Selbstversuch: Mit Billigflieger in die USA | reisereporter.de

Selbstversuch: Mit dem Billigflieger in die USA

Für weniger als 100 Euro nach Amerika fliegen? Ja, diese Angebote gibt es. Aber was bietet so ein Flug im Billigflieger? Unsere reisereporterin Evelyn hat es gewagt – und für euch den Selbsttest gemacht.

reisereporter Evelyn ist mit einem Billigflieger nach Amerika geflogen.
reisereporter Evelyn ist mit einem Billigflieger nach Amerika geflogen.

Foto: Narciso

„Wir bringen dich ab 99 Euro zu den schönsten Zielen in den USA!“ Das Werbeplakat der Billigfluggesellschaft Wow Air brennt förmlich in meinen Augen. Mir ist schon klar, dass es wahrscheinlicher ist, eine Nadel im Heuhaufen zu finden als diesen 99-Euro-Flug… Trotzdem möchte ich es ausprobieren und mit kleinem Budget über den Großen Teich fliegen. 

Grundsätzlich bin ich ein optimistischer Mensch. Aber weil ich befürchte, fuchsteufelswild zu werden, wenn ich gleich keinen Billigflug finde, mach ich zur Entspannung ein Kerzchen an und gieße mir ein großes Glas Rotwein ein, bevor ich den Computer aufklappe. Tini, meine „Roadtrip-Partnerin in Crime“, hält Händchen. 

Los geht’s! Ich gebe unsere Wunschdaten von Berlin nach San Francisco ein und halte die Luft an (ja, okay, ich trinke einen großen Schluck Wein!), während das kleine Preissuch-Flugzeug seine Warterunden dreht.


Flugsuche mit Möglichkeit 1: Direkt fliegen 

Berlin–San Francisco: 170 Euro (das stimmt mich fröhlich)
San Francisco–Berlin: 290 Euro (na ja)

Ich wähle die Flüge aus und es öffnet sich sogleich die „Gepäck-hinzufügen-Seite“. Ich stutze (und nippe am Wein). Warum soll ich denn hier für Handgepäck zahlen? 

Bei genauerem Hinsehen fällt mir auf, dass ich meine persönlichen Gegenstände (also meinen normalen Rucksack) sowieso mit in den Flieger nehmen kann. Die Handgepäckgebühr bezieht sich auf großes Handgepäck, das ich theoretisch als Gepäckersatz buchen könnte. Also lasse ich das weg und mache einen Haken beim normalen Gepäck, was auch direkt mit 51 Euro und 58 Euro (warum auch immer die Preise bei Hin- und Rückflug unterschiedlich sind) zu Buche schlägt. 

Auf der nächsten Seite habe ich die Möglichkeit, besondere Sitze auszuwählen. Die fangen bei 6,99 Euro an und gehen bis jenseits der 200-Euro-Grenze. Nein, brauchen wir nicht. 

Jetzt wird es spannend: Der Preiskalkulationsflieger dreht seine Runden und heraus kommt ein stolzer Preis von insgesamt 585,35 Euro. Um ganz ehrlich zu sein, bin ich schon für weniger Geld nach San Francisco geflogen. 

Flugsuche mit Möglichkeit 2: Ein Stopover auf Island 

Ganz glücklich bin ich alter Flugschnäppchenjäger mit meiner Wahl noch nicht, denn eine Sache lässt mich nicht in Ruhe: Bei der Flugsuche kann ich „Stopover“ auswählen. 

Ich hatte schon davon gehört, dass Wow Air einen Island​-Stopover ohne Ticketaufpreis anbietet. Nachdem Tini und ich vor einigen Jahren eine unvergesslich schöne Zeit auf Island hatten, wollten wir immer gern noch mal hin. Also starte ich das Prozedere von vorn: 

Berlin–San Francisco: 170 Euro (finde ich weiterhin gut)
San Francisco–Reykjavik: 137 Euro (ui, das ist um einiges günstiger) 
Reykjavik–Berlin: 93 Euro (Moment, ich muss rechnen…)

Bei den Gepäckpreisen orientiert sich die Billig-Airline offenbar an Pi mal Daumen, denn die sind ein bisschen anders als beim Direktflug. 

Jedenfalls spuckt die Suchmaschine am Ende einen Preis von 563,15 Euro aus. Darauf einen großen Schluck Wein, denn: Das ist sogar günstiger als der Direktflug! Wir beschließen, unseren Aufenthalt in den USA um ein paar Tage zu verkürzen und dafür, auf dem Rückweg, drei Tage Island ranzuhängen.  

Getting ready for boarding. #wowair

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Binge-Watching auf dem Weg nach Reykjavik

Flugangst ist für mich ein Fremdwort. Bis auf ein einziges wackliges Durchstarten hatte ich noch nie Probleme. Und doch muss ich gestehen, dass mir viele Fragen durch den Kopf gehen, als ich in den Flieger nach Reykjavik steige. Vor allem: Wie bekommen die so günstige Preise hin?

Als wir unsere Plätze im Flieger einnehmen, schiebe ich die Fragen beiseite. Der Flieger scheint brandneu zu sein. Die Sitze sind zwar schmal, aber komfortabel. Sie haben verstellbare Kopfstützen und, wie versprochen, Lademöglichkeiten per Stecker und USB.

WOW air Devise Holder
Ich bin totaler Fan von dieser kleinen Klappe. So bekomme ich keine Krämpfe mehr beim Serien gucken auf dem Handy. Foto: Landmeedchen

 

Mein Highlight: Am Vordersitz gibt es neben dem normalen Tisch eine kleine Klappe, auf der ich mein Handy abstellen kann, um meine runtergeladenen Netflix Serien zu gucken. Herrlich, so vertrödle ich die die vier Stunden Flug nach Island gern. 

Ich hatte ganz verbaselt, mir am Berliner Flughafen etwas zu Essen zu kaufen. Als mein Magen knurrt, bestelle ich mir etwas. 9,99 Euro kostet das Senfhähnchen. Es schmeckt sogar ganz gut. Ein Salat am Flughafen wäre auch nicht viel billiger gewesen.

WOW air Food
Senf-Hühnchen mit Gemüse. Stinknormales Flugzeug-Essen, aber gar nicht so schlecht. Foto: Landmeedchen

In der Holzklasse nach San Francisco 

In Reykjavik haben wir ungefähr zwei Stunden Aufenthalt, die aber sehr schnell vergehen, weil ich die Ehre habe, ein Extra-Interview zu geben. Es ist immer ratsam, sich so schnell wie möglich zum Abflug-Gate aufzumachen, denn als ich die Schlange derjenigen sehe, die noch vor mir Frage und Antwort stehen müssen, bekomme ich leichte Stressflecken. 

Zum Glück geht alles relativ schnell und Tini wartet schon mit Getränken und Essen eingedeckt am Gate auf mich. Langstrecke mit Brotbox… Ja, das ist auch mal was. 

Ich freue mich schon auf den Flieger (da sind noch einige Folgen „Riverdale“ offen), werde aber schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als wir den Flieger betreten. Dieses Flugzeug scheint älter zu sein. Und die Freude, dass an der Fensterreihe nur zwei Sitze sind, Tini und ich also eine Reihe für uns allein haben, hält nicht lange an. 

Die Sitze sind nämlich ziemlich hart. Es gibt keine Kopfstützen. Erst jetzt fällt mir auf, dass beim Flieger vorher wie auch hier nirgendwo Bildschirme sind. Deswegen sind die Armstützen auch so mickrig, weil eben keine Fernbedienung reingequetscht werden muss. Der Hebel zum Verstellen der Rückenlehne befindet sich, wie beim Auto, unter dem Sitz. 

Gerade als ich mich noch ein bisschen gräme (Steckdosen und USB-Anschlüsse gibt es nämlich auch nicht, geschweige denn meine geliebte Handyklappe), schiebe ich meinen Rucksack unter den Vordersitz und merke: da ist viel Luft. 

WOW air Beinfreiheit
Ich kann ich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal in einem Flieger so viel Beinfreiheit hatte. Das ist der Wahnsinn! Foto: Landmeedchen

Überrascht gucke ich Tini an, die offenbar gerade die gleiche Feststellung gemacht hat. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so viel Beinfreiheit gehabt zu haben. Da macht das fehlende Entertainment gar nichts, denn wir haben einen Nachtflug, und mit meinen Füßen auf dem Rucksack und in mein Reisetuch eingemummelt, schlafe ich fast den ganzen Flug über. 

Per Billigflieger in die USA: Mein Fazit

Geschmäcker sind verschieden. Beim Fliegen macht sich das ganz besonders bemerkbar. Daher denke ich, dass so ein Low-Budget-Langstreckenflug nicht jedermanns Sache ist. 

Wer aber Geld sparen möchte und auf Entertainment, Getränke, Essen, Kuschelkissen- und Deckenkomfort verzichten kann, sollte es wagen. 

Die Crew war unheimlich nett und ich finde es ist sogar von Vorteil, dass man jederzeit Essen und Trinken bestellen kann und nicht auf feste Zeiten angewiesen ist. Das Einzige, was mich wahnsinnig gemacht hat, war die fehlende Fluganzeige. Ich wusste nie wirklich, wo wir uns gerade befinden. 

Kurzum: Ich würde jederzeit wieder mit dieser Billig-Airline über den Großen Teich fliegen. Schon allein, um so wundervolle Erinnerungen wie diese zu haben: 

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