit den Büffeln und Schweinen geopfert wurden. Auch die Leibeigenschaft wurde im Torajaland erst im Laufe des 20. Jahrhunderts abgeschafft.
 
Durch die Missionierung entstand der toraja-typische Mischglaube aus altem Geisterkult und Protestantismus. Manchmal ergeben sich daraus für westliche Besucher merkwürdige Situationen. So steht bei einer Hauseinweihung der dunkelhäutige Zeremonienmeister in goldglänzender Kleidung neben einem Berg aus geopferten Schweinen – und stellt sich mit den Worten vor: „Guten Tag, ich bin der evangelische Pastor.“