Und aus dem Morgendunst schälen sich drei ungewöhnlich gekleidete Männer... Neugierig schauen wir aus dem Fenster und mit jedem Schritt, den die Männer näher kommen, wird uns ein bisschen mulmiger zu Mute. Der eine trägt ein Gewehr, an den Gürteln der beiden anderen baumeln großkalibrige Pistolen.

Kann das jetzt wirklich wahr sein? Die Bilder vor unseren Augen ähneln immer mehr einer Szene aus einem Wild-West-Film. Und der Typ mit dem Gewehr trägt tatsächlich auch noch Sombrero, Schnauzbart und Sporen, und über seiner Brust spannt sich ein Ledergurt mit Patronen: Pancho Villa, der legendäre mexikanische Outlaw –live und in Farbe!

Warum Beckenbauer hier so berühmt ist

Die anderen Touristen in unserem Waggon schauen genauso ungläubig wie wir. Die Einheimischen scheinen dagegen kaum Notiz von den Männern zu nehmen, die sich gerade in den Zug schwingen. Im Gegenteil. Einige von ihnen scheinen die Männer sogar zu kennen und begrüßen sie mit einem lauten „Hola!“

Wir registrieren es mit einem leichten Aufatmen. Doch damit ist es auch gleich wieder vorbei, als sich „Pancho Villa“ und seine beiden Kameraden ausgerechnet direkt uns gegenüber niederlassen. „Buenos Dias!“, begrüßt mich „Pancho“ und legt sein Gewehr lässig über die Knie. „De donde vienes? – Woher kommst du?“ Mein Herz rutscht immer noch etwas in Richtung Hose. Doch dann erinnert sich mein Gehirn an die ersten spanischen Worte, die ich vor Jahren gelernt hatte, als ich in Tijuna zum ersten Mal mexikanischen Boden betrat. „No soy Gringo!“, flutscht es aus meinem Mund. „Soy aleman!“ Ich bin kein Amerikaner. Ich bin Deutscher. Über „Panchos“ Backen erwacht ein breites Grinsen. Und jetzt sind es meine Ohren, die kaum glauben können, was sie als Antwort zu hören bekommen: „Ah, Beckenbauer!“ strahlt „Pancho“. Genau wie damals der Barkeeper, in dem kleinen Motel an der mexikanisch-amerikanischen Grenze.

Das kannst du jetzt wirklich nur träumen, denke ich. Doch der Zug nimmt gerade wieder Fahrt auf und Beckenbauer ist seit der Fußball-WM 1970 in Mexiko so bekannt und berühmt wie Pancho Villa, ihr legendärer Volksheld. Und überhaupt: In einem Land, wo ein Zug auf freier Strecke stoppt, um drei bewaffnete Männer aufzunehmen, ist alles möglich!

Vom Pazifik ins Hochland

Der Spuk, der keiner war, ist nach einer guten Stunde auch schon wieder vorbei. In El Fuerte, der nächsten Station steigen „Pancho Villa“ und seine Begleiter wieder aus. Sie waren beileibe keine Banditen, wie wir inzwischen bei unserem holprigen spanischen Palaver erfahren haben, sondern genau das Gegenteil: Bahnpolizisten, wie wir sie auf unserer Zugfahrt noch einmal treffen werden. Kein Wunder, denn die Fahrt führt durch menschenleeres Land, durch Einöden und Berge, wo der Zug oft nur im Schritttempo die nächste Anhöhe erklimmen kann, und der nächste Polizeiposten oft Stunden entfernt liegt. Für Räuber also ein leichtes, einfach mal aufzuspringen, die Touristen an Bord auszurauben und wieder in der Wildnis zu verschwinden.
Stopp! Bangemachen gilt nicht! Und von einem Raubüberfall im „El Chepe“ habe ich noch nie gelesen. Dafür umso mehr über eine der spektakulärsten Eisenbahnstrecken der Welt, auf der wir an diesem Morgen unterwegs sind.

El Chepe ist die liebevolle Bezeichnung für den Zug. Hervorgegangen aus der Abkürzung ChP, die wiederum für Ferrocarril Chihuahua al Pacífico stand, eine Bahngesellschaft, die später in der mexikanischen Eisenbahngesellschaft Ferrocarril Méxikano (Ferromex) aufging. Seit 1961 verbindet „El Chepe“ die Stadt Los Mochis an der Pazifikküste mit der Provinzhauptstadt Chihuahua im mexikanischen Hochland. Über 653 Kilometer, 37 Brücken und durch 87 Tunnel schraubt sich die Eisenbahnstrecke durch die zerklüfteten, bizarren Felsformationen der Sierra Madre Occidental bis auf eine Höhe von 2.420 Meter.

Los geht es morgens um 7 Uhr. Ankunft ist (laut Fahrplan) abends um 22.42 Uhr. Also fast 16 Stunden Fahrt mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 40 km/h. Doch die lange Fahrzeit ist nicht der eigentliche Grund, warum die meisten Touristen die Fahrt für eine Nacht oder sogar mehrere unterbrechen. Denn ungefähr auf der Hälfte der Strecke, an der Bahnstation Divisadero, wartet auf die Reisenden eine Landschaft, die ihresgleichen sucht und viel zu atemberaubend ist, um nur einen Blick aus dem Zugfenster darauf zu werfen: ein 50 Kilometer langes Schluchtensystem, in das der berühmte Grand Canyon gleich viermal hinein passen würde.

Die bekannteste Schlucht trägt den Namen Barranca del Cobre oder auf Englisch Copper Canyon. Warum, sehen wir wenig später, als wir unsere Zimmer im Hotel „Mirador“ bezogen haben. Es klebt wie ein Adlerhorst an der Felskante. Von unserem Balkon geht es 1.800 Meter in die Tiefe, und unter uns funkelt der Canyon kupferfarben in der Nachmittagssonne.

Zwischen Bäumen flattern Kolibris

Im Gegensatz zum Grand Canyon sind die insgesamt sechs Schluchten, die das Wasser vor Millionen Jahren in die Sierra Madre gegraben hat, auch bewaldet. Zwischen den Bäumen flattern Kolibris. Ihr Sirren ist bis hier oben zu hören. Ansonsten ist es herrlich still – was sich schlagartig ändert, als wir in die Hotelbar gehen, um einen „Sundowner“ zu nehmen, natürlich eine Margerita, wie sich das für Mexiko gehört. Leider ist eine Gruppe amerikanischer Rentner auch schon auf die Idee gekommen und offensichtlich schon zwei Cocktails weiter. Als die kleine Band in der Bar „Guantanamera“ anstimmt, formieren sie sich laut singend zu einer Polonaise.

Der Massentourismus ist inzwischen auch hier oben angekommen. Und in Divisadero, das früher eigentlich nur aus dem Bahnhof und diesem Hotel bestand, sind inzwischen viele weitere Unterkünfte gebaut worden. Für jeden Geschmack und für jeden Geldbeutel. Sogar ein zweites Hotel haben sie inzwischen auf die Felskante gesetzt, das sich rühmt, Ausblick auf gleich drei Canyons zu bieten. Und eine Seilbahn gibt es natürlich jetzt auch, und „Travel Agencies“ buhlen mit aufgemotzten „Hummer“-Geländewagen um ihre Touren ins Hinterland.

Langsam senkt sich die Nacht über den Canyon. Auf der Straße tanzen noch einige einheimische Tarahumara-Indianer in ihren traditionellen weißen Leinengewändern, um sich ein paar Dollar für ein paar Touristen-Fotos zu ergattern. Doch die Kameras richten sich in der Hauptsache auf die Wagemutigen, die auf dem „Balancing Rock“ herumkippeln, einem wackligen Felsbrocken am Rande des Abgrunds.

Trotz allem: Es ist wunderschön hier oben. Und am nächsten Mittag werden die amerikanischen Rentner einfach von dem Gewusel verschluckt, das am Bahnhof herrscht. Der „Chepe“ kommt. Diesmal aus Richtung Chihuahua, und Bauern aus dem Umland schleppen ihre Taschen mit Äpfeln und Aprikosen an die Gleise oder sie heizen ihre Tortilla-Öfen an. Die Ankunft des „Chepe“, ist der Höhepunkt ihres Tages. Erst der „Chepe“ für die erste Klasse mit einer Diesellok und vier grün-orange angestrichenen Waggons, dann der etwas längere Zug für die zweite Klasse.

Wir bleiben hier und warten auf den Gegenzug von Los Mochis zur Weiterfahrt nach Chihuahua. Und müssen etwas grinsen, als wir unsere amerikanischen Rentner in die andere Richtung verschwinden sehen. Diesmal mit einem „For he’s a jolly good fellow“ auf den Lippen. Offensichtlich hat einer von Ihnen Geburtstag. Und, was soll’s? Hoch soll er leben!