Manches im Leben ist einfach eine Frage der Perspektive. Um zu sehen, wie idyllisch Bristol liegt, schaust du am besten von oben auf die südwestenglische Hafenstadt, aus einem der hierzulande besonders populären Heißluftballons. Der Blick wandert über eine Bilderbuchlandschaft, über Schafe und Kühe, über schmale Landstraßen und winzige Höfe. Nicht zu Unrecht wurde Bristol 2015 „European Green Capital”, Europas Umwelthauptstadt. 

Bristol ist das große Vorbild

Wer Großbritannien schon ein bisschen länger kennt, ist überrascht. Ein Land, in dem in Geschäften bis heute Plastiktüten in ähnlicher Menge wie Wechselgeld gereicht werden und in dem Radfahrer über Jahre ungefähr so exotisch waren wie Autos mit dem Lenkrad auf der linken Seite. 

Aber Großbritannien hat in Sachen grüner Politik in den vergangenen Jahren massiv aufgeholt. Alternative Energien, gesunde Ernährung, Fitness, Energiesparen – das alles leben viele Briten inzwischen im Alltag. Und Bristol ist in dieser Hinsicht seit Langem so etwas wie der Antrieb gewesen. Die Stadt gilt heute als energieeffizienteste und CO2-neutralste Stadt des Vereinigten Königreichs. Das zeigt sich an vielen Stellen – zum Beispiel in der Gastronomie.

Regionale Produkte haben Priorität

Liz Carrad, Mitinhaberin des Source Cafés im historischen St. Nicholas Market, pflegt enge Beziehungen zu ihren Lieferanten. Sie kombiniert Restaurant und Lebensmittelgeschäft und setzt dabei auf Produkte aus der Region. „Als wir vor fünf Jahren eröffnet haben, wollten wir unseren Gästen erklären können, woher jedes einzelne Produkt stammt und wie es produziert wurde.“ Eine Maxime, die bis heute gilt. Und nicht nur in den alten Markthallen, auch im Universitätsviertel Clifton haben bei vielen Gastronomen lokale und saisonale Produkte oberste Priorität.
 
Freddy Bird etwa, Chef des hippen Restaurants Lido im alten Stadtteilschwimmbad von Clifton, kauft nicht nur ganz generell bei lokalen Produzenten ein; es sind zudem einfache Badegäste, die ihn mit der Ernte aus ihrem Garten versorgen. 

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Eines der bedeutendsten Projekte für den Umweltschutz in Großbritannien begann 1984 in der Nähe des Hafens von Bristol: Die gemeinnützige Organisation Sustrans schaffte es damals, eine stillgelegte Eisenbahnstrecke zwischen Bristol und der Nachbarstadt Bath zu einem idyllischen Fernradweg auszubauen.

Radweg von Bath nach Bristol

Dieser rund 20 Kilometer lange Bristol and Bath Railway Path gilt längst als eines der Highlights der Region. Und er wurde Ausgangspunkt eines gigantischen Vorhabens: Mithilfe von Sustrans wurde ein Fernradwegenetz durch das ganze Land aufgebaut. Heute misst dieses National Cycle Network 23.700 Kilometer durch England, Schottland, Wales und Nordirland; weite Teile davon sind autofrei.

Wissenschaftsmuseum „At Bristol“

Dass auch Touristenattraktionen durchaus nachhaltig betrieben werden können, will das Projekt „At Bristol“ am alten Hafen beweisen. Das insbesondere auf Kinder und Jugendliche ausgelegte Wissenschaftsmuseum in einem früheren Eisenbahndepot befasst sich seit seiner Eröffnung im Jahr 2000 mit innovativen Techniken. Neben einer Solaranlage auf dem Dach sorgt ein intelligentes Heizungssystem dafür, dass vor allem nachts, wenn der Rest der Stadt kaum Strom verbraucht, Wärme gespeichert und tagsüber wieder abgegeben wird.
 
„Zur Eröffnung war das hier noch der Rand der Stadt“, blickt Chris Dunford zurück, Umweltexperte von At Bristol, „und niemand wusste so recht, was Nachhaltigkeit eigentlich bedeutet.“ Inzwischen sei dies anders: Besucher interessierten sich gerade für grüne Aspekte der Ausstellung – und rund um das Museum hat sich aus dem stillgelegten Hafengebiet ein neuer Stadtteil entwickelt.

Wahrzeichen: Die Clifton Suspension Bridge

Das Museum M-Shed erinnert auf der anderen Uferseite an die Vergangenheit als große Seefahrerstadt, vor allem aber ein Stück weiter die „SS Great Britain“. Dieses erste schraubenangetriebene Stahlschiff der Welt befindet sich heute in demselben Trockendock, in dem es 1843 gebaut wurde. Sir Isambard Kingdom Brunel konstruierte es, jener geniale Ingenieur, der Großbritannien auch die Great Western Railway bescherte, die Eisenbahnverbindung zwischen London und Cornwall. In Bristol verewigte er sich mit dem unbestrittenen Wahrzeichen der Stadt: der Clifton Suspension Bridge, einer der beeindruckendsten Hängebrücken der Welt, über der Schlucht des Flusses Avon.
 
Die Bristol Packet Boat Trips wollten ein Stück von Brunels altem Erfindergeist aufgreifen und bauten Ausflugsschiff, das ausschließlich mit Brennstoffzellen betrieben wird. Kapitän Luke Dunstan stolz: „Es ist eines von zweien, die es weltweit gibt.“
 
Bei der alljährlichen Bristol Balloon Fiesta, dem größten Heißluftballonfestival Europas ließ Traditionshersteller Cameron Balloons aus Bristol übrigens den ersten solarbetriebenen Heißluftballon der Welt starten. Heißluftballons sind über Bristol jeden Tag zu sehen, die mehrfach täglich vom großen Parkgelände Ashton Court starten. Eine Fahrt lohnt unbedingt. Schöner und umweltfreundlicher kann man das grüne Bristol nicht genießen.