Entspannt geht es zu auf der Terrasse des Pubs „The Dolphin“ gleich hinter dem Strand von Hastings. Es ist kühl und windig an diesem Nachmittag, aber das ist für die Gäste kein Grund, ihr Feierabendbier nicht in aller Ruhe draußen zu genießen. Auf dem Dach des Pubs thront ein Seemann mit dichtem Bart und Ringelshirt – eine lebensgroße Puppe, den Blick Richtung Nordsee. Dort liegen wie aufgereiht die Fischerboote am Strand. Die Seeleute haben ihr Tagwerk geschafft. Es ist still, nur die Möwen kreischen laut.

Hastings: Viel Kunst und Kultur

Mitten in der Hochsaison mag es in Hastings zwar nicht ganz so entspannt zugehen wie an diesem Tag, und auch hier gibt es die in englischen Seebädern offensichtlich unvermeidbaren Karussells und bunt blinkenden Kirmesbuden am Strandboulevard. Dennoch erscheint alles eine Spur ruhiger als anderswo an der Küste. „Zu uns kommt eine andere Art von Urlaubern“, erklärt Stadtführerin Jane Ellis beim Bummeln durch die schöne Altstadt. Der Ort ziehe zunehmend Liebhaber von Kunst und Kultur an. Und so reihen sich in den Gassen kleine Antiquitätengeschäfte  an Galerien, aber auch Cafés und liebevoll eingerichtete Vintage-Läden. Dazu gibt es vom Frühling bis in den Herbst allerlei Festivals.
 
Dieses Flair und seine Lage machen die 90.000-Einwohner-Stadt auch für eine weitere Klientel interessant. „Es ziehen immer mehr Londoner hierher. Die arbeiten von zu Hause aus, genießen den ruhigeren Alltag an der Küste und fahren nur noch zweimal in der Woche mit dem Zug in die Hauptstadt“, erzählt Jane. Dabei mögen auch die horrenden Immobilienpreise in London eine Rolle spielen. Wer in der Metropole bezahlbaren Wohnraum sucht, muss weit hinaus in die Vororte und täglich oft mehr als eine Stunde pro Richtung zur Arbeit pendeln. Da kann man auch gleich an die Küste ziehen. „In 90 Minuten ist man von Hastings aus im Zentrum von London“, sagt Jane.

Nächstes Ziel: Kreidefelsen Beachy Head

Am nächsten Tag geht es für uns weiter in Richtung Westen. Zunächst kommen wir vorbei an Pevensey Bay – und damit an einem Wendepunkt in der britischen Geschichte. Hier war es, wo im Jahr 1066 William der Eroberer auf die Insel stolperte. „Ich halte England in meinen Händen“, soll er der Überlieferung nach gesagt haben, als er dort in den Sand gefallen war. Der weitere Verlauf der Invasion verlief dann zumindest für ihn weitaus weniger holprig: Die Normannen besiegten die Angelsachsen in der Schlacht bei Hastings und prägten in der Folgezeit das Land maßgeblich.
 
Kurz hinter Eastbourne stoppt der Bus. Unser nächstes Etappenziel ist der höchste Kreidefelsen Großbritanniens, Beachy Head im Nationalpark South Downs  – und da gelangt man am schönsten zu Fuß hin. Also: aussteigen und hinwandern, immer oben an den Klippen entlang. Der Wind bläst ziemlich kräftig und kalt, aber das Wetter interessiert hier schon bald keinen mehr. Dieser Blick! Zur einen Seite tief unten das Meer und ansonsten bis an den Horizont Wiesen und Weiden, immer auf und ab in sanften Wellen.

Höher als die Kreidefelsen von Dover

Beachy Head mit dem markanten roten Leuchtturm zu seinen Füßen ist eine der berühmtesten Landmarken am Ärmelkanal. 162 Meter ragt das Kreidekliff steil auf, es ist damit fast 60 Meter höher als die Klippen von Dover. Doch nicht nur Wanderer zieht es an die Landspitze. Beachy Head ist bekannt als der Ort mit der höchsten Selbstmordrate des ganzen Landes, Holzkreuze erinnern an die Schicksale der Menschen, die hierhergekommen sind, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Wir halten kurz inne, bevor es weitergeht zu den Seven Sisters, den Sieben Schwestern.
 
Die acht (!) aufeinanderfolgenden Kreidehügel beginnen an dem kleinen und von der Erosion schon stark lädierten Ort Birling Gap. Spätestens jetzt wird aus dem ausgedehnten Spaziergang eine Wanderung: Die bislang moderaten Wellenbewegungen des Weges werden stärker, es wird deutlich steiler – und damit schweißtreibender. Als schließlich nach insgesamt knapp drei Stunden Laufzeit der Busfahrer freundlich lächelnd mit geöffneter Tür am Treffpunkt auf uns wartet, lassen wir uns dankbar auf die Sitze fallen.

„Brighton ist ein Dorf“

Schon bald schalten wir wieder von Natur- auf Stadtmodus um. Von grünen Wiesen auf belebte Straßen, von Schafen auf Menschen. Brighton ist Englands größtes Seebad, elf Millionen Gäste kommen jedes Jahr hierher. Viel mondäner ist es hier als in Hastings. Unter den zahlreichen Hotels sind einige stattliche Exemplare noch aus der Zeit, als die britische Krone über weite Teile der Erde herrschte. „Trotz allem, Brighton ist ein Dorf. Man kommt überall gut zu Fuß hin“, erzählt unsere Stadtführerin Elisabeth Hegarty, eine Deutsche, die vor 40 Jahren aus dem Saarland hierhergezogen ist.

Tatsächlich sind es vom Pier nur wenige Gehminuten bis in die Innenstadt mit ihren so unterschiedlichen Quartieren. Da sind The Lanes mit ihren schicken Geschäften in den engen Gassen des ehemaligen Fischerdorfes, während es in der North Laine auf charmante Weise bunt und alternativ zugeht. Ein Second-Hand-Laden bietet auf zwei Etagen alles von Kaffeedosen aus den Fünfzigerjahren bis zur Fransenweste an, an einem Stand verkaufen Frauen selbstgemachten Silberschmuck. In kleinen Boutiquen kann man sich den Stoff auswählen und daraus ein Kleid nähen lassen, und um die Ecke gibt’s vegetarische Schuhe.
 
Nein, Zurückhaltung steht in Brighton nicht hoch im Kurs. Den Anfang machte wohl Prinzregent Georg IV., der im frühen 19. Jahrhundert mit seinem Royal Pavilion ein asiatisch-dekadentes Lustschloss für seine Gelage mit zum Teil mehr als hundert Gängen errichten ließ. Auf sein ausschweifendes Nachtleben mit zahlreichen Clubs hält der Ort auch heute noch viel, ebenso wie auf seine kreative Musikszene und seine Toleranz.
 
„Hier ist es ganz schön exzentrisch!“ Diesem sehr britischen Kompliment an die Stadt begegnet man in Brighton immer wieder. So auch an der Strandpromenade, wo im Sommer der British Airways i360 eröffnen soll: der laut Guinness-Zertifikat „schmalste Turm der Welt“, an dem Besucher in einer Glasgondel 160 Meter hoch nach oben fahren. „Der i360 steht ganz in der Tradition der exzentrischen Touristenattraktionen dieser Stadt“, betont eine Mitarbeiterin des Projekts.
 
Mitten im trubligen Brighton wird man sie dann von dort wieder sehen können – die stillen grünen Hügel der Kanalküste.