Weltreise mit Gitarre und Rollstuhl | reisereporter.de

Eamons Abenteuer: Mit Gitarre und Rollstuhl um die Welt

Eamon ist eines Tages einfach losgereist. Er wollte herausfinden, wie sehr er sich in der Welt verlieren kann. Ein Plan? Nicht wichtig. Abenteuer? Umso wichtiger. Sein Rollstuhl? Kein Hindernis. Der reisereporter hat mit ihm gesprochen.

Eamon hält seinen Rollstuhl während der Reise über den Kopf.
Eamon mag Pläne auf Reisen nicht, dafür aber große Abenteuer.

Foto: Eamon Wood

Eigentlich war der Plan, die 250 Kilometer lange Strecke von Miami nach Key West zu trampen, um dort mit Touristen und Einheimischen den legendären Sonnenuntergang zu feiern. Doch dann erzählte ihm jemand, dass es auch einen Radweg nach Key West gebe, den „Florida Keys Overseas Heritage Trail“. Also entschied sich Eamon, mit dem Rollstuhl zu fahren. Er schlief eine Nacht drüber und rollte los – „das Wetter war gut, warum also nicht?“

Dieser kleine Teil von Eamons Weltreise ist typisch für den 28-Jährigen aus Neuseeland. Acht Monate lang war er unterwegs und entdeckte England, Schottland, die USA, Spanien, Frankreich, Dänemark, Schweden, Norwegen und China.

Eamon unterwegs vor Wasserfällen.
Seinen Bart hat Eamon während der Reise nicht rasiert. Foto: Eamon Wood

Geplant habe er die Reise nicht. „Ich wollte sehen, wie sehr ich mich in der Welt verlieren kann“, erzählt er dem reisereporter. Eamon nahm, was kam – sei es ein günstiger Flug, eine günstige Mitfahrgelegenheit oder eine spontane Unterkunft. Und davon gab es viele. „In der ersten Nacht habe ich in einem Hostel geschlafen, eine Nacht auf einer Brücke im Freien, eine Nacht auf einer Parkbank, eine Nacht auf einem Hausboot, und, und, und.“

Wie gesagt, Pläne findet Eamon überbewertet. „Ich wollte lernen, im Hier und Jetzt zu sein und aus meiner Routine auszubrechen. Dabei habe er auch bemerkt, dass er mit „unfassbar wenig auskommt“. Ein Rasierer gehörte nicht zu den wichtigen Dingen – acht Monate lang rasierte sich Eamon nicht. Passenderweise schreibt er seinen Blog unter dem Motto „Ein Mann, ein Rollstuhl, ein Bart“. 

  

Eamons Reise in Bildern

Losgefahren ist er mit großem Gepäck: Zelt, Schlafsack, Zeitschriften, Bücher, Laptop, ein großer Backpack und etliches mehr. „Aber nach einiger Zeit merkte ich, dass ich das alles nicht brauchte. Also habe ich kurzerhand meinen Rucksack, meinen Schlafsack und mein Zelt weggegeben und fast alle Klamotten für wohltätigte Zwecke gespendet.“

Was blieb, war ein kleiner Rucksack mit wenigen Anziehsachen, das Handy und seine geliebte Gitarre. Durch Straßenmusik verdiene er sich zwischendurch auch ein bisschen Geld für die Reise dazu. 

Seine Spontaneität habe ihm zum inspirierendsten Moment auf seiner Reise verholfen, mitten im Nirgendwo in der Natur. „Nachts in den Himmel zu schauen und zu realisieren, wie groß alles ist, das hat mich unfassbar inspiriert.“

Reisen mit dem Rollstuhl bedeutet Grenzen zu überwinden

Die lange Reise mit dem Rollstuhl bedeutete für Eamon auch, an Grenzen zu gehen und sie zu überwinden. Als er vier Jahre alt war, wurde seine Wirbelsäule bei einem Autounfall unheilbar beschädigt. Seitdem sitzt er im Rollstuhl.

Und: „Viele Orte auf der Welt sind nicht für Rollstühle gemacht“, erzählt Eamon. Vor allem in England habe er in älteren Gebäuden Probleme gehabt. Aber auch in anderen Ländern machten es Treppen oft schwer, in Gebäude, Züge oder Busse zu kommen.

Doch aufgeben war und ist für Eamon keine Option.

Für Treppen hat er mehrere Techniken: Mit viel Muskelkraft Stufe für Stufe hinunterlassen oder hinaufziehen. Oder aus dem Rollstuhl klettern und sich selbst samt Rollstuhl hinaufziehen. „Das bedeutet nur, dass ich länger brauche, um igrendwohin zu kommen, aber es hat mich niemals aufgehalten“, sagt er dem reisereporter.

Nicht auf der Reise, nicht in seinem Leben. Auch im Alltag bringt er sich gern an seine Limits. Er ist Ingenieur und Profisportler, repräsentiert Neuseeland im Rollstuhl-Basketball und Tennis.

Er sei nicht besonders mutig, findet Eamon. Er habe sich einfach nur getraut. „Das Schwierigste ist, ‚Ja‘ zu sagen. Wenn ihr das getan habt, fühlt sich alles danach so einfach an wie bergab zu rollen. Die Welt ist so ein wunderbarer Ort. Und mit welchen Problemen ihr auf Reisen auch immer zu kämpfen habt: Es gibt überall großartige Menschen, die euch helfen. Ich selbst habe die tollsten Menschen, die ihr euch nur vorstellen könnt, auf der Reise kennengelernt – überall auf der Welt.“ 

Die Weltreise war nur „eine kleine Übung“

Ohne Probleme war auch seine Reise nicht. „Die Anfangszeit in den USA war hart“, erzählt er dem reisereporter. „Ich kannte in New Jersey niemanden, hatte lediglich für ein paar Nächte ein Motel, und mir ging das Geld aus.“ Eigentlich hatte er sich dort einen Van kaufen und einen Roadtrip durch die Staaten machen wollen. „Aber einen billigen Wagen zu finden war schwierig. Außerdem waren die Leute nicht freundlich, es gab keine Natur, nur große Straßen.“

Eamon tat, was er immer tat, und versuchte, das Beste aus der Situation rauszuholen. „Ich habe einfach gehofft, dass der Rest von Amerika nicht so sein würde – und er war es nicht.“

Die kleine Weltreise war erst der Anfang – „eine kleine Übung, wie ich richtig reise“. Nach einem Jahr Ausspannen und Basketball in Neuseeland will er Ende 2018 die „echte Reise“ starten. „Wir haben riesige Freiheit, wir müssen uns nur für sie entscheiden. Ich werde einfach losfahren und sehen, wo ich lande…“

Eamon in seinem Rollstuhl vor einer Wand mit der Aufschrift „I love you so much“.
Eamons Botschaft an uns alle: Traut euch, dann erfahrt ihr Wunderbares. Foto: Eamon Wood

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