Hier also entscheidet sich das Schicksal von Westeros. Von einer kleinen Anhöhe aus schweift der Blick weit über den türkisblauen Strangford Lough. Es riecht nach frisch gemähtem Weizen, eine leichte Brise spielt mit den Haaren. Und doch liegt eine bedrohliche Aura über diesem idyllischen Ort im County Down an der nordirischen Küste. Zumindest für alle Fans der Erfolgsserie „Game of Thrones“ (GoT).
 
Denn hier wurde die Szene gedreht, in der Robb Stark mit seinem Heer den Schlossherren Walder Frey bittet, auf seiner Brücke den Fluss queren zu dürfen. Die Bedingung Freys: Der älteste Sohn des Stark-Geschlechts soll eine seiner Töchter ehelichen. Stark bricht das Versprechen, Frey nimmt während der „blutigen Hochzeit“ Rache. 
Die „Red Wedding“ ist zum festen Begriff der Populärkultur geworden – und Nordirland zum Pilgerort für Serienfans aus der ganzen Welt. Die Ruine am Ufer des Strangford Lough wird in der Fantasie schnell zum Überbleibsel von Walder Freys düsterem Anwesen. 

Eine junge Frau in aufreizendem Kettenhemd-Minirock und ein Mann mit Ritterhelm posieren vor den verwitterten Mauern. Ein romantisches Urlaubsfoto vor dem Heim eines erbarmungslosen Mörders – für „Game of Thrones“-Fans ist das kein Widerspruch.

Tollymore Forest – Schauplatz vieler Horrorfilme

Mit Andrew Porter von den Winterfell Tours bewegst du dich auf Mountainbikes so rasant durch den nahegelegenen Tollymore Forest wie die Starks mit ihren wilden Wölfen durch den Wolfswood rund um ihren Herrensitz Winterfell. Es duftet würzig nach Tannennadeln. Porter erzählt, dass die schroffe, 40 Kilometer von Belfast entfernte Landschaft bei Regisseuren von Schauerfilmen beliebt ist. Auch „Dracula Untold“ und die „Frankenstein Chronicles“ wurden hier gedreht. 

Der junge Waliser Ruairí McErlean sieht mit seiner schwarzen Kutte, den derben Lederstiefeln und dem dichten Bart so aus, als käme er direkt vom Filmset. Tatsächlich aber bringt er hier Normalsterblichen das Bogenschießen bei. Wer könnte das stilechter als der „rote König“? Das bedeutet der walisische Name Ruairí, und das Haar des Bogenschützen leuchtet tatsächlich herbstblattfarben. Er spannt die Sehne, der Pfeil löst sich und trifft genau ins Schwarze der Stroh-Zielscheibe. 

Dieser Zauberbogen verschafft selbst Anfängern ein Erfolgserlebnis. Der „rote König“ amüsiert sich über die Überraschung: „Arya dachte auch nicht, dass sie es schafft.“ Arya, das ist die von Maisie Williams gespielte Stark-Tochter, die sich auf der Flucht selbst durchschlagen muss. Das selbstbewusste Mädchen ist ein Publikumsliebling. Es ist also nur passend, dass die Darstellerin von einem „roten König“ unterrichtet wurde.

Ein echtes „Game-of-Thrones“- Menü

Wer nach dem Bogenschießen Hunger verspürt, kann im nahegelegenen Edelpub The Cuan ein „Game-of-Thrones“-Menü verspeisen. Die Zimmer sind hier nach den Figuren von Westeros benannt. „Besonders beliebt ist das Zimmer des tyrannischen Königs Joffrey“, erzählt die geschäftsbeflissene Besitzerin Caroline McErlean. 

 

Wer anhand der GoT-Karte von Tourism Ireland an der Küste von Belfast gen Westen fährt, kann nicht nur zahlreiche Drehorte besichtigen, sondern fühlt sich durch die wildromantische Landschaft Nordirlands tatsächlich in die fantastische Welt von Westeros versetzt. Die Dubliners besingen in der bittersüßen Ballade „I Wish I Was in Carrickfergus“ eine dieser uralten Burgen an der nordirischen Küste, die passend als Sitz der verfeindeten Königsgeschlechter zu sein scheinen, die das Spiel um den Thron spielen.

Die Orte heißen hier Dunseverick, Ballymena oder Dunluce, die Namen klingen nach Liedern am Lagerfeuer, nach Leidenschaft. Glenarm ist irisch für „Tal der Waffen“ – welch treffender Name für den Drehort einer Serie, in der Machtkämpfe im Mittelpunkt stehen. Heute geht es in dem malerischen Küstenort weniger martialisch zu. Besucher können in der Manufaktur der Steenson Jewellery den Goldschmieden bei der Arbeit zusehen.
 
Der Familienbetrieb hat den Schmuck für die Fernsehserie gefertigt, von Joffreys Krone bis zu Sansa Starks vergifteter Hochzeitskette. „Die besteht nicht aus echten blauen Kristallen, sondern aus 3-D-Drucken. Die sind viel teurer als echte Edelsteine“, verrät Geschäftsführerin Brona Steenson. Für 185 Pfund können „Game-of-Thrones“-Fans eine Brosche mit dem Logo ihres Lieblingskönigshauses erstehen.

Zivilisation? Fehlanzeige!

Das hügelige Hinterland zeigt kaum Zeichen der Zivilisation. Fast erwartest du hinter der nächsten Wegbiegung auf das wilde Reitervolk der Dothraki zu stoßen, die Herrscher über die Steppen von Westeros. Nordirland-Reisende begegnen allerorten Mythen, die auch der Fantasie von GoT-Schöpfer George R. R. Martin entsprungen sein könnten. Vor der St.-Patrick-Kirche in Cairncastle – benannt nach dem Schutzpatron Irlands – wächst ein Kastanienbaum, dessen Samen der Legende nach aus der Tasche eines spanischen Matrosen stammen sollen, der im 16. Jahrhundert vor der Küste ertrank.
 
Der Giant’s Causeway in der Nähe von Ballycastle ist angeblich durch den Wettstreit zweier Riesen entstanden. Als der unterlegene zurück in seine Heimat nach Schottland floh, zerstörte er den Damm aus 40.000 Steinen, die ins Meer führen. Die vieleckigen Basaltsäulen sehen aus wie von einem Künstler gemeißelt, die Wellen klatschen schmatzend an diesen Damm der Riesen.
 
Die Höhlen von Cushendun strömen mit ihren pockenartigen Gesteinsablagerungen und der roten Wandfarbe etwas Unheilvolles aus. Vielleicht ist es aber auch nur das Wissen, dass hier die Szene gedreht wurde, in der die Priesterin Melisandre ein mörderisches Schattenbaby zur Welt bringt. 

Auf Arya Starks Spuren in den Dark Hedges

Bewacht werden die Höhlen von dem Ziegenbock Johann, der gemächlich den Hafen der Ministadt abgrast. Ob auch er von der Priesterin verhext ist? Wohlig gruseln lässt es sich auch in den Dark Hedges in der Nähe von Ballymoney. Diese 300 Jahre alte Buchenallee entfaltet ihre größte Wirkung während der Dämmerung, wenn sich die Schatten mit den mächtigen Stämmen zu einem Schauderdickicht verweben. Durch die Dark Hedges läuft im Film auch Arya, als sie als Junge verkleidet aus der Hauptstadt Königsmund flieht.

 

Der niedliche Minihafen von Ballintoy wurde im Film zur Heimat von Theon Graufreud aus dem Fischervolk der Eisenmänner. Ein wahrer Graufreud hätte sich wohl auch ohne mit der Wimper zu zucken über die wacklige Hanfbrücke gehangelt, über welche die Lachsfischer von Carrick-a-Rede dereinst an ihren Arbeitsplatz gelangten. Für die Touristen gibt es heutzutage eine weniger halsbrecherische Alternative.

Und weiter geht es auf der Causeway Coastal Route. Schafe, Steine, der Geruch von Algen und Abenteuern liegt in der Luft. Und legt sich da nicht gerade der Schatten eines Drachen über die saftig grünen Wiesen?