Die Regierung in Peking brachte den Unmut über Donald Trump unmissverständlich zum Ausdruck. Was hatte der künftige US-Präsident getan? Es war ein Telefongespräch mit Taiwans Staatschefin Tsai Ing-wen, das die Chinesen so aufbrachte. Nach ihrer Lesart ist Taiwan ein „unveräußerlicher Bestandteil von Chinas Staatsgebiet“. Schon wer mit den Taiwanesen spricht, erklärt damit auch den Offiziellen in Peking den diplomatischen Krieg.
Donald Trump sorgt für Angst und Irritationen.
Sein Telefonat sorgte für diplomatische Verwicklungen mit China: Donald Trump. Foto: pixabay.com/johnhain
Seit dem chinesischen Bürgerkrieg 1949 ist Taiwan vom Festland de facto unabhängig und inzwischen eine gewählte und funktionierende Demokratie. Wie gehen die Menschen hier mit Druck aus China um? Wie begegnen die Taiwanesen der internationalen Aufmerksamkeit? Mit Perfektion. Und das klappt? Ja, fast immer. Das zeigt unser Besuch in dem Inselstaat:
 
Qualitätssiegel wie „Made in Taiwan“ sind manchmal eine Frage der Perspektive – zumindest in kulinarischer Hinsicht. Die Zubereitung auf dem Teppanyaki, einer heißen Eisenplatte, sei zwar grundsätzlich japanischen Ursprungs, räumt Reiseleiter Johannes ein. „Aber wie immer haben wir es verbessert.“
 
Ähnliches erfährst du von dem gebürtigen Taiwaner auch im Hinblick auf Dumplings, einer Art im Bambuskorb gedämpfter Maultauschen, die eigentlich eher vom chinesischen Festland stammen. Und es soll nicht die letzte Optimierung bleiben: Auch Sushi mag in Japan erfunden worden sein, aber was hat Taiwan gemacht? „Es verbessert“, wie Johannes sagt, mit einem dezenten Grinsen und einer großen Portion Ironie.
 
Du überlegst unweigerlich, wie groß wohl die Überzeugung in all diesen Worten sein mag. Denn immer wieder schleicht sich tatsächlich das Gefühl ein, dass hier auf der kleinen Insel am Rande des südchinesischen Meers vieles bekannt vorkommt. Nur dass es in gewisser Weise wirklich vereinfacht, perfektioniert oder schlicht erweitert wurde. Das fängt schon mit Johannes’ Namen an.
 
Johannes heißt eigentlich Hsu Tzu-Yi. Weil er aber in Deutschland studierte und sich seine Kommilitonen naturgemäß etwas schwer taten mit der Aussprache chinesischer Namen, wurde er in den Neunzigerjahren kurzerhand zu Johannes. Ein Name, den der 55-Jährige bis heute pflegt. Vor allem deutsche Reisegruppen sind ihm immer wieder dankbar dafür.

Taipeh: Das Streben nach Perfektion

Taiwans Hauptstadt Taipeh ist so etwas wie das Beton gewordene Zeugnis vom Streben einer ganzen Nation nach Perfektion. Das U-Bahn-Netz? Vorbildlich ausgebaut. Über jede noch so nebensächliche Eventualität klären Schilder auf. Mit dem Taipei 101 verfügte die Stadt lange über das höchste Gebäude der Welt. Es steht noch immer, doch wurde es in der Höhe im Jahr 2007 vom Burj Khalifa in Dubai abgelöst.
 
Aufeinander aufsetzende Blöcke lassen das Taipei 101 ein wenig wie ein übergroßes, eckiges Bambusrohr aussehen, und das hat einen praktischen Grund: Taiwan liegt in einer der aktivsten Erdbebenregionen der Welt. Die Bauweise soll verhindern, dass das Hochhaus Schaden nimmt. Deswegen hängt im 92. Stockwerk auch eine Stahlkugel mit dem gewaltigen Durchmesser von 5,50 Meter. Sie soll Schwingungen ausgleichen.
 
Vor allem Besucher aus China zieht es in das Nationale Palastmuseum: Hier sind kaiserliche Kunstwerke aus mehr als 3.000 Jahren chinesischer Geschichte zu sehen. Ursprünglich stammen sie aus der Verbotenen Stadt in Peking. Chiang Kai-shek, im chinesischen Bürgerkrieg Gegenspieler von Mao Zedong, brachte sie 1949 bei seiner Flucht nach Taiwan.
 
Hier lagern sie seitdem, und sind auf ihre Art eine gute Veranschaulichung des taiwanisch-chinesischen Dauerkonflikts: Die Volksrepublik sieht die 36.000 Quadratmeter große Insel bis heute als abtrünnige Provinz an. Taiwan hingegen spricht von sich als legitimer Nachfolger der 1912 ausgerufenen Republik China, weshalb dies auch nach wie vor der offizielle Staatsname ist.

Nicht nur Sushi und Teppanyaki sind geblieben

Nur 22 Staaten allerdings pflegen aktuell diplomatische Beziehungen zu dem Land. Aus den Vereinten Nationen wurde es 1971 ausgeschlossen, nachdem die Volksrepublik China dies forderte. Vermutlich würde dieser von außen fast schon ein wenig skurril wirkende Konflikt im Rest der Welt kaum Beachtung finden, wenn nicht Taiwan durch seine hochentwickelte Industrie wirtschaftlich eng verflochten wäre mit zahlreichen Staaten rund um den Globus. Das könnte auch die Basis im Streben nach Perfektion sein: Wenn man ein bisschen zwischen den Welten lebt, scheint die Verbesserung des Bestehenden ein ganz guter Weg zu sein.
Menschen auf den Straßen Taiwans.
Die Taiwanesen haben gelernt, mit dem internationalen Druck zu leben. Foto: pixabay.com/Robert_z_Ziemi
In Taiwan macht sich dies vor allem in immer mal wieder durchschimmernden Spuren der japanischen Vergangenheit bemerkbar. Zwischen 1895 und 1945 war die Insel Teil des japanischen Kaiserreichs. Nicht nur Sushi und Teppanyaki sind geblieben.
 
Auch einige Gebäude haben die Zeit überdauert. Der Präsidentenpalast etwa, ein prachtvoller rotweißer Bau im Zentrum, war einst der Sitz der Kolonialregierung. Auch die Dihua Street, bekannt für ihre kleinen Läden und Marktstände, ist gesäumt von Hinterlassenschaften japanischer Architekten. Zum von Beton geprägten Einerlei vieler anderer Straßen bietet dies einen perfekten Kontrast. Der wird allerdings deutlich größer, je weiter man sich aufs Land begibt.

Die Taroko-Schlucht ist ein Naturwunder

Die Taroko-Schlucht, etwa 150 Kilometer südlich von Taipeh, gehört zu den beeindruckenden Naturwundern Taiwans. Der Liwu-Fluss hat sich hier über Jahrmillionen in die Marmorberge der Region gefräst. Dichter Wald bedeckt die Hänge, immer wieder stößt man auf kleine Pagoden und Tempel. Aus der Bauzeit einer nahe gelegenen Schnellstraße sind mehrere Wanderwege erhalten geblieben. Sie waren für die Bauarbeiter notwendig, um die Gegend zu erschließen. Heute erkunden Touristen die Schlucht auf diesen Wegen.
 
Einwohner sind in dieser Gegend eher rar. Shiou Lin Village ist einer der wenigen Orte, in dem sie anzutreffen sind. Das winzige Dorf war einst liebstes Ziel des früheren Staatpräsidenten Chiang Kai-shek. In der Tian Hsyang Lodge quartierte er hohen Staatsbesuch ein. Inzwischen ist aus der Lodge ein richtiges Hotel geworden. Silks Place heißt es jetzt, und ist ein Ort zur Tiefenentspannung – vor allem, wenn abends die Tagesgäste aus der Gegend abgereist sind.

Einmal im Leben auf den Jadeberg

Auch für Johannes ist der Anblick der Berglandschaft längst keine Selbstverständlichkeit, auch wenn er sie bei seinen Besuchen immer wieder erlebt. Beinahe andächtig schaut er auf die Berglandschaft, und er ist dabei längst nicht der einzige.
 
Weil Taiwan an einer Grenze tektonischer Platten liegt, haben sich hier einige der höchsten Berge Asiens östlich des Himalajas aufgebaut. Mehr als 200 Gipfel sind höher als 3.000 Meter und damit höher als Deutschlands höchster Berg, die Zugspitze. Einige reichen sogar bis an die 4.000 Meter heran.

Berglandschaft in Taiwan.
Berglandschaft in Taiwan. Foto: pixabay.com/sputnikzion

Jadeberg heißt der höchste. Er liegt im Zentrum der Insel. „Jeder Taiwaner soll den Jadeberg einmal im Leben erklimmen. Erst dann ist man erwachsen“, sagt Johannes – zumindest, wenn vorher auch noch die komplette Insel mit dem Rad umrundet und einen See durchschwommen wurde. Harte Hürden für den Schritt ins wahre Leben.

 
Hat er all diese Aufgaben selbst bewältigt? Johannes lacht und du erkennst: Er arbeitet noch an dem einen oder anderen Punkt, auch wenn er durchaus den Eindruck macht, jeden Morgen einen Berg erklimmen zu können. Auch in dieser Hinsicht findet man sie also wieder: die fortwährende Perfektionierung. Made in Taiwan.