Roadtrip: Rolf, der Bulli und der Krebs | reisereporter.de

Wenn der Krebs dir in den Hintern tritt: Roadtrip!

So ’ne richtig große Reise wollte Rolf schon lange machen. Viel zu lange stand die Arbeit im Weg. Dann erkrankte er an Krebs. Und der verpasste ihm einen Tritt in den Hintern. Jetzt ist Rolf auf einem Roadtrip durch Europa – und zwar open end.

Rolf Grotegut steht neben seinem Bulli, mit dem er einen Roadtrip durch Europa macht.
Es musste ein Bulli sein. Rolf sagt: „Das ist für mich das Synonym für Freiheit.“

Foto: privat

Rolf Grotegut hatte einen großen Wunsch: Einfach mal eine Zeit lang völlig frei sein. Doch er war selbstständig, hatte unter anderem ein Café in Bielefeld. Einfach abhauen ging nicht. „Mein Fokus war immer auf Erfolg ausgerichtet, das ist in einem Leben der Selbstständigkeit wohl so“, erzählt der 53-Jährige. Er war zwar viel in der Welt unterwegs, aber nie länger als zwei Wochen am Stück und oft aus beruflichen Gründen – frei sein ist etwas anderes.

Vor zwei Jahren erhielt er die schlimme Diagnose: Prostatakrebs. Die Krankheit verpasste Rolf einen ordentlichen Tritt in den Hintern. „Ich dachte ein paar Wochen lang, dass ich wahrscheinlich nicht mehr lange lebe. Spätestens da wurde mir klar, dass ich Träume in zehn oder zwanzig Jahren vielleicht nicht mehr ausleben kann, weil ich dann vielleicht nicht mehr bin. Wenn also nicht jetzt, wann dann?“ 

Die Entscheidung war gefallen. Rolf suchte und fand eine Nachfolgerin für sein „M Kaffee“ in Bielefeld. Und seit April 2017 ist er nun mit seinem Bulli, der „Esther Overland“, unterwegs – die echte Esther, seine Partnerin, ist mit dem 13-jährigen Sohn Moritz zu Hause in Bielefeld. „Für mich stand fest: Ich will erst mal zwei Jahre ganz allein reisen“, sagt Rolf.

Roadtrip: Rolf, der Bulli und die Natur

Ostsee, Holland, Österreich, England, Belgien, Frankreich, Spanien und Portugal – all diese Länder hat er erkundet. Das Alleinreisen sei ihm wichtig, sagt Rolf. Auch wenn es zunächst gar nicht so leicht gewesen sei. „Ich war gereizt, manchmal depressiv und musste erst mal lernen, mit dieser ganz neuen Lebenssituation umzugehen.“ Aber nur so habe er „eine Distanz zwischen meinem alten Leben und der neuen Freiheit schaffen“ können.

Dass ihn die glücklich macht, wurde Rolf zum ersten Mal schlagartig unter einer Dusche auf einem Campingplatz in Südengland klar. „Das verdammte Ding spuckt nicht nur Eiswasser, sondern geht auch noch alle zehn Sekunden aus. Und trotzdem bin ich glücklich. Ich bin tatsächlich hier, ich habe mein ganzes Leben auf links gekrempelt“, schreibt er über diesen Moment auf seinem Blog „Kaffee im Rückspiegel“.

Ein Roadtrip ohne Camping-Erfahrung

Camping-Erfahrung hatte Rolf keine. Das führte auf den ersten Fahrten zu kleinen Pannen. „Ich musste ja erst alles lernen: Dass ich unter der Dusche auf dem Campingplatz Schlappen tragen sollte, bei minus zehn Grad vielleicht lieber nicht mit einem Sommerschlafsack unter dem Faltdach schlafen sollte und wie ich Überschwemmungen beim Wassernachfüllen vermeide“, erzählt er und lacht.  

Wohin er fährt, entscheidet Rolf spontan. Nur eine Regel befolgt er: Das Ziel muss innerhalb von Europa liegen, da er mindestens alle drei Monate in die Heimat fährt. Einerseits will er seine Familie sehen, andererseits muss er zum Check beim Arzt. 

Denn der Krebs ist nach wie vor in seinem Körper, ein paar Zellen haben die Operation überlebt. Aktuell geht es ihm aber gut: „Die Werte haben sich seit dem Beginn meiner Reise nicht verändert“, sagt Rolf. 

Er hingegen habe sich „total verändert“. „Ich sehe so vieles klarer als früher und denke heute, ich hätte schon vor zehn Jahren losfahren sollen. Ich sehe Menschen heute anders, viel deutlicher als früher. Und ich höre mehr auf mich.“ Er sei offener geworden. „Ich gehe auch ohne Sprachkenntnisse auf Leute zu und spreche sie an, wenn da etwas ist, was mich interessiert, oder auch, wenn ich mal Hilfe und Rat brauche. Auf diese Art lerne ich immer sehr viele wunderbare Menschen kennen, die meinen Horizont erheblich erweitern.“ 

Fünf Tage Dauerregen, das Zeltdach war klatschnass, alles im Bulli klamm.

Rolf Grotegut

Trotzdem hat er noch viele offene Fragen im Gepäck: „Ich frage mich, was wirklich wichtig ist im Leben, warum ich so bin wie ich bin. Ich stelle mir Fragen über Ängste, warum ich sie habe und wie ich besser mit ihnen umgehen kann. Und ich stelle mir, nachdem ich dachte, ich müsse sterben, viele spirituelle Fragen.“

Antworten findet er am ehesten in der Natur, weg vom Chaos, in vollständiger Ruhe. Die schönsten Erinnerungen habe er bisher so gesammelt, erzählt er. „Die Highlands, die Isle of Skye, waren der Wahnsinn. Und Portugal, gefühlt die portugiesische Karibik, hat es mir angetan.“

Mit Nässe und Kälte hat Rolf es nicht so. Sein Horrorerlebnis: „Das war bei Sussex. Fünf Tage Dauerregen, das Zeltdach war klatschnass, alles im Bulli klamm.“ Daher ist der 53-Jährige auch gerade auf dem Rückweg nach Deutschland. Quasi zum kurzzeitigen Überwintern in der warmen Wohnung.

Und dann plant er, seinen Bulli zu betrügen. Mit einem Rucksack. „Mich zieht’s auf einen Backpacker-Trip nach Vietnam und Thailand.“ Im Frühjahr geht’s aber wieder los mit dem Wagen, Ziel und Ende offen.

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