Der Lake District ist bekannt durch die Seen, die diesem Teil im Nordwesten Englands seinen Namen verliehen. Mindestens ebenso imposant aber sind die grandiosen Berge hier. Enge Passstraßen winden sich hinauf, wie etwa der Kirkstone Pass bei Ambleside. Mit seinen zahlreichen engen Kurven ein Albtraum für Beifahrer. Aber erstmal oben angekommen, erwartet alle eine atemberaubende Aussicht - eine Landschaft wie ein Gemälde.

Grasmere ist einer jener kleinen Orte, von denen die Gegend hier regelrecht gespickt ist. Der Ort ist so etwas wie das Zentrum des Lake Districts, nicht nur geografisch. Grasmere zeigt, was diese Gegend ausmacht: Am Bergpanorama kommst du hier ja nirgends vorbei, auch den obligatorischen See gibt es selbstverständlich, Lake Grasmere. 

Doch vor allem hat sich der Ort jenes Selbstbewusstsein bewahrt, das dem Lake District guttut: Er hat sich für den Tourismus nicht verbogen.

Gasmere: Ein Dorf ohne Gehweg

Bis heute suchen Fußgänger im Zentrum einen Gehweg vergebens. In Grasmere müssen sich Autofahrer und Passanten zwangsläufig miteinander arrangieren. Der Ort hat sich zwar mit einigen Restaurants und Hotels auf Gäste eingestellt; aber etwa Costa-Coffeeshops, Tesco-Supermärkte oder WH-Smith-Schreibwarenläden, die auf der ganzen Insel die Innenstädte säumen – sucht man hier vergebens.
 
Einen einzigen Geldautomaten gibt es, in einem winzigen Lebensmittelmarkt, zugänglich nur während der Geschäftszeiten. Und nur eine einzige Telefonzelle. Grasmere, mit seinen 1500 Einwohnern, hat sich seine dörfliche Identität bewahrt, die viele Ortschaften in anderen Gegenden Großbritanniens längst verloren haben. Im Lake District aber sind solche Dörfer keine Seltenheit.

Gingerbread frisch aus dem Ofen

Diane und Spencer Hannah haben in dieses Idyll ein Stück Moderne gebracht. Die beiden Designer ließen sich 2007 vom allgegenwärtigen Herdwick-Schaf inspirieren und schufen mit Herdy eine Designmarke, die mittlerweile längst nicht nur in Grasmere angesagt ist. Ihre Produkte wie Eierbecher, Teetassen und Schlüsselanhänger mit dem stilisierten Schafskopf exportiert das junge Unternehmen sogar nach Deutschland und Japan. Alles pur made in England. Und ein Teil der Gewinne fließt übrigens in kommunale Projekte.
 
Den vielleicht skurrilsten Betrieb der Gegend findest du in Grasmere direkt neben der Kirche: Den ganzen Tag lang kommt hier auf wenigen Quadratmetern Sarah Nelsons original Grasmere Gingerbread frisch aus dem Ofen, ein Ingwerkeks, saftig wie Lebkuchen und intensiv im Geschmack wie eine asiatische Gewürzmischung.

„Wir verschicken unser Brot in alle Welt“, sagt Joanne Hunter, deren Familie den Betrieb vor 80 Jahren von Sarah Nelson übernahm. Die genauen Zutaten des Teiges kenne nicht einmal sie selbst, beteuert die Inhaberin, so geheim sei das Rezept. Jeder Mitarbeiter müsse eine Geheimhaltungsklausel unterschreiben.

Literaturfans kommen auf ihre Kosten

Ziel von Literaturfans ist das Dove Cottage, nur einen kurzen Fußmarsch vom Zentrum Grasmeres entfernt. Hier hat der Dichter William Wordsworth von 1799 an gut acht Jahre gelebt. „Einfaches Leben, aber hohes Denken“, beschrieb er diese Phase seines Lebens einmal. Vor seinem Einzug diente Dove Cottage als Pub, heute gehört es dem Wordsworth Trust, einer Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Erbe des Dichters zu bewahren. Vor allem aus dem englischsprachigen Raum pilgern seitdem Fans hierher.
 
Berühmt vor allem bei Kindern ist eine andere Autorin der Gegend: Beatrix Potter machte  sich durch ihre „Geschichte von Peter Hase“ einen Namen, auch dank ihrer zahlreichen Tierillustrationen. Ihr Wohnhaus Hill Top nahe Hawkshead ist ebenso für Besucher geöffnet wie eine Galerie mit vielen ihrer Werke in der früheren Anwaltskanzlei ihres Mannes. Kassenschlager in den zahlreichen Souvenirläden hier ist natürlich der kleine Hase namens Peter. Potter selbst widmete sich später im Leben übrigens eher anderen Tieren: Sie begann damit, Herdwick-Schafe zu züchten, jene Rasse, die es bei den Jungdesignern von Herdy zur eigenen Marke gebracht hat.
 
Am Ende landest du im Lake District eben bei fast allen Themen wieder früher oder später in der Natur. Und das ist ja auch der eigentliche Grund, weshalb du überhaupt hierhergekommen bist, in den Norden Englands: einsame Wege an Seen, Bergen und Feldern entlang. Eben eine grandios schöne Landschaft.