Überlebenstipps für Wien | reisereporter.de

Überlebenstipps für Wien von einer Quasi-Wienerin

Du planst einen Trip nach Wien und glaubst, du findest dich dort sofort zurecht? Weil Österreich ja quasi die kleine Schwester von Deutschland ist? Pustekuchen. Hier gibt’s Überlebenstipps von einer, die lang genug dort gelebt hat, um die Fallstricke zu kennen.

Parlament, Rathaus, Burgtheater und Volksgarten an der Ringstraße in Wien.
Ein Blick über Wien zeigt die Sehenswürdigkeiten am Ring: Parlament, Rathaus, Burgtheater, Volksgarten.

Foto: imago/Rainer Mirau

Im Kaffeehaus: Cappuccino oder Melange?

Wien und seine Kaffeehäuser – die gehören zur Stadt einfach dazu. Anders als in Deutschland sitzt man in Wien auch allein an einem Tisch und liest Zeitung. Mittags darf es schon das erste Bier oder der erste Spritzer (Weißweinschorle mit mehr Wasser als Wein) sein. 

Als Tourist willst du dich in eines der Kaffeehäuser setzen und Kraft mit Koffein tanken. Aber bitte nicht mit einem Cappuccino. Bestell niemals, wirklich niemals einen Cappuccino in Wien! Es gibt mehrere Optionen, was dann passieren wird. Keine ist schön.

Der Kellner wird sich bei der Bestellung umdrehen und weggehen. Er kommt so schnell auch nicht wieder. Wenn deutsche Touristen anfangen (ganz Kaffeehaus-typisch, wie sie glauben) nach dem Herrn Oberst zu rufen, wird er noch länger wegbleiben.

Oder der Kellner grinst bei dieser Bestellung freundlich und sagt etwas wie: „Na, wenn Sie meinen.“ Der deutsche Tourist stempelt das gern als Wiener Charme ab und lacht. Blöd nur, dass der Kellner dir eine Melange bringen wird, mit Pech gibt es Sahne statt Milchschaum und sie kostet 50 Cent mehr als die Melange in der Karte.

Fazit: Es heißt Melange! In Wien trinkt man eine Melange! Das hat nichts mehr zu tun mit der alten Variante, in der auch Kakao war. Es ist das, was der Deutsche bekommen möchte, wenn er einen Cappuccino bestellt.

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Der Würstelstand: Eitrige und 16er-Blech

Vermutlich bist du schon mal über Hinweise gestoßen, in denen erklärt wird, dass man „a Eitrige und a 16er-Blech“ am Würstelstand bestellt. Lass es, sag das nicht!

Jeder Österreicher wird sofort hören, dass du aus Deutschland bist. Und die Frau oder der Mann am Würstelstand wird dich deshalb veräppeln. Erst recht, wenn du so tust, als wüsstest du, was du sagst.

Vielleicht weiß du sogar, was ein 16er-Blech ist: Eine Dose, das Blech, aus der Ottakringer Brauerei, die im 16. Wiener Gemeindebezirk steht. Nur: Diesen Ausspruch hört man so selten. Er ist nicht üblich, vielleicht sogar nur ausgedacht, um den Piefkes, das sind die Deutschen, einen zu erzählen.

Wenn du eine Eitrige bestellst, also einen Käsekrainer, solltest du gefasst sein auf eine Vielzahl weiterer Fragen, die bei den klugen Hinweisen nicht aufgeführt sind. Und spätestens da hat dich die Dame erwischt. Als Hotdog, am Stück, geschnitten, mit Brot, Senf oder scharfem Senf, Kren (Meerrettich), Ketchup, ein Gurkerl, Zwieberl dazu? All das kann das Gegenüber in rasanter Geschwindigkeit und im unverständlichsten Dialekt fragen. Ja, jeder, der in einer Würstelbude arbeitet, kann das. Und du verstehst kein Wort.

Zugegeben, auch wenn du auf Hochdeutsch einen Käsekrainer und eine Dose Ottakringer bestellst, wird diese Flut an Fragen kommen. Aber mit Glück nicht so geballt. Schau dann einfach ein bisschen unterwürfig fragend. Hinter den Glasscheiben der Stände stehen immer ein paar Getränke als Auslage – zeigt auf das, was ihr wollt, falls es nicht anders geht. Auch das Angebot an Würsten steht immer auf einer Liste, die an der Scheibe klebt. Sei dir sicher, welche du willst.

Wenn du dir nicht sicher bist, wie du sie willst, schau diesmal wirklich unterwürfig. Es ist die einzige Chance an eine Wurst zu kommen, die nicht vorher auf dem Boden gelegen hat.

Der wichtigste Tipp allerdings: Geh niemals nüchtern hin! Ab zwei Bier sollte es schon langsam schmecken. Richtig gut wird die Wurst, die in der Regel stundenlang auf der heißen Platte liegt, erst ab sechs Bier und nach Mitternacht. Und ganz ehrlich: Dann ist das mit dem Fußboden auch egal.

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NC-Flüchtlinge, Córdoba und Piefke

Du solltest auf bestimmte Themen gefasst sein. Der Wiener und der Österreicher wird dich sehr wahrscheinlich auf eines der folgenden Dinge ansprechen: NC-Flüchtling, Córdoba, Piefke. 

NC-Flüchtlinge sind jene, die für das Studium nach Österreich kommen. Dort gibt es keinen Numerus clausus, nur manche Studiengänge haben bestimmte Aufnahmeverfahren und Prüfungen. Häufig wird dem Deutschen daher unterstellt, dass er sowieso ein NC-Flüchtling sei, Medizin, Psychologie oder Kommunikationswissenschaft studiere und den Österreichern den Studienplatz wegnehmen würde.

Was in diesen drei Fächern tatsächlich quasi geht, weil es dort ein begrenztes Platzangebot gibt. Allerdings hat Österreich bei der EU durchgesetzt, dass es eine Inländerquote einführen durfte. 

Der Hörsaal C1 am Campus der Universität Wien.
Die Hörsäle in Wien sind ständig überfüllt, zumindest bei der ersten Einheit einer Vorlesung. Mancher Wiener behauptet, das würde an den NC-Flüchtlingen liegen. Foto: ew

Córdoba ist eine Stadt in Argentinien. Der Österreicher verschwendet bei Cordoba aber keinen Gedanken an Urlaub und Sonne, für ihn ist es die „Schmach von Córdoba“. Im Jahre 1978 fand dort die Fußball-Weltmeisterschaft statt. Und das österreichische Team gewann 3:2 gegen Deutschland. Beide Mannschaften schieden daraufhin aus dem Turnier aus.

Aber hey, Österreich hat Deutschland geschlagen – alles andere ist wurscht. Zwar erinnert sich kaum ein Deutscher an das Spiel, aber der Österreicher wird nicht müde, es zu erwähnen. 

Jeder Deutsche wird als Piefke bezeichnet, gern auch als Scheipi – das ist ein Scheißpiefke. Die Bezeichnung stammt vom preußischen Militärmusiker Johann Gottfried Piefke, der 1866 mit seiner Kapelle bei Wien einmarschierte. Piefke soll 1,90 Meter groß gewesen sein und mit seinem ebenso großen Bruder vorweggegangen sein, als die Leute riefen: Die Piefkes kommen! Eigentlich gar nicht so schlimm wie Schluchtenscheißer, was der Deutsche gern entgegnet. 

Der 1. Bezirk: Touris, überall Touris!

Jeder Wiener meidet den 1. Bezirk. Überall Touristen und Kameras. Aber man kann einem Touristen nicht sagen, dass er sich das entgehen lassen sollte – die Straßen, der Ring, es ist alles zu schön. Leider gibt es auch keine Jahreszeit, zu der wirklich weniger Menschen dort sind. Da musst du wohl durch.

Sollte dir jemand den Ellbogen am Weg in die Seite rammen, bist du auf ein seltenes Exemplar eines Wieners im Ersten gestoßen. Nicht übel nehmen. 

Der Graben im ersten Wiener Gemeindebezirk.
Der Graben im ersten Wiener Gemeindebezirk – Einkaufsmeile und Touristenmagnet. Foto: imago/SKATA

Wenn ein Wiener sich verabredet…

Wenn du länger in Wien Urlaub machst oder gleich bleiben willst – sei es wegen des Studiums, der Arbeit oder der Liebe –, mach dich auf einiges gefasst. Ein wichtiger Tipp: Es gibt die sehr gemütliche und fast schon südländische Mentalität der Wiener. Pünktlichkeit und feste Verabredungen sind nicht das gleiche wie in Deutschland. Wenn jemand zu dir sagt, dass ihr euch wegen einer Verabredung noch mal „zusammensprecht“, bedeutet es, dass ihr euch nicht verabredet habt und das Gegenüber sich nicht melden wird. 

 „Geh bitte“, „joah eh“ und „eh kloar“ sind ein bisschen die Pendants zum deutschen „tja“. Eh bedeutet nicht, dass etwas selbstverständlich oder redundant ist, es wird einfach immer und überall eingebaut.  

Die Bedeutung der Aussage „Eh kloar!“ hängt ausgedruckt an einer Heizung im Büro – damit es keine Missverständnisse mit den Kollegen in Norddeutschland gibt.
Die Bedeutung der Aussage „Eh kloar!“ hängt ausgedruckt an einer Heizung im Büro – damit es keine Missverständnisse mit den Kollegen in Norddeutschland gibt. Foto: ew

Die „Klappe“ ist übrigens die Telefondurchwahl. Nur so am Rande, weil du irgendwann drüber stolpern wirst.

Kaiserin Sisi und Kaiserin Sissi

Die Kaiserin hieß Sisi, mit einem s. Sie war drogenabhängig, tätowiert, sport- und magersüchtig. Im Sisi-Museum in der Hofburg liegt die Waffe, mit der sie erstochen wurde. Es ist mehr ein Brieföffner als ein Messer. Die meisten Österreicher verbinden mit Sisi eher Sissi aus den Filmen.

Erwarte kein Adelswissen. Das ist den Touristen überlassen, die tatsächlich Fans der Kaiserin sind. Erwarte auch nicht unbedingt Freud-Wissen oder große Falco-Liebe. Frag nicht, wenn du keinen schrägen Blick ernten willst. 

Crossfit de Sisi! #trip #crossfit #sisiemperatriz #sisimuseum

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Die Öffis in Wien

Wie in vielen anderen Städten gibt es auch in Wien eine gesonderte Bahn, die vom Flughafen in die Stadt fährt, der sogenannte CAT. Der Flughafen liegt in Wahrheit in Niederösterreich und der Weg ist recht weit. Den CAT benutzen aber ganz sicher nur Touristen – er kostet mehr Geld und ist kaum schneller als die normale Schnellbahn, die ein Gleis weiter abfährt. 

Meiden sollte man angeblich auch die U6. Es gibt Parteien (jene, die bei den Nationalratswahlen die meisten Stimmen bekamen) und Menschen, die behaupten, dort herrsche quasi Krieg, mindestens wirst du mit fiesen Krankheiten angesteckt und hast beim Aussteigen ein blaues Auge. Ich sage: Sei mutig, steig ein. 

Anders ist es beim 13A – das A steht für Autobus. Dieser Bus ist grundsätzlich überfüllt, kommt nie pünktlich und Luft gibt es drinnen garantiert keine. Dummerweise fährt er sehr praktische Strecken ab. Du solltest trotzdem lieber zu Fuß gehen, Auch wenn der Bus eine Facebook-Fanpage hat.

Die Arroganz der Wiener

Der Wiener ist arrogant. Deshalb mag ihn auch der Österreicher nicht. Generell gibt es in Österreich ein sehr spezielles Bundesland-Bashing. Die Kärntner mögen die Steirer nicht, die Vorarlberger bleiben unter sich, weil sie eh niemand sonst versteht mit ihrem Dialekt, die Oberösterreicher sind ja fast schon Bayern. Und die Wiener, na, die mag eben eh keiner. Sie sind nämlich nicht nur den Piefkes gegenüber hochnäsig.

Allerdings muss man zugeben: Sie haben allen Grund dazu. Wien ist eine wunderschöne Stadt, sie wurde im Krieg nicht zerstört, es gibt ein reges Kulturleben und insgesamt eine hohe Lebensqualität, die Mieten sind noch leistbar und die Wege sind kurz.

Vom Beratungsunternehmen Mercer wurde Wien zum achten Mal zur lebenswertesten Stadt gekürt. Bewertet werden das soziale, ökonomische und politische Klima, die medizinische Versorgung, Ausbildungsmöglichkeiten und die Infratsruktur.

Ob die Stadt es auch im kommenden Jahr wieder auf den ersten Platz schafft, ist wegen des politischen Klimas fraglich. Während in Deutschland die AfD bei der Bundestagswahl knapp 13 Prozent erreicht hat und deshalb von einem Rechtsruck gesprochen wird, wäre das in Österreich eher ein Linksruck.

Die rechtskonservative FPÖ kam bei den letzten Nationalratswahlen auf 26 Prozent, auch die stärkste Kraft, die ÖVP, ist deutlich weiter rechts anzusiedeln als die CDU. In Wien hat allerdings die SPÖ die meisten Stimmen bekommen. Auch darauf ist man in der Stadt stolz. Schaut euch den Bürgermeister an, ihr werdet es verstehen: 

Man muss schlussendlich festhalten: Die Wiener dürfen arrogant sein. Sie unterstellen übrigens Gleiches dem Norddeutschen, weil er ohne Dialekt für sie klingt, als sei er ein bierernster Nachrichtensprecher. 

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