Carlines Roadtrip-Tagebuch, Teil 2 | reisereporter.de

Roadtrip-Tagebuch: Hunde-Kot und Camping-Duschen

Ich spreche kein Wort Italienisch, habe einen Orientierungssinn von hier bis zur nächsten Wand, bin frisch getrennt und war noch nie alleine im Urlaub. Was könnte schief gehen? In den nächsten drei Wochen lest ihr hier mein Reisetagebuch. Über Rotwein und Raststättenromantik, Freiheit und Fahrzeugkontrollen und vor allem über: einfach mal keine Angst haben. Zweiter Teil.

Carline Mohr (33) und ihre Hündin Rio. Wieder nicht im Bild: Bulli Bruno.
Carline Mohr (33) und ihre Hündin Rio. Wieder nicht im Bild: Bulli Bruno.

Foto: Carline Mohr

Um mutig zu sein, braucht es manchmal nur jemanden, der noch mehr Angst hat als man selbst. Dann bleibt einem gar nichts anders übrig, als sich zusammenzureißen. Angst potenziert sich nämlich. Einer muss immer der Tapfere sein.

Zu meinem Glück fürchtet sich der kleine Hund grundsätzlich erstmal vor allem. Leere Eierkartons sind gruselig, Heuschrecken sind mindestens lebensbedrohlich und alleine mit Frauchen nach Italien fahren, rangiert vermutlich knapp hinter einem brennendem Versuchslabor für Kleintiere. Das bedeutet, dass ich die Rudelführerin bin und zumindest so tun muss, als hätte ich einen Plan. Und, auch das ist eine alte Lebensweisheit: Wenn man lange genug so tut als ob, glaubt man es irgendwann selbst.

Ich habe also einen Plan und keine Angst. Keine Angst vor den italienischen Mautstellen, auch wenn mir nach wie vor ein Rätsel ist, wann man ein Ticket bekommt, wann man eins abgeben muss, wann man mit Karte und wann man mit Bargeld bezahlt oder was die genervte Automatenstimmen auf italienisch vor sich hin meckern. Ist euch schon mal ein Ticket aus dem Fenster gefallen, als ihr so dicht am Automaten standet, dass ihr die Fahrertür nicht öffnen konntet? Während hinter euch bereits acht LKW warteten?

Rio hat auch keine Angst vor hohen Burgen.
Rio hat auch keine Angst vor hohen Burgen. Foto: Carline Mohr

Selbstverständlich habe ich auch überhaupt gar keine Angst, alleine im Bus im Nirgendwo zu schlafen. „Ich beschütze dich“, verspreche ich dem kleinen Hund und lege das Bärenmesser von Barkeeper Peter unter mein Kopfkissen. Es hat schon weniger gebraucht, um ein Herz an der richtigen Stelle zu treffen.

Der Campingplatz in Südtirol hat eigentlich schon geschlossen, außer uns sind nur drei verstreute Rentnerpärchen unterwegs, eins hat einen freilaufenden Kater dabei. Er heißt Rudi und frisst Rios Napf leer. Rio guckt empört zu mir rüber, traut sich aber nicht, die Sache zu regeln. Ich hebe die Schultern. „Du bist der schlechteste Jagdhund, den ich je getroffen habe“, sage ich. Rudi schmatzt, Rio lässt die Öhrchen hängen.

Zum Einschlafen lese ich Rio die Charaktermerkmale der Rasse Shiba Inu vor. „Unabhängig, stolz und furchtlos“ steht da. Der kleine Hund knabbert geschmeichelt an seinen Vorderpfötchen. Am nächsten Tag bellt Rio den Kater an. Es klingt noch nicht nach „Verpiss dich du Arschkatze, sonst reiß ich dir den Hintern auf“, sondern eher nach: „Entschuldigen Sie bitte, ich glaube, Sie haben sich im Napf vertan.“ Aber es sind die kleinen Schritte. Wie bei Menschen halt auch.

Rio (unten) tanzt um den Baum herum, auf den sich Kater Rudi (oben) geflüchtet hat.
Rio (unten) tanzt um den Baum herum, auf den sich Kater Rudi (oben) geflüchtet hat. Foto: Carline Mohr

Am darauffolgenden Tag fasst sich Rio ihr zartes Hundeherz und stürmt mit zusammengekniffenen Augen auf den schmausenden Kater zu. Das Rentnerpaar beobachtet kopfschüttelnd, wie der kleine Hund und ich jubelnd um den Baum herumtanzen, auf den Rudi sich geflüchtet hat.

Ich überlege kurz, ihnen meine Theorie über Angst zu erläutern und wie wichtig das alles für unsere Entwicklung ist, entscheide mich aber dagegen. Ich habe seit Tagen mit niemandem gesprochen. Das tut gut. Normalerweise rede ich recht viel und ziemlich schnell und lache häufig über meine eigenen Witze – obwohl das natürlich unprofessionell ist. Jetzt verstehe ich zum ersten Mal, was die Leute meinen, wenn sie sagen, sie müssten „mal den Kopf frei kriegen.“

 

 

Unsere nächste Station ist Verona und wir gucken uns Burgen an und Balkone und Brücken und essen zweimal am Tag ein Pastagericht. Mein Freund Mario, seines Zeichens Halbsizilianer, schickt mir Sprachnachrichten, um mir die wirklich wichtigen Dinge beizubringen.

„É un cane molto timido“ zum Beispiel. „Das ist ein sehr schüchterner Hund.“ Weil das der einzige Satz ist, den ich einigermaßen flüssig aussprechen kann, sage ich ihn oft. Zum Kellner, der was mit mir trinken gehen möchte, zur Polizistin, die mich auf einen Verkehrsverstoß aufmerksam macht und zum übellaunigen Museumswärter – einfach nur, um ihn aufzuheitern. Ansonsten läuft es eher mittel mit meinem Italienisch. Was die Italiener aber nicht besonders stört.

Der Satz über den schüchternen Hund trägt mich auf einer Welle des Lächelns durch die Stadt. Bis wir am letzten Tag an der Arena vorbeikommen. Der Hund hat die Angewohnheit, manchmal aus heiterem Himmel nicht mehr weitergehen zu wollen. Solange ich ihr gut zurede und mit der Leckerlitüte raschle, bleibt sie sitzen und legt den Kopf schief. Wenn ich allerdings mit dem Fuß aufstampfe und im typischen Frauchentonfall „Hiiier! LOS!“ rufe, legt sich Rio platt auf den Boden. Vermutlich um deutlich zu machen, das man so schon mal gar nicht mit ihr redet.

Ich habe schlechte Laune, weil sogar 12-Jährige heutzutage bessere Unterwäsche tragen als ich und schimpfe mit dem Hund...

Die Showeinlage ist besonders unangenehm, wenn Rio sie vor einer Sehenswürdigkeit einlegt, auf deren Treppenstufen eine Mädchenschulklasse mit ihren Intimissimi- und Vicoria’s Secret-Tüten rumlungert. Ich habe schlechte Laune, weil sogar 12-Jährige heutzutage bessere Unterwäsche tragen als ich und schimpfe mit dem Hund. Sie streckt trotzig alle Viere von sich und bewegt sich keinen Millimeter. „Tschühüsss, Rio, ich GEHE jetzt“, rufe ich und marschiere – den Empfehlungen diverser Hundeprofis folgend – ohne mich mich umzudrehen davon.

Der Hund bleibt natürlich liegen und guckt unbeteiligt in den Himmel. Die Mädchen kichern. Ich schlurfe zurück und stupse den Hund mit der Schuhspitze in den Plüschpo, die ersten Handykameras sind auf uns gerichtet. Der Hund rollt sich auf den Rücken und streckt die Pfoten in den Himmel. „Du bist ein verdammter Troll!“ knurre ich und versuche nicht zu lachen. Dann klemme ich mir den Hund unter den Arm. Zufrieden blinzelt sie den 12-Jährigen nochmal zu. Sie weiß, dass sie gewonnen hat.

Nach der Stadt und den vielen Menschen fahren wir auf einen kleinen Campingplatz am Gardasee.

 

Wir sind die Coolsten, wenn wir cruisen...
Wir sind die Coolsten, wenn wir cruisen... Foto: Carline Mohr

Die anderen Gäste beäugen uns misstrauisch und fragen häufig, wo denn mein Mann sei. Tapfer sage ich meinen Zauberspruch: „Only the dog and me.“ Wir sind ein gutes Team.

Ich habe inzwischen ganz in Echt fast keine Angst mehr. Wir joggen um den Gardasee, haben Gewürze gekauft, die noch haltbar sind und ich habe herausgefunden, wie man die Standheizung programmiert. Es läuft doch alles, denke ich, bevor ich einschlafe.

Als ich am nächsten Tag aufwache, wundere ich mich über den Gestank im Bus. Ein öffentliches Cityklo, in dessen Spülkasten eine verwesende Ratte liegt, ist nichts dagegen. Der Hund hatte in der Nacht eine Sprühdurchfallattacke. Im Bus. Auf dem Einlegeteppich. Das waren bestimmt die verdammten Pansencracker von Dietmar.

Noch im Katzenschlafanzug zerre ich den infernalisch stinkenden Teppich quer über den Campingplatz Richtung Duschräume. Parallel kümmere ich mich um die Anfrage eines Medienjournalisten, der gerne wissen möchte, warum ich meinen Job gekündigt habe.

Keine gute Idee war es übrigens, den Teppich einfach unter die Campingdusche zu stellen. Die Kacke spritzt in alle Richtungen.

Keine gute Idee war es übrigens, den Teppich einfach unter die Campingdusche zu stellen. Die Kacke spritzt in alle Richtungen. Ich hüpfe wie Rumpelstilzchen in der Kotfontäne herum und sehe binnen Sekunden aus, als hätte ich neben einem defekten Schokobrunnen gestanden. Die zähneputzenden Camper starren mich über ihre pastellfarbenen Kulturbeutel an. Mein Handy klingelt im Minutentakt. „Nein, nein ich wechsle nicht zur Konkurrenz!“ rufe ich ins Telefon, während ich mir Kackbröckchen aus dem Gesicht wische.

Mein ehemaliger Kollege Torsten Beeck schlägt vor, dass ich den Bus vor meiner Rückkehr einfach abfackle und als Versicherungsschaden abrechne. Er hat immer die besten Ideen. Till, dem der Bus gehört, weist bei Twitter darauf hin, dass die Wartezeit für einen T6 aktuell bei sechs Monaten liegt. Ob er sich vielleicht schon mal auf die Liste eintragen sollte. Ich bin ein wenig erschöpft.

Als der Hund und ich längst im Bett liegen, es ist eine tintenschwarze Nacht, taucht ein Kerl an unserem Seitenfenster auf und klopft heftig gegen die Scheibe. Sein Bart hat die Größe einer Zierhecke, seine Augen sind wie dunkle Höhlen.

Der Hund bellt und knurrt und springt wie ein Flummi auf und ab. Ich schnappe mir das Bärenmesser und unklammere den Griff, bis die Knöchel weiß werden. Mit uns ist nicht zu spaßen! Wir sind verdammte Kampffüchse! „Wir haben keine Angst“, fauche ich. Der Mann geht eilig ein paar Schritte zurück. „Ihr Licht!“ ruft er. „Sie haben ihr Licht angelassen.“ Mit pochendem Herzen schalte ich das Licht aus und starre mit Rio noch eine Weile in die Dunkelheit. „Ich hätte ihn erstochen für dich“, murmele ich. Der kleine Hund nickt und leckt meine Hand. Ich glaube, er ist stolz auf mich.

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