Carlines Roadtrip-Tagebuch, Teil 3 | reisereporter.de

Roadtrip-Tagebuch: Mortadella, Girlpower und Amore

Ich spreche kein Wort Italienisch, habe einen Orientierungssinn von hier bis zur nächsten Wand, bin frisch getrennt und war noch nie allein im Urlaub. Was könnte schiefgehen? In den nächsten drei Wochen lest ihr hier mein Reisetagebuch. Über Rotwein und Raststättenromantik, Freiheit und Fahrzeugkontrollen und vor allem: über einfach mal keine Angst haben. Letzter Teil.

Carline Mohr (33), ihre Hündin Rio und (diesmal mit im Bild!) Bulli Bruno.
Carline Mohr (33), ihre Hündin Rio und (diesmal mit im Bild!) Bulli Bruno.

Foto: Carline Mohr

Warum ich eigentlich ausgerechnet durch Italien gefahren sei, wurde ich des Öfteren gefragt. Nichts gegen Italien, aber mit so viel Zeit hätte man ja auch die ganz große Runde machen können: Surfcamp in Brasilien, Work and Travel in Australien, Pilgerreise durch Indien. Die Wahrheit ist: Es gibt keinen Grund. Außer vielleicht Wanda. „Wenn jemand fragt, wohin du gehst, sag: Nach Bologna!“ So singt, so schreit, so beschwört es die Wiener Band in ihrer ersten Single.

Natürlich ist es pathetisch, vielleicht sogar kitschig, sich wegen eines Songs auf den Weg zu machen. Einerseits. Andererseits: Welche Art von Ziel braucht es, um aufzubrechen? In Berlin könnte man von jeder Ecke der Stadt aus Richtung Fernsehturm laufen. Wie eine Boje im Meer ragt er über die Häuserwellen hinweg in den Himmel. Ein Fixpunkt aus Stahl und Beton für diese Stadt.

Noch wichtiger sind jedoch die Fixpunkte, die im Verborgenen liegen, von denen man aber weiß, dass sie da sind: Menschen, Erinnerungen, Geschichten, Bartresen. All das braucht es, um nicht verloren zu gehen. „Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag: Für Amore!“, singt Wanda. Wie schön es ist, an etwas zu glauben, für etwas zu stehen. Vielleicht wollte ich deshalb unbedingt nach Bologna. Fixpunkt: Amore!

Wer meine letzten Tagebucheinträge gelesen hat, weiß, dass ich versehentlich das Licht bei Bulli Bruno angelassen hatte. Und nachts immer die Standheizung lief, weil es dem kleinen Hund sonst zu kalt war. Es kam, wie es kommen musste: Die Batterie geht leer. Richtig leer. Zum Glück stehe ich noch auf dem kleinen Campingplatz am Gardasee.

 

Man kennt mich hier. Ich bin „diese Berlinerin“. Diese Berlinerin ohne Mann mit dem kleinen Hund, der aussieht wie ein Fuchs. Die sich neulich nachts vom Campingplatz ausgesperrt hatte und flüsterschreiend am Zaun entlanglief auf der Suche nach jemandem, der noch wach war. Die sich schließlich von dem Motorradreisenden aus England unter großem Gezeter samt Hund über den Zaun ziehen ließ.

Die hat jetzt also ihre Batterie leer gesaugt. Ich ernte hochgezogene Augenbrauen. „Du hättest dich an den Strom hängen müssen“, sagt Nachbar eins. „Du hättest zwischendurch mal fahren müssen“, sagt Nachbar zwei. „Warum hast du keinen dicken Schlafsack, dann brauchste keine Standheizung“, sagt Nachbar drei.

Die junge Mutter von gegenüber verdreht die Augen und holt ein Überbrückungskabel. Sie heißt Anna. Gemeinsam gucken wir ein Youtube-Tutorial und klemmen meinen Bulli an ihren Bulli. Nachbar eins, zwei und drei tuscheln. Nichts passiert. Bruno springt nicht an. Der Engländer besorgt eine Kabeltrommel und hängt mich an den Strom. Nichts passiert. Der Campingplatzleiter holt seinen Geländewagen mit einer Batterie in der Größe eines Kühlschranks.

In Gedanken schreibe ich meinem Freund Till eine SMS: ‚Lieber Till, ich werde nicht zurückkommen. Nimm meine Wohnung. Schlüssel liegen im Späti. Deine Carline.‘

Um mich und Bruno haben sich inzwischen fast ein Dutzend Camper versammelt und diskutieren in verschiedenen Sprachen, ob ich den Bus für immer kaputt gemacht habe. Vielleicht der Anlasser. Vielleicht die Batterie.

In Gedanken schreibe ich meinem Freund Till, dem der Bulli gehört, eine SMS: „Lieber Till, ich werde nicht zurückkommen. Nimm meine Wohnung. Schlüssel liegen im Späti. Deine Carline.“ Bruno springt an. Jubel bricht aus, Nachbar zwei und drei klatschen sich ab: „Na das haben wir doch gut hingekriegt“, ruft Nachbar eins. Anna und ich gucken uns an. Abends trinken wir Wein zusammen und erzählen uns unser Leben.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist Anna mit ihrem Freund und ihren zwei Kindern schon abgefahren. Vor meinem Bus liegt ihr Überbrückungskabel mit einem kleinen Zettel, auf dem nur ein einziges Wort steht: „GIRLPOWER!“

 

Ich wollte nur sagen, dass es uns gut geht. ????❤️????

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Auf dem Weg Richtung Bologna hören der kleine Hund und ich natürlich Wanda, mein Herz schlägt mit jedem Kilometer etwas schneller. Diesmal habe ich kein Zimmer mitten in der Stadt gebucht, sondern mich auf einem kleinen Bauernhof etwas außerhalb einquartiert. Wegen Rio. Sie liebt jede Art von Bergen oder Hügeln und purzelt mit heraushängender Zunge über die endlosen Wiesen von Zola Predosa. So macht man das als Hundemensch.

Die Betreiber des Hofes sprechen kein Wort englisch, das macht aber gar nichts. Abends an der Bar male ich ein gebrochenes Herz auf einen Bierdeckel, Hausmeister Vladimiro nickt und holt eine Flasche Wein aus dem Keller. Mehr Worte braucht es manchmal nicht.

Am nächsten Tag laufen der kleine Hund ich durch Bologna und bestaunen die Stadt. Überall Menschen, überall Wein und Käse, überall Musik. Wir lassen uns treiben, essen das beste Eis des Sommers, sitzen auf der sonnigen Stufe vor einem Antiquitätengeschäft. Der Ladenbesitzer bringt ein Schälchen Wasser für den Hund und einen Kaffee für mich, es fühlt sich an, als würde die Stadt mich umarmen.

 

Meine Freundin Anna-Lena hat mir ein Date mit ihrer Bekannten Linda vermittelt, die mitten in Bologna wohnt. Linda und ich treffen uns abends irgendwo im Kneipenviertel. Sie strahlt und lacht und umarmt immer wieder abwechselnd mich und den kleinen Hund. Es ist, als würden wir uns schon ewig kennen. Ein paar ihrer Freunde kommen dazu, wir ziehen weiter, füttern den kleinen Hund mit Mortadella und erzählen uns gegenseitig die schlimmsten Trennungsgeschichten unseres Lebens.

Linda mag besonders die Anekdote, wie ich in Verona das Romeo-und-Julia-Frühstück für zwei bestellte: „YES, for the dog and me!“ Und wie ich nach dem zweiten Sekt auf nüchternen Magen dem erstaunten Kellner erklärte, es müsste der Fairness halber auch ein „Julia gives a fucking shit“-Proseccofrühstück geben. „Das musst du aufschreiben, Carline“, sagt Linda. „Das ist nicht traurig, sondern großartig!“ Hiermit geschehen. Die Fotos, die Linda von mir und Rio macht, sind alle unscharf, verwackelt oder abgeschnitten. Aber wir sehen glücklich aus.

 

So wie ich vor Jahren mal in New York die berühmte Carrie-Bradshaw-Treppe besuchte, musste ich in Bologna natürlich noch zum Feinkostladen Ceccarelli. So heißt die Tante aus dem Wanda-Song, die „mal in Bologna Amore gemacht hat“.

Während ich auf dem Boden herumkrieche, um ein schönes Foto zu machen, grinst mich Ladenbesitzer Amedeo Ceccarelli durch sein Schaufenster an, er kennt das schon. Rio bekommt wieder ein Stück Mortadella, und wenn ich nur ein bisschen Italienisch sprechen könnte oder Amedeo ein wenig Englisch, würde ich ihm etwas über Fixpunkte erzählen. So grinsen wir uns nur an, während der kleine Hund zufrieden an seiner Feinkostwurst nagt.

 

Wir sind herzlich eingeladen, noch eine Nacht zu bleiben, aber ich entschließe mich, weiterzufahren. Ich habe Angst, den Zauber kaputt zu machen. Mit dem Zauber ist es nämlich manchmal wie mit dem Scheinriesen in „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“: Je näher man ihm kommt, desto kleiner wird er.

Es ist schon dunkel, als wir zurück in der großen Stadt, in Berlin ankommen. Vor der Haustür bleiben der kleine Hund ich noch eine Weile im Bus sitzen.

 

Der Fernsehturm ist auch noch da. Er blinkt mir ein blaues Willkommen entgegen und ich winke zurück. In der Bar neben meinem Haus gehen die vertrauten Lichter an. Wie schön, wieder hier zu sein!

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