Eine Hausbootstour durch Venedig | reisereporter.de

Venedig: Eine Hausboottour am leisen Ende der Saison

Es ist dieses „Einmal im Leben“-Ding: Einmal selbst am Ruder stehen und sich ins wilde Getümmel der Wassertaxis, Fischerboote, Ausflugsdampfer und Vaporetti vor dem Canal Grande stürzen. 

Venedig ist weiterhin eines der beliebtesten Touristenziele Europas.
Venedig ist trotz aller Probleme an der Bausubstanz so lebendig wie eh und je.

Foto: Gerd Piper

Venedig, die sterbende Lagunenstadt, ist in diesem Herbst so lebendig wie eh und je. Auch wenn viele Paläste verrammelt sind, Japaner und Chinesen stört es wenig, sie gondeln durch die Kanäle, drängen durch die Gassen, trinken auf dem Markusplatz einen Espresso und verschwinden am Abend wieder auf den riesigen Kreuzfahrtschiffen, mit denen sie gekommen sind und von denen es auch in diesem Jahr wieder mehr als tausend Anläufe gegeben hat.

Eine Stadt lebt ihr eigenes Klischee, wahrscheinlich bis zu ihrem bitteren Ende, von dem alle Welt hofft, dass es niemals kommen möge.

Große Kreuzfahrtschiffe sollen zukünftig nicht mehr vor Venedig halten dürfen.
Umstritten: Die großen Kreuzfahrtschiffe, die täglich Tausende von Touristen in die Lagunenstadt bringen, fahren direkt am Markusplatz vorbei. Foto: Gerd Piper

Und wir sind mittendrin. Arglose Hausbootfahrer, hineingeworfen in die Welt der christlichen Seefahrt. Le Boat, Europas größter Anbieter von Hausbootferien, ist seit vielen Jahren an der Adria und da vorzugsweise in der Lagune von Venedig aktiv. Was man den Schiffen deutlich ansehen kann.

Freizeitkapitäne ohne Patent sind wohl mutige, aber manchmal auch glücklose Gesellen – abgewetzte Scheuerleisten, viele Macken und manch ein Flicken auf dem Rumpf sind stumme Zeugen missglückter Manöver.

One-Way-Tour durch Venedigs Lagune

Vielleicht ist das der Grund, warum auch die Ausrüstung, sagen wir mal, einen eher preiswerten Eindruck macht. Die Lehnen der Gartenstühle auf dem Sonnendeck biegen sich wie Gummi, die Sitzauflagen passen nicht und gehören ganz offensichtlich zu anderen Modellen, das Geschirr ist Billigware und auch der Rest hat schon bessere Zeiten erlebt. Das alles wäre verschmerzbar, wenn wir nicht auch noch ungewaschene Teller und fleckiges Besteck vorgefunden hätten. Wenigstens ist die Technik an Bord so weit okay.

Gondeln, Wassertaxis und die Vaporetti auf dem Canal Grande in Venedig.
Auf dem Canal Grande sorgen Gondeln, Wassertaxis und die Vaporetti für das ganz alltägliche Chaos. Foto: Gerd Piper

Wir haben eine One-Way-Tour von Casale sul Sile nach Precenicco gebucht, was – wie sich noch herausstellen sollte – zu dieser Jahreszeit mit besonderen Herausforderungen verbunden ist. In jedem Fall wäre es klug gewesen, sich gleich zu Beginn der Reise mit genügend Lebensmitteln und Getränken einzudecken.

Steuer- oder Backbord? Egal, es schäumt und spritzt, und das Leben ist einfach wunderbar. 

Doch vorerst genießen wir die Fahrt das Flüsschen Sile hinab, bei strömendem Regen, mit klammen Fingern und einer Tasse frisch aufgebrühtem Kaffee. Am nächsten Morgen dann strahlender Sonnenschein, hinter Portegrandi öffnet sich die Lagune, Flamingos und Reiher säumen unseren Weg entlang der hölzernen Baken, den Briccole, und am Horizont taucht der berühmte Markusturm, der Campanile, auf.

Murano und Burano: Die bunten Inseln

Mit der Ruhe ist es jetzt vorbei, die Wasserstraße führt uns an Burano und Murano entlang und um Venedig herum zwischen all den Wassertaxis und Vaporetti geradewegs in die Bucht von San Marco und den Canale della Giudecca – ein aufregendes Erlebnis. Zumal es die Italiener hier im Hauptfahrwasser nicht so genau nehmen. Man fährt dort, wo gerade Platz ist. Steuer- oder Backbord? Egal, es schäumt und spritzt, und das Leben ist einfach wunderbar. 

Aber Vorsicht: Wer das Fahrwasser verlässt, läuft Gefahr aufzulaufen. Die Lagune hat ihre Tücken. Nicht von ungefähr wird bei der Einweisung in Handhabung des Bootes immer wieder auf die vielen Untiefen hingewiesen. Wen es trotzdem erwischt, der kann nur auf die Flut hoffen oder – peinlich, peinlich – eine der Notrufnummern wählen, die Le Boat ausgibt.

Bunte Häuser auf Burano.
Auch wenn es eine eigene Insel ist, gehört Burano zur Stadt Venedig. Markenzeichen: die bunten Häuser. Foto: Gerd Piper

In Venedig selbst gibt es mehrere Anlegestellen für Sportboote. Wir entscheiden uns für die Marina Sant’Elena, eine moderne Anlage am südöstlichen Ende. Da kostet die Übernachtung zwar 60 Euro, dafür liegen wir ruhig trotz der Nähe zur Altstadt, die über den nahen Vaporetto-Anleger in nur wenigen Minuten erreichbar ist.

Venedig, Murano, Burano: Hotspots an der Adriaküste

Venedig, Murano und Burano sind die herausragenden Hotspots an diesem Teil der Adriaküste, die dank ihrer jahrhundertealten Geschichte und Handwerkskunst von Touristen aus aller Welt geradezu überspült werden. Schon wegen dieser Menschenströme dürfte man auf so manchem Boot froh sein, wenn man die Leinen wieder loswerfen und sich in die Einsamkeit der Lagune und der angrenzenden Flüsse und Kanäle verdrücken kann.

Die kann einen allerdings sehr unvermittelt treffen und weit umfassender sein, als man ursprünglich gedacht hat. Das erleben wir an der nächsten Station unserer Reise in Jesolo, dem größten Strandbad der oberen Adria mit mehr als elf Kilometern Küste. Hier brummt im Sommer das Leben, Tausende von Urlaubern bevölkern die Strände, Pizzerien und Restaurants. 

Einsames Strände: Jesolo in Venedig.
Im berühmten Strandbad Jesolo ist bereits zu Ende der Saison die große Einsamkeit eingezogen. Foto: Gerd Piper

Aber jetzt ist Ende September, und als wir in der Marina del Faro in Venedig festmachen, sind wir allein – keine Menschenseele weit und breit. Die Saison ist zu Ende. Das bedeutet, die Liegestühle am Strand sind eingesammelt, alles hat auf einen Schlag dichtgemacht. Die Pizzeria mit dem „Geöffnet“-Schild ist verwaist, der Supermarkt hat ebenso geschlossen wie der Campingplatz, an den Apartments sind die Jalousien heruntergelassen, die Straßen und Wege sind so leer, als habe es hier niemals jemanden gegeben. Lediglich ein Mitarbeiter der Marina erklärt uns, dass hier eine Übernachtung 25 Euro kostet.

Als wir am nächsten Morgen bezahlen, ist der Preis bei seiner Kollegin, offenbar der Stallwache, wundersamerweise auf 35 Euro gestiegen. Auf Nachfrage ernten wir nur ein Achselzucken. Vielmehr schmerzt uns aber die missliche Lage angesichts der schwindenden Vorräte. Ein kleiner Hinweis, dass es zu dieser Jahreszeit schwierig sein kann, sich zu versorgen, wäre schon bei der Bootsübergabe hilfreich gewesen.

Natürlich gibt es große Supermärkte, aber die liegen mehrere Kilometer landeinwärts und sind zu Fuß schwerlich zu erreichen. Ein entsprechender Tipp stand übrigens in dem deutschen Gewässerführer, den wir vor unserer Reise bei Le Boat bestellt hatten. Aber das Heft war in der Basis in Casale sul Sile leider nicht vorhanden, es gab nur englische Exemplare.

Nebensaison: Der morbide Charme der Adria

Der morbide Charme der Adria begleitet uns von nun an: leere Strände, an denen man höchstens mal auf einen Spaziergänger trifft, der bei dem schönen Spätsommerwetter einer unbekannten Spur folgt, ein paar Angler auf den Hafenmolen – ansonsten geschlossene Geschäfte und eingemottete Boote in den riesigen Jachthäfen. Hier herrscht Endzeitstimmung, es fehlen nur noch alte Zeitungen, die der Wind durch die Straßen weht.

Andererseits ist man auch auf dem Wasser allein, und das ist ganz angenehm: keine Staus vor den wenigen Schleusen und Drehbrücken in den Kanälen, kein Geschrei bei den Manövern, um drohende Havarien zu vermeiden. Und weil Italiener eben doch nette Menschen sind, finden wir in Porto Santa Margherita nur ein paar Straßenecken von der Marina entfernt ein altes Ehepaar, das seinen Alimentari-Laden, sein kleines Lebensmittelgeschäft, für uns öffnet, sodass wir uns mit allem Wesentlichen eindecken können, inklusive einiger Flaschen Wein auf Vorrat. 

Hausboot in Venedig.
Die beste Art, Venedig zu erkunden? Ganz klar: Mit dem Hausboot auf dem Wasser. Foto: Gerd Piper

Bevor unsere einwöchige Reise zu Ende geht, bekommen wir an unserer letzten Schleuse noch einmal einen tieferen Einblick in die italienische Lebensart. Zwar stehen die Schleusentore weit offen, doch befindet sich dahinter eine niedrige, kleine Drehbrücke, die uns den Weg versperrt. Öffnungszeiten: morgens von 11 bis 12 Uhr, nachmittags von 16 bis 17 Uhr. Glück gehabt, wir sind voll im Zeitfenster, machen um zehn Minuten vor fünf an einer der Baken provisorisch fest und melden uns, wie es in den Schiffsunterlagen steht, per Hupsignal und Telefon für den Transfer an.

Der Brückenwärter antwortet auch, allerdings anders als gedacht: Auf seiner Uhr, so sein Bescheid, sei es bereits drei Minuten nach 17 Uhr und er sei bereits im Feierabend. Nichts zu machen. „Domani, domani“, sagt er: Kommt morgen wieder. Also drehen wir um und suchen uns in Lignano Riviera einen Liegeplatz am Fluss Tagliamento, der nur ein paar Hundert Meter weiter in die Adria mündet – mit dem entsprechenden Meeresrauschen im Hintergrund. Auch hier ist alles bereits im Winterschlaf. 

Dass wir unsere Pläne wegen der Willkür eines Brückenwärters ändern müssen, ist ärgerlich, aber nicht zu ändern. So gibt es am letzten Tag nur noch einen kleinen Abstecher in die Laguna di Marano, bevor wir den sehr hübsch am Flüsschen Stella gelegenen Zielhafen Precenicco ansteuern und an der Mole längsseits gehen. Als wir dann zum Abschluss im Büro der Le-Boat-Basis, die nur rund 70 Autokilometer von unserem Starthafen Casale sul Sile entfernt ist, den Papierkram erledigen, liegt da ein ganzer Stapel neuer Gewässerführer. Alle auf Deutsch.

Tipps für die Hausboottour

Anreise: Mit dem Auto geht es entweder über den Brenner oder über München und Salzburg Richtung Venedig. Achtung: Für Österreich (Brennerautobahn ausgeschlossen) muss man eine Vignette kaufen. Ab 2018 gibt es sie auch als digitale Version, ein Zehn-Tages-Pickerl kostet 8,90 Euro.

In Italien sind die Autobahnen mautpflichtig. Wer nicht an einem Tag durchfahren möchte, kann vor der österreichischen Grenze noch einmal in einem der vielen urigen Gasthöfe übernachten und die zünftige lokale Küche genießen.

Die Anreise zum Abholen des Bootes sollte bis 15 Uhr geschehen, um dort für Formalitäten und technische Einweisungen genug Zeit zu haben.

Hausboote: Es gibt mehrere Firmen, die in der Lagune von Venedig Hausboote zum Mieten anbieten. Einer der Anbieter ist zum Beispiel Le Boat. Er unterhält Basen in Casale sul Sile und Precenicco. Dort werden die Boote übergeben (ab 16 Uhr) und wieder zurückgenommen (bis 9 Uhr). Es gibt auch Einwegfahrten zwischen den beiden Basen, allerdings muss dann der Autotransfer organisiert werden. Das übernimmt Le Boat auf Anfrage.

Kosten pro Auto für rund 70 Kilometer Transfer: 135 Euro. Die Chartergebühren richten sich nach Größe und Ausstattung des Schiffs. Die Preise pro Woche und Boot für die neue Saison (März bis Oktober) beginnen ab 1380 Euro (Typ Corvette für vier Personen) oder ab 2735 Euro (Typ Horizon 5 für zehn Personen – neu ab 2018). Dazu wird der verbrauchte Diesel und bei Wunsch eine Endreinigung abgerechnet.

Häfen: Häfen und Liegeplätze sind im Gewässerführer und den Seekarten, die sich an Bord befinden, eingezeichnet. In den Marinas rund um Venedig kostet eine Nacht ab 50 Euro, in den Adriahäfen ab 35 Euro. Tipp: Wenn du zum Ende der Saison charterst, erkundige dich vorab, ob Supermärkte und Restaurants noch geöffnet haben, und deck dich sonst unbedingt mit genug Vorräten ein.

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