Abi-Reisen: Ein Reiseleiter packt aus | reisereporter.de

Ein Reiseleiter packt aus: So schlimm sind Abi-Reisen

Egal ob Abifahrt nach Lloret de Mar, Surfcamp oder Strandurlaub: Jeder meint genau zu wissen, wie es auf Abireisen zugeht. Doch wenige kennen die internen Details der Reiseveranstalter. Bei uns packt ein Ex-Reiseleiter aus.

Männer und Frauen auf einer Schaumparty im Pool.
Schaumparties und Wodka-E wecken bei dem ehemaligen Reiseleiter Angstzustände. (Symbolbild)

Foto: unsplash.com/Wells Baum

Zu allererst: You don't know shit. Nein, wirklich! Ich habe die Hölle gesehen. Ich wache nachts schreiend und schweißgebadet auf – dank Albträumen voller Teenies mit penetrantem Deodorant, Bluetooth-Lautsprecher, Wodka-E, Erbrochenes und Schaumpartys...

Spanien und besonders die Costa Brava sind, ohne Frage, wunderschöne Reiseziele. Dali und Gaudi, Tapas und Cava-Bars – es gibt so viele wunderschöne Dinge, die du unternehmen könntest. Du solltest dir Zeit nehmen, Entspannung suchen und die Seele baumeln lassen.

Stattdessen kommst du nach dem Abitur auf die glorreiche Idee, dass du jetzt „Verantwortung für andere übernehmen solltest“ und über die Tätigkeit als Jugendreiseleiter ja einen „facettenreichen Job in der Sonne“ hast. 

So wird es dir zumindest angepriesen.

Neben Verantwortungsbewusstsein und einer angeblichen Horizont-Erweiterung erwünschst du dir vielleicht auch einen netten Flirt unter Kollegen oder einen möglichst lauen Arbeitsalltag. Teile davon werden so oder so ähnlich eintreten. Teile davon werden dir das Gefühl geben, dass auf dich eingetreten wurde.

Bei mir ging es damals in einen kleinen Ort, irgendwo an der Costa Brava. Auf meiner Agenda standen drei Monate Sonne, spätestens alle zwei Wochen neue zu betreuende Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren und mindestens dreimal die Woche Party – alles inklusive Vollverpflegung. Klingt nicht übel. Und dann auch noch 400 Euro „Taschengeld“ pro Monat on top.

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Die 32-stündige Busfahrt und auch die ersten Wochen waren noch erträglich. Vermutlich musste ich erst einmal richtig ankommen um die vielen versteckten Ungereimtheiten zu entdecken:

  • Ungeschützter Teenie-Sex am Strand unter den Augen einiger Schaulustiger
  • Bewusstlosigkeit inklusive Krampfanfällen beim Diskobesuch (ungelogen, ich trage heute noch Narben an der Stelle, wo sich die Fingernägel des krampfenden Mädchens in meinen Arm gruben)
  • Reizgas-Attacken in Diskos
  • Schlägereien,
  • Entleerungen in Hotelzimmern aus sämtlichen… Naja, lassen wir das.

Die eigentlichen Teufel bei diesen Reisen sind die Betreuer selbst. Ja, ich bekenne mich. Habe ich doch – im Gegensatz zu einigen Kollegen – während der gesamten Zeit keine illegalen Drogen konsumiert und immer versucht nüchterner zu bleiben, als die von mir betreuten Kids, kam es doch zu diversen Trinkspielen im Teamer-Bereich und einer Einführung in das „Punkte-System“.

Das „Punkte-System“ ist ein internes „Spiel“, das bestimmte „Handlungen“, die sich tief im bei vorherigen Schulungen geächteten Bereich bewegen, mit Punkten belohnt. Auf der Mitarbeiterparty nach der Saison werden die Punkte dann abgerechnet. Wer Sieger ist, wird natürlich belohnt mit – man kann es sich denken – weiterem Alkohol. Was genau die besagten „Handlungen“ sind, kann ich wirklich an dieser Stelle nicht sagen. Vielleicht nur so viel: Es gibt kein Tabu. Keines.

Versteht mich nicht falsch: Insgesamt hatte ich eine großartige Zeit. Besonders in der ersten Saison habe ich unglaublich viele Erfahrungen sammeln können – gute und schlechte. Ich habe Menschen kennengelernt, zu denen ich heute, Jahre später, noch Kontakt halte und die mir wirklich ans Herz gewachsen sind. Du verbringst mit den meisten Kollegen eine lange Zeit vor Ort auf engstem Raum. Mitunter werden es bis zu drei Monate. Das familiäre Gefühl, der Zusammenhalt und die emotionale Bindung, die aufgebaut wird, sind unvorstellbar.

Bekannte von mir, die an Party-Hot-Spots wie Lloret de Mar „stationiert“ waren, kamen tatsächlich mit einem ernstzunehmenden Alkoholproblem zurück.

Ich möchte allerdings vor allzu romantischen Vorstellungen eines solchen Jobs warnen: Bekannte von mir, die an Party-Hot-Spots wie Lloret de Mar „stationiert“ waren, kamen tatsächlich mit einem ernstzunehmenden Alkoholproblem zurück.

Fast logisch, wenn du um sieben Uhr morgens als Leiche ins Bett fällst und um elf Uhr den ersten Workshop am Strand geben musst.

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Doch es geht auch anders: Besonders in der Folgesaison, hatte ich einen mehr als ruhigen Job. Bei manchen Reiseanbietern hast du als Mitarbeiter die Möglichkeit, deine Destination zu wählen oder zumindest einen Wunsch zu äußern. Deshalb ging es bei mir im Folgejahr in einen Sport- und Wellnessclub.

Hier erlebte ich das komplette Gegenteil: Die Destination selbst war paradiesisch, das Teamwork war absoluter Mist. Trotzdem war dieser Sommer ein echter „Job in der Sonne“.

Ich hatte einen halbwegs geregelten Tagesablauf, verdiente zwar, da ich den Job eines Kollegen miterledigen musste,  wieder einmal unangemessen wenig Geld, hatte aber auch trotz der Doppelbelastung immer noch mehr als genug Freizeit und konnte rückblickend drei Monate lang bezahlt entspannen.

Manche Kollegen fanden – trotz Alkoholproblem – auch an den Party-Hot-Spots ihr Glück. Das gibt es. Ich bin dafür eben einfach nicht gemacht. Trotz der Ruhe war die zweite Saison für mich jedoch auch der Grund aufzuhören. Der Spaß bei dem Job steht und fällt mit den Menschen, mit denen du arbeitest. Deshalb stammen auch alle noch echten Bekanntschaften aus der ersten, katastrophal-verrückten Saison.

Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis. Vielleicht braucht es genau diesen schmalen Grat, um das Wir-Gefühl entstehen zu lassen: Das Chaos und den Trubel auf der einen Seite – das Team als Rückhalt und Konstante auf der anderen.

Am Ende kann ich also keine „richtig-oder-falsch“-Empfehlung aussprechen. Ich kann nur sagen, dass ihr es – solltet ihr Interesse an einem solchen Ferienjob haben – ausprobieren müsst.

Bei einem könnt ihr euch allerdings sicher sein: Ihr lernt euch selbst durch diesen Job noch einmal anders kennen. Versprochen.

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