Nur wenig größer als ein Tennisplatz ist dieser ganz besondere Garten. 15 Felsen unterschiedlicher Größe sind darauf scheinbar wahllos verstreut, umgeben von fein geharktem, hellem Kies. Seit mehr als einem halben Jahrtausend sitzen Besucher nun schon am Rand dieses rätselhaften Steingartens im Ryoan-ji-Tempel in der alten Kaiserstadt Kyoto und sinnieren darüber, was die Zenmönche mit ihrem Werk wohl sagen wollten.
 
Springen hier Tiger durch einen Fluss? Werden Kontinente von Ozeanen umspült? Versinnbildlicht der Garten die menschliche Endlichkeit oder doch eher die Beziehung zur Natur? Unser kundiger Reisebegleiter Satoshi Ito lässt seine Fantasie spielen. So viel ist jedenfalls gewiss: Letztlich geht es in diesem Steingarten um nichts Geringeres als um den Sinn des Lebens.
 
Aber wenn schon die Japaner selbst keine eindeutige Antwort gefunden haben, wie soll sich dann erst der Besucher aus Europa einen Reim darauf machen? Er hat doch schon genug damit zu tun, sich mit diesem Land vertraut zu machen, in dem Trinkgeld als Beleidigung empfunden wird und verblüffend echt aussehendes Plastikessen in Schaufenstern als Speisekarte dient.

Wendepunkt: Hiroshima und Nagasaki

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts schottete sich Japan beharrlich vom Rest der Welt ab. Erst als die Amerikaner darauf bestanden, dass ihre Walfangschiffe die Häfen anlaufen dürfen, begann notgedrungen die Modernisierung Japans – die dann aber mit umso größerer Anstrengung vorangetrieben wurde. Seitdem will Japan Weltspitze sein, ohne dabei seine Traditionen zu verraten. Erst Ende des Zweiten Weltkrieges, nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki und im Angesicht des hunderttausendfachen Todes, erklärte Kaiser Hirohito der schockierten Bevölkerung, dass er doch kein Gott sei.
 
So ganz sind die Japaner davon aber wohl bis heute nicht überzeugt: Sechs Millionen pilgern jährlich zum Ise-Schrein an der Pazifikküste, wo dem Sonnengott Amaterasu gehuldigt wird, von dem das Kaisergeschlecht abstammen soll. Viel ist von dem bedeutendsten Shinto-Schrein des Landes hinter hohen Holzzäunen gar nicht zu erspähen, und doch fühlt sich ein Japaner hier erst so richtig als Japaner.
 
Und wie reist man aus den Metropolen Osaka oder Tokio am schnellsten an? Mit dem Superzug Shinkansen, dessen 50. Geburtstag mit viel Brimborium 2014 gefeiert wurde. Mit knapp 300 Stundenkilometern rauscht die Bahn auf dem für sie reservierten Gleisbett dahin. Der Zug mit der schnabelartigen Schnauze ist der Stolz des Landes. Verspätungen werden in Sekunden und nicht in Minuten bemessen. Noch nie kam es zu einem tödlichen Unfall, auch nicht bei einem der zahlreichen Erdbeben. Die nächste Generation, geplant als Magnetschwebebahn, soll 500 Stundenkilometer erreichen.

Japan: Ein höfliches Land

Müde Berufspendler mit Anzug und Laptop belegen morgens und abends die Sitzreihen – und dürfen hier sogar essen, was sonst in der Öffentlichkeit gar nicht gern gesehen wird. Die Pendler schauen gar nicht hoch, wenn der Schaffner vorbeikommt. Dabei würde es sich lohnen: Bevor der Uniformierte mit den weißen Handschuhen durch die Waggontür verschwindet, dreht er sich um und verneigt sich vor seinen Passagieren. Ob sich diese Geste auch auf ICE-Deutschland übertragen ließe?
 
Überhaupt ist Japan ein höfliches Land. Nicht nur Schaffner, sondern auch Passanten springen unsicher dreinschauenden Touristen sofort zur Seite und eskortieren sie zum gewünschten Ziel. Umgekehrt gelten aber auch für Besucher Regeln, die sie einhalten sollten, wenn sie pikierte Gesichter vermeiden wollen. Wer etwa im Ryokan, einem typisch japanischen Reisegasthaus, übernachtet, wird erst einmal belehrt, wie er seinen Kimono zu tragen hat. Beim vielgängigen Abendessen sind der Umhang und auch die dazugehörigen weißen Söckchen für alle Pflicht – und wehe, der Knoten des Gürtels sitzt falsch! „Dann gibt es hier ein kleines Theater“, sagt Reisebegleiter Satoshi-san, was so viel wie Herr Satoshi heißt.
 
Die Toiletten sind auch im Ryokan Hightech, beheizbare Klobrillen inklusive. Ein Bett allerdings suchst du vergeblich in den beinahe möbellosen Zimmern: Geschlafen wird auf Reisstroh, sogenannten Tatami-Matten. Zur Körperreinigung gehst du ins Thermalbad, Onsen genannt, und räkelt sich danach in gut 40 Grad warmem Quellwasser. Da hat die sonst so bedrohliche Vulkanaktivität in Japan doch mal einen positiven Nebeneffekt. Bleibt nur noch eine Frage: Was tragen die Japaner unterm Kimono?

Angst vor den Terroristen der Aum-Sekte

Seltsam erscheint dem Besucher vieles: Wieso sind nirgendwo Abfalleimer zu finden? „Kein Mülleimer vorhanden. Nehmen Sie all Ihren Müll mit nach Hause“ – das ist mancherorts auf Schildern zu lesen. Des Rätsels Lösung: Die Terroristen der Aum-Sekte deponierten ihr tödliches Nervengas 1995 in Tokios U-Bahn in Abfalleimern. Danach montierten die Behörden die Behälter ab. Und jetzt haben sich die Japaner daran gewöhnt, ihren Müll durch die Straßen zu tragen – gern auch im Designertäschchen auf Tokios teuerster Einkaufsmeile Ginza.
 
Sowieso sind die Japaner Meister darin, an Konventionen festzuhalten, ohne sich zu deren Sklaven zu machen. Unser verschmitzter Reisebegleiter Satoshi-san beispielsweise hat freimütig erklärt, sofort Harakiri zu begehen, sollte er uns den Fuji nicht in ganzer Schönheit präsentieren können. Und dann ist der heilige Berg tatsächlich im Nebel verschwunden. Satoshi-san greift unverzüglich zu seinem Taschenschirm und rammt ihn sich in die Magengegend – nicht ohne noch schnell zu erläutern, wie der Schnitt exakt zu führen ist. Bei diesem symbolischen Akt hat er es dann aber belassen: Wir würden seine Dienste noch benötigen, hat er gesagt. Da hatte er recht.