Warteschlangen, hier? Im abgelegenen Bergland der Provinz Sichuan? Die Attraktion, für die jeden Tag bis zu 10.000 Chinesen anreisen, ist kein Freizeitpark, keine Ausstellung, kein historisches Bauwerk. Es ist – Natur: der Nationalpark Jiuzhaigou.
 
Acht Stunden Fahrt und 450 kurvenreiche Kilometer trennen Jiuzhaigou, das „Tal der neun Dörfer“, von der quirligen Provinzhauptstadt Chengdu im Südwesten Chinas. Schon bald, nachdem der Bus am Tag zuvor die Großstadt hinter sich gelassen hatte, wurde es sehr bergig, die Straße schlängelt sich stets am Ufer des Flusses Minjiang entlang.
 
Bunte Gebetsfahnen an den Berghängen und buddhistische Tempel erinnern an das nahe gelegene Tibet, Bauern der ethnischen Minderheiten der Zang und Qiang verkaufen hier an kleinen Ständen Früchte, Kräuter und kulinarisch Unergründliches. Schilder zeigen an: Yaks bitte schön runter von der Fahrbahn. Die 14-Millionen-Metropole Chengdu ist hier nicht nur Stunden, sondern Welten entfernt.

Jiuzhaigou: Unesco-Weltnaturerbe

Und da stehen wir nun im Gedränge am Eingang des Nationalparks. Das Unesco-Weltnaturerbe, eines der bekanntesten Reiseziele der Chinesen im gesamten Land, erstreckt sich auf einer Höhe von 2.000 bis 3.000 Metern. Für den Besuch solltest du einen ganzen Tag einplanen.
 
70 Kilometer gut ausgebaute Wanderwege, vorbei an sprudelnden Bächen, Wasserfällen und den berühmten türkisfarbenen Seen, führen durch das Gebiet. Wer nicht so gut zu Fuß ist, kann sich auch fahren lassen: Zwischen den Seen verkehren kostenlose Busse im Abstand von wenigen Minuten.

Regen und Sichuan gehören zusammen

Am späten Nachmittag wartet Reiseleiterin Liu fröhlich lächelnd vor dem Bus auf dem Parkplatz. „Wisst ihr eigentlich, was für ein Glück ihr hattet, dass es heute den ganzen Tag so schön war?“, fragt sie. Tatsächlich gilt das Wetter hier als äußerst wechselhaft. Schon am Tag zuvor hatte jeder ein Regencape in die Hand gedrückt bekommen. Heute aber konnte es im Rucksack bleiben.
 
Regen und Sichuan, das gehört zusammen. „Es heißt, dass die Frauen aus Sichuan hübscher sind als andere. Sie sind blass, weil sie wenig Sonne bekommen“, wird uns kichernd erklärt.Auch die berühmte scharfe Küche dieser Gegend habe ihren Ursprung in dem feuchtwarmen Klima, reichlich verwendetes Chili soll bei wetterbedingtem Unwohlsein helfen. „Es treibt die Feuchtigkeit und Hitze aus dem Körper.“

Eine Extraportion Sauerstoff für unterwegs

Die Provinz gilt als eine der landschaftlich reizvollsten Gegenden Chinas. Und so brauchen wir von Jiuzhaigou aus am nächsten Tag auch nur rund 100 Kilometer zu fahren, um gleich zum nächsten Unesco-Welterbe zu gelangen: dem Nationalpark Huanglong.
 
Hier geht es noch höher hinauf, auf weit mehr als 3.000 Meter. Kurz vor dem Parkplatz an der Seilbahn macht Reiseleiterin Liu ein ernstes Gesicht und erinnert uns an die kleinen Fläschchen mit traditioneller chinesischer Medizin gegen Höhenkrankheit, die sie zu Beginn der Reise verteilt hatte. Dann öffnet sie große Kartons. Vor der anstehenden Wanderung bekommt jeder noch eine Sprühflasche in die Hand – eine Extraration Sauerstoff für unterwegs, für den Fall der Fälle.
 
Oben angekommen, muss davon aber kaum jemand Gebrauch machen. Auch die Sauerstoffbars, die an dem Wanderweg rund um die spektakulären Kalk-Sinterterrassen aufgebaut sind, bleiben so gut wie leer. Allerdings macht sich die dünne Luft hier schon bemerkbar. Wir kommen schnell aus der Puste, sobald es ein bisschen bergauf geht, und gehen automatisch langsamer. Aber hetzen will hier ohnehin niemand. Oft bleiben wir stehen, um den Blick schweifen zu lassen. Die Wasserbecken, an denen entlang die Wanderroute wieder bergab zurück ins Tal führt, leuchten je nach Sonnenstand und Lichteinfall in blassem Hellblau, sattem Grün oder strahlendem Türkis. Ein Traum!

Erdbeben forderte 70.000 Todesopfer

Doch die Natur hat in diesem Bergtal der Provinz Sichuan zwei Gesichter. Sie ist wunderschön – und zugleich bedrohlich. Im Mai 2008 forderte hier ein verheerendes Erdbeben mindestens 70.000 Todesopfer. Die Ereignisse jener Tage sind in den Erzählungen der Einwohner immer noch präsent, sogar Theaterstücke greifen das Thema auf.
 
Am Abend nach der Wandertour besuchen wir eine Folklorevorstellung. Wider Erwarten gibt es allerdings keine Volkstänze oder -lieder. Die auf der Bühne gezeigten Geschichten drehen sich allesamt um durch das Beben ausgelöschte Familien, auseinandergerissene Liebespaare und mutige Retter.
 
Als es nach drei Tagen auf dem Rückweg aus den Bergen wieder zurück in Richtung Chengdu geht, fahren wir durch Ortschaften, die in den vergangenen Jahren komplett neu aufgebaut werden mussten. Aber dann tauchen sie auch schon bald wieder auf, die Lichter der Großstadt. Blinkende Reklameschilder statt spiegelglatter Seen, Stadtautobahnen statt Wanderwege, Abgase statt Weihrauch. So schnell geht das. Eine andere Welt.