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Syndrom Touristenmüdigkeit: Schlange stehen wofür?!

Ob Weltreise oder Städtetrip: Jeder will die Must-See-Orte und Top-Attraktionen anschauen – und wird dann oft enttäuscht. Nicht zuletzt wegen des Tourismus-Overloads. Was können wir dagegen tun?

 

Kurz ein Foto: Eine lange Schlange für ein Erinnerungsfoto nimmt einem oft die Lust am Sightseeing.
Schlange stehen – aber wofür eigentlich? Viele Touristenattraktionen und Sehenswürdigkeiten sind überfüllt und überbewertet (Symbolbild).

Foto: Lena Pres

Viel zu häufig schon haben wir uns davon locken lassen und sind letztlich enttäuscht worden. Das Problem? Die meisten interessanten Touristenattraktionen sollen Geld bringen. Nachvollziehbar.

Sobald eine Attraktion jedoch einen Eintrittspreis hat, bekommt sie einen Wert. Die Besichtigung einer Höhle kostet auf einmal zehn Euro, die Fahrt in einer Seilbahn auf einmal acht Euro.

Diesen Wert rechne ich ganz schnell in eine Nacht im Hostel um, ein Abendessen oder einen Flug.

Es gibt immer noch einen Unterschied zwischen einem Eintrittspreis für die Besichtigung einer Attraktion oder Kosten für eine Live-Mitmachattraktion wie einen Kochkurs. Denn wenn ich Eintritt bezahle, nur um mir etwas anzuschauen, erwarte ich eine Art Wow-Effekt. Generell entstehen Erwartungen, sobald eine Attraktion einen Preis bekommt, ein Wert entsteht.

Und diesen Wert rechne ich ganz schnell in eine Nacht im Hostel um, ein Abendessen oder einen Flug. Kennt ihr die vielen Höhlen in Vietnam? Waren diese Tropfsteinhöhlen nun das Geld wert, das ich für mehr als eine Nacht im Hostel hätte nutzen können? Sobald meine Gedanken diesen Punkt erreicht haben, sind zwei Aspekte eindeutig:

1. Ich wurde enttäuscht.
2. Ich sollte mich an kostenlose Attraktionen halten.

Tourismus-Overload an Attraktionen

Ein weiteres Problem, das uns sogar in Zeiten der Nebensaison immer wieder vor die Füße fällt, sind Touristen. Wir sind Touristen, warum mögen wir andere Touristen nicht? Wo ist unsere Nächstenliebe hin? Als Weltreisende versuchen wir, anders zu reisen, langsamer zu reisen, einen Alltag zu finden und Orte kennenzulernen, als wären sie gerade unser neuer Wohnort geworden.

Auf den großen Felsen vor dem Wasserfall wagen sich Touristen für das eine gute Erinnerungsfoto.
Ein Erinnerungsfoto – aber ohne Touristen: kaum möglich! Foto: Lena Pres

Wir wollen vermeiden, wie „normale 30-Tage-Urlauber“ in kurzer Zeit viel zu sehen oder nur am Strand zu liegen und Cocktails zu schlürfen. Wir wollen es anders machen. Weil wir die Zeit haben und es der aktuelle Sinn unseres Lebens ist. 

Wenn wir einen Reisebericht für einen Wasserfall, eine Brücke oder eine andere Attraktion lesen, wird häufig empfohlen noch vor den „Touristenmassen“ zu kommen – also früh am Morgen. Wir, die individueller, flexibler und eigenständiger reisen wollen und können, möchten vor den normalen Touristen einen Ort erreichen. Für ein Foto, auf dem das Gefühl vermittelt wird, wir hätten einen glücklichen einsamen Moment erwischt.

Das perfekte Timing – aber wie?

Für einen Moment Ruhe und die Möglichkeit die neue, aufregende Attraktion allein zu erleben. Nun frage ich euch – wenn wir individualreisenden Backpacker alle planen, noch vor den chinesischen Touristenbussen mit Selfie-Sticks und Sonnenhüten einzutreffen, sind dann auf einmal doch alle wieder gleichzeitig an den schönsten Orten?

Vielleicht sollten wir uns besser absprechen. Denn sonst seid auch ihr, meine lieben Backpacker-Freunde mit den teuren, guten Kameras und Gorillapods, genauso nervige Touristen wie die asiatische Reisegruppe. Ich frage mich, ob es dann nicht sogar klüger ist, auszuschlafen und mich nicht morgens für das gestellte „Wir waren ganz allein hier“-Bild abzuhetzen, weniger zu schlafen und vielleicht sogar aufs Frühstück zu verzichten.



Denn leider klappt es einfach nie, dass wir so früh ins Bett kommen, dass wir glücklich, froh und munter um sechs Uhr erwachen, leckeres, gesundes Frühstück finden und in aller Ruhe den Weg zum Wasserfall auf uns nehmen. Vielleicht, aber auch nur vielleicht ist mein absoluter Geheimtipp für alle Backpacker also der folgende: Macht euch keinen Instagram-Foto-Stress und hört auf, mir ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn ich erst um zehn Uhr meine Äuglein öffne.

Immer wieder geht es um mehr #reallife auf Instagram, aber für das gute Foto, das euch Instagram-Nutzern am besten gefällt, ist mein reales Leben so stressig wie das eines Vollzeittouristen. Ich mutiere unfreiwillig zum Profi – in Touristenvermeidung. An dieser Stelle möchte ich mich entschuldigen für alle Backpacker, die mich bereits grummelig morgens um einen Wasserfall haben schleichen sehen. Ihr macht mich müde. 

Ich bin für weniger Stress, mehr kostenlose Fotokulissen und mehr Ehrlichkeit in unserem Leben auf Reisen. 

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