Am Bahnhof von Kandy herrscht früh am Morgen dichtes Gewusel. Gruppen von Kindern in weißen Schuluniformen, Frauen in bunten Saris, Großfamilien, Männer in Arbeitskleidung und Dutzende von Rucksacktouristen warten auf den Zug, der sie von der alten Königsstadt Richtung Hochland bringen soll. Doch als die sichtlich betagte Eisenbahn mit lautem Quietschen ins Gleis einläuft, haben sich die Gruppen in Windeseile sortiert: Eine Handvoll Passagiere strebt auf die Waggons der ersten Klasse zu, eine etwas größere Gruppe erklimmt die zweite, während sich vor den Wagentüren der dritten Klasse eine riesige Menschentraube staut.

Die meist Einheimischen nehmen dafür, dass sie hier nur ein paar Rupien für die Fahrt zahlen müssen, in Kauf, dass sie über Stunden nur einen Stehplatz haben. Ein schriller Pfiff kündigt die Abfahrt an, ruckelnd setzt sich der Zug in Bewegung. Noch im Anfahren springen die letzten Passagiere auf die Trittbretter, krallen sich mit den Händen an der Haltestange der offenen Tür fest. Viereinhalb Stunden sind es bis Nuwara Elya, der höchstgelegenen Stadt Sri Lankas, und dem Hauptanbaugebiet des Ceylon-Tees.

Zugfahrt zum Tee-Anbaugebiet

Dabei legt der Zug dorthin nur rund 90 Schienenkilometer zurück – Zeit genug, die sich allmählich verändernde Landschaft in aller Ruhe an sich vorbeiziehen zu lassen. Kleine Straßendörfer prägen die ersten Kilometer das Bild. Nur ein schmaler Grünstreifen trennt die Häuser der Einwohner von den Gleisen.

In einem Vorgarten grast eine angeleinte Kuh – nur Zentimeter vom vorbeiratternden Zug entfernt. Der hält an jedem noch so kleinen Bahnhof – und mitunter auch für längere Zeit aus unersichtlichem Grund mitten auf der Strecke. Viele Passagiere springen heraus, um sich die Beine zu vertreten, bis der Zugführer mit einem schrillen Pfiff die Weiterfahrt ankündigt. 

Immer wieder steigen an den Haltestellen fliegende Händler zu, um den Fahrgästen kleine Leckereien zu verkaufen: Frisches Obst oder geröstete Erdnüsse, Popcorn oder mit einer scharfen Chilipaste gefüllte Brötchen, eingepackt in zu Tüten gefalteten alten Schulheften. Der Preis dafür variiert je nach der Wagenklasse – wer sich die bequemen, je nach Fahrtrichtung drehbaren Sitze und die Einrichtung einer Klimaanlage leistet im ersten Waggon, kann schließlich auch ein paar Rupien mehr berappen als die Passagiere in der restlos überfüllten Holzklasse.

Der Abstand zwischen den Dörfern wird größer, die Landschaft noch grüner, die Vegetation ändert sich. Nach Palmen und Bananenplantagen säumen Farne, Eukalyptusbäume und Zypressen die Strecke. Es wird zunehmend hügeliger – und merklich kühler. Schließlich sind zwischen Tief- und Hochland Temperaturunterschiede von 15 Grad keine Seltenheit. Nach knapp zwei Stunden sind die ersten Teeplantagen zu sehen.

Rote, gelbe und blaue Farbtupfer sind in den akkurat angelegten grünen Feldern auszumachen – es sind Teepflückerinnen in ihren bunten Saris bei der anstrengenden und wenig rückenschonenden Arbeit. In Nanu Oya ist für die meisten der Passagiere Endstation. Der Ort ist der nächstgelegene Bahnhof von Nuwara Eliya, die Kleinstadt im Zentrum der Teeplantagen.

Ceylon-Tee ist harte Arbeit

Auf den ersten Blick könnte es sich um einen typischen Ort in England handeln: An jeder Ecke zeigt sich das koloniale Erbe des 19. Jahrhunderts. Noble Hotels wie das St. Andrews im Tudorstil, in dem weiß behandschuhte Kellner feine Gurkensandwiches zum Fünf-Uhr-Tee servieren, oder der Hill Club verströmen britisches Flair. Es gibt einen Golfplatz, eine Pferderennbahn und einen mit filigraner Gartenkunst großzügig ausgestatten, weitläufigen Park, die Polizeiwache residiert in einer Villa im viktorianischen Look, nahezu alle Touristenherbergen haben englische Namen, es gibt einen Pub und das Postamt aus rotem Backstein inmitten des Ortes könnte auch in Cornwall oder Yorkshire stehen.
 
Kilometerlang erstrecken sich rund um Nuwara Eliya die Teeplantagen. Auf knapp 200.000 Hektar wird auf Sri Lanka Tee angebaut und in rund 700 Fabriken verarbeitet. Die Hochlage, die Temperaturen, der regelmäßige leichte Nieselregen bieten optimale Bedingungen für die Pflanzen. 

Ceylon tea - Step 1: pick leaves #ceylan #nuwaraelya

A photo posted by Vincent (@super_v_) on

Ceylon-Tee ist weltberühmt – doch die Ernte der Teeblätter eine harte Arbeit für die Pflückerinnen. 15 bis 20 Kilogramm ist das persönliche Tagespensum. Geerntet wird vornehmlich in den frühen Morgenstunden, jeden Abend werden die großen Körbe mit den abgeernteten, jungen grünen Blättern in der Fabrik gewogen und das Ergebnis in einer persönlichen Liste vermerkt.

Die beste Qualität geht in den Export

Sivakavo Kalaivami führt Besucher durch die Teefabrik Pedro Tea Estate am Stadtrand von Nuwara Eliya und erklärt die einzelnen Schritte von der frischen Pflanze zum Endprodukt. Nach dem Wiegen werden die sattgrünen, jungen Blätter auf mit Netzen bespannten Bottichen per warmem Luftstrom zunächst entfeuchtet, dann in sogenannten Rollmaschinen immer weiter aufgebrochen und zerkleinert.
 
Nach dem Fermentieren wird der Tee getrocknet und zum Schluss sortiert – vom Blatt-Tee bis zum eher minderwertigen Dust, dem geriebenen, gesiebten Rest der Blätter. Diesen einfachen Schwarztee trinken meist die Einheimischen, aus gutem Grund mit viel Zucker versüßt. „Die beste Qualität geht fast ausschließlich in den Export“, erklärt Sivakavo Kalaivami. Aber in den Teefabriken vor Ort kann man sie, verpackt in hübschen Dosen oder abgefüllt in schlichten Plastikbeuteln, natürlich kaufen – eine günstige Gelegenheit, die sich kaum ein Besucher entgehen lässt.