Ein Plädoyer für Urlaub statt Reisen | reisereporter.de

Urlaub ist uncool, Reisen ist angesagt? Ach bitte…

Klar können wir alle jetzt die Welt entdecken – reisereporterin Isabell hätte zwischendurch aber gern mal Urlaub. Ihr Plädoyer.

Kleine Verschnaufspause im Zug: Das Reisen kann schnell Kraft kosten.
Müdigkeit, Heimweh, Stress: Reisen bringt nicht gleich immer Urlaub mit sich (Symbolfoto).

Foto: Unsplash.com/Abbie Bernet

Ich kann nicht mehr. Ich habe nach 34 Stunden ohne Schlaf in Hanoi gestanden. Auf einer Straßenkreuzung, während Mofas, beladen mit Hühnern und Glasscheiben und ganzen Familien, um mich herumsausten. Ich habe in einer winzigen Wohnung Geschichten gelauscht und verbotene Drinks getrunken, aus denen mich ein Skorpion angrinste. Ich bin tagelang durch den Dschungel Mexikos gefahren, habe Ruinen bestiegen und Tigermücken gezüchtigt. Ich bin mit einem fragwürdigen Mietwagen durch die Wüste gebrettert, habe in Suks Tee getrunken,Tränengas eingeatmet und mir Maschinengewehre unter die Nase halten lassen.

Okay, sonst war’s schön. Aber ich brauche eine Pause.

Ich möchte mal wieder Urlaub machen. Echt jetzt. So richtig. Am Strand liegen. Gammeln. Jede Nacht im gleichen Bett schlafen. Genau wissen: Irgendwer hier kann mindestens Englisch oder Spanisch, aber eigentlich ist es auch egal, denn ich hab Urlaub, ich muss mit niemandem reden.

Früher war man stolz darauf, Tourist zu sein. Ein Tourist ist jemand, der zum Vergnügen reist. ZUM VERGNÜGEN!

Wir legen hohe Ansprüche an unsere Reisen, und sie werden immer größer. Als ich klein war, fuhren wir alle zwei, drei Jahre in irgendein Hotel. Da gab’s dann zwei-, dreimal am Tag was zu essen, einen Pool, einen Strand, das Meer und eine Bibliothek. Und wenn man versuchte, einen Hotelmitarbeiter in seiner Muttersprache anzusprechen, kam: „Sie sind Deutsche! Ich spreche Deutsch!“, und dann musste man mit ihnen Deutsch sprechen, weil sie so stolz darauf waren, dabei wollte man doch selbst nur angeben, wie fleißig man gelernt hat. Also ich, aber ich denke, das kann man verallgemeinern.

Heute ist das Reisen anders. Bist du Reisender oder Tourist? Diese Frage stellen wir innerlich, wenn wir die Reisen der anderen mit unserer vergleichen. Und natürlich ist „Tourist“ die völlig falsche Antwort. Was absurd ist, denn Tourist ist nur das alte Wort. Früher war man stolz darauf, Tourist zu sein. Das Wort kommt aus dem französischen, le tour ist eine Reise, aber auch eine Wanderung, ein Spaziergang. Ein Tourist ist jemand, der zum Vergnügen reist. ZUM VERGNÜGEN!


Reisen scheint mir anstrengend geworden zu sein. Gereist ist nur, wer Fotos mit Einheimischen vorweisen kann, die dann aber bitte nicht so aussehen, als würden sie mit jedem reden. Gereist ist heute eigentlich nur noch der, der es geschafft hat, sich vor Ort einzuleben, Freunde fürs Leben zu finden und Fotos für den Instagram-Feed zu schießen.

Ich will aber nicht umziehen. War schwer genug, mich an Berlin zu gewöhnen. Ich will reisen. Und manchmal auch einfach: Urlaub machen. Eine Auszeit vom Alltag. Entspannung.

Und da liegt das Problem. Denn ein schnöder Urlaub wird heute gestört durch diese fiesen kleinen Killerfragen von Freunden und Bekannten:
„Und was habt ihr gemacht?“
„Habt ihr Leute kennengelernt?“
„Wart ihr auch in dieser kleinen Seitengasse bei der völlig unbekannten verrückten alten Dame, die so leckere lokale Gerichte zaubert, die es nur bei ihr gibt und von der die ganzen Touris noch nie gehört haben, weil sie die Mutter des Glühbirnenverkäufers ist, und der erzählt einem erst von ihr, wenn man zwei Monate langt mit ihm Tee getrunken hat und – WIE NEIN??! Was habt ihr denn dann da gemacht?“

Urlaub, ihr Pfeifen. Ich habe Urlaub gemacht. 

Urlaub machen bedeutet offenbar auch, sich von dem Druck zu befreien, den die Freiheit des Reisens uns gebracht hat. Ich habe fast den mächtigsten Reisepass der Welt und WEHE, ich mache da nichts draus.

Klar, Orte entdecken ist schön, Menschen kennenlernen auch, fremde Kulturen sind spannend und eine Weile in den Lebensumständen anderer Menschen macht uns zu besseren Menschen, weil wir die Welt besser verstehen. All das ist gut und wichtig.

Wandern in Nepal ist dazu eine gute Alternative – eine faule Woche am Mittelmeer aber auch. Doch diese Faulheit erlauben wir uns nicht mehr. Zu profan. Etwas für Touristen.

Aber wir brauchen auch mal eine Pause. Schon im Alltag gibt es so viele Zwänge, im Job, aus der Familie, im Steuerrecht. Wandern in Nepal ist dazu eine gute Alternative – eine faule Woche am Mittelmeer aber auch. Doch diese Faulheit erlauben wir uns nicht mehr. Zu profan. Etwas für Touristen. Wir sind ja Reisende. Bis zur Erschöpfung.

Irgendwie kann ich mir dieses „Urlaub machen“-Ding selbst nicht mehr vorstellen. Ich nehme es mir jetzt schon seit zwei Jahren vor. Eigentlich würde ich gern auf Mallorca am Strand liegen. Ein bisschen schnorcheln, viel Fisch essen, und ich weiß, wo es die beste Paella gibt. Nur ob mein Kopf das aushält, das weiß ich nicht. Ein fremdes Land und nichts erkunden? Zeit und Geld in Muße stecken, die ich auch im heimischen Garten haben kann? Hm.

Für den Winter habe ich mich erst mal für eine Reisemischform entschieden. Was mit Strand und Bewegung, neuen Kulturen und Entspannung. Was das schon wieder heißen soll? Geduld, Geduld, ich erzähl’s euch noch. 

Jetzt hab ich erst einmal Urlaub.

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