Wie auch immer der Alltag eines indischen Maharadschas im Detail verlaufen mag – er beginnt tatsächlich majestätisch: Über dem Umaid Bhawan Palace ist die Sonne gerade aufgegangen, da servieren in indischer Tracht gekleidete Kellner bereits das Frühstück. Nicht irgendwo, sondern auf der gewaltigen Terrasse des 14.000-Quadratmeter-Gebäudes, gekrönt von einem einzigartigen Blick über die nordindische Stadt Jodhpur.

Unten, am Beginn einer beeindruckend verschwenderischen Treppe, spielt ein Musiker meditative Klänge. In dieser filmhaften Kulisse lässt du dir sogar die Hitze Indiens gefallen.

500 Euro pro Nacht im Umaid Bhawan Palace

Augenblicke wie dieser waren jahrhundertelang den Maharadscha-Familien vorbehalten. Inzwischen aber muss dort nicht mehr eingeheiratert werden, um auf der Terrasse des Umaid Bhawan Palace sitzen zu können. Es reicht, hier als Gast einzuchecken. Dieser letzte vor der Unabhängigkeit Indiens erbaute Palast ist zu einem Hotel umfunktioniert worden; zu einem der imposantesten des Landes.
 
14 Jahre lang bauten 3.000 Arbeiter an dem Koloss, der vor allem durch seine zentrale, 56 Meter hohe Kuppel zu den meistbeachteten Bauwerken Indiens zählt. Das Gebäude des britischen Architekten Henry Lanchester beinhaltet nicht weniger als 347 Räume. 1943 wurde der Umaid Bhawan Palace vollendet und thront seitdem wie ein Schloss aus Tausendundeiner Nacht auf dem Chittar-Berg über Jodhpur. Für eine Nacht im Doppelzimmer musst du allerdings um die 500 Euro einplanen. 

Gaj Singh kennt das märchenhafte Gefühl gut, von hier oben auf die Stadt zu blicken. Im Alter von vier Jahren wurde er 1952 überraschend zum Maharadscha von Jodhpur ernannt, nachdem sein Vater bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen war. Seitdem ist Gaj Singh quasi Hausherr im Palast und lebt in einem eigenen Flügel. Für ihn ist es selbstverständlich, sich das Eigenheim mit wildfremden Leuten zu teilen, nämlich den Hotelgästen. „Wir haben schon vor Jahren damit begonnen, Zimmer zu vermieten“, sagt er und lässt einen ausgeprägten Geschäftssinn erkennen. Viele Fürstenfamilien im Land haben inzwischen ihre Häuser für Gäste geöffnet – in erster Linie, um die opulenten Anwesen unterhalten zu können.

Es scheint anachronistisch, im längst demokratischen Indien noch auf Maharadschas zu treffen. Streng genommen dürfen sie diesen Titel auch gar nicht mehr tragen. Ihre herrschaftlichen Privilegien, die sie noch unter der englischen Kolonialherrschaft genossen, sind längst Vergangenheit. Bis heute aber werden die Oberhäupter der Maharadscha-Familien mit ihrem einstigen Titel „Eure Hoheit“ angesprochen. Auch wenn sie selbst per Gesetz über keinerlei politische Macht mehr verfügen, so genießen sie doch allein schon wegen ihres historisch begründeten üppigen Grundeigentums eine herausragende Stellung. Gaj Singh war zudem einige Jahre Mitglied des Oberhauses von Neu-Delhi. In seinen Räumen, umgeben von uniformiertem Personal, wirkt der 66-Jährige bis heute wie ein eloquenter Staatsmann.

Udaipur: Wo James Bond auf Octopussy traf

Ganz Rajasthan ist übersät mit den Residenzen der Maharadschas. Einige davon mussten die Fürstenfamilien im Zuge der Demokratiebewegung an den Staat abgeben, andere gehören ihnen bis heute. Das Mehrangarh-Fort etwa, die frühere Hauptresidenz der Maharadschas von Jodhpur, ist heute als Museum für die Öffentlichkeit zugänglich. In Udaipur steht mit dem Lake Palace im Pichola-See jener Palast, in dem James Bond in einem Film auf Octopussy traf. Dabei ist das weiße Wasserschloss heute ebenfalls ein Luxushotel.
 
Jaipur, die Hauptstadt Rajasthans, ist so etwas wie ein Sammelbecken der Paläste. Vom Palast der Winde aus, einem Teil des alten Stadtpalastes, beobachteten die Damen des Hofes einst, was auf der Straße vor sich ging. „Sie durften sich sonst nicht unter das einfache Volk begeben“, sagt Stadtführer Narendar Singh Rathore. Durch die engmaschigen Fenster aber sahen die Damen dennoch, was draußen vor sich ging, ohne selbst gesehen zu werden – einst ein beliebter Zeitvertreib. Seinen Namen erhielt der Palast durch die Luftzirkulation aufgrund ebendieser Öffnungen. Er ist ein öffentlich zugänglicher Teil des großen Stadtpalastes, in dem bis heute die örtliche Maharadscha-Familie lebt.
 
Auch in Jaipur wurde einer der Paläste in ein Hotel umfunktioniert – der Rambagh Palace. Samuel Swinton Jacob, ein britischer Architekt mit engen indischen Bindungen, verwirklichte hier seinen ganz eigenen Baustil: eine Mischung aus Kolonialgebäude und traditionellen indischen Elementen. Seine Gebäude zieren viele Städte Nordindiens, unter anderem das Regierungsviertel in der Hauptstadt Neu-Delhi.

Eine 16 Kilometer lange Mauer umgibt Jaipur 

Nicht weit von Jaipur ist zu sehen, wie alles begann: Amber am nordöstlichen Rand war bis ins 18. Jahrhundert die eigentliche Hauptstadt des Fürstentums, lange bevor Jaipur überhaupt existierte. Das Amber Fort, ein riesiger Palast, zeugt noch davon, ebenso die Mauer, die die Stadt auf 16 Kilometern Länge umgibt und die ein wenig an eine kleine Variante des großen chinesischen Vorbilds erinnert.
 
Eigentlich war Amber seit dem Bau Jaipurs mehr oder weniger verlassen. Heute aber pilgern nicht nur Gläubige auf der Suche nach Erleuchtung hierher, auch unter Touristen ist der Bergort ein absoluter Höhepunkt. Die Epoche der Maharadschas – sie wird wohl noch lange eng mit dem indischen Alltag verwoben bleiben.