Das Beste am Alleinreisen ist nicht, dass man mal den Kopf frei kriegt, Abenteuer erlebt oder spannende Menschen trifft. Das Beste am Alleinreisen ist, dass man jeden Abend ungestraft Spaghetti mit Tomatensoße essen darf.

Das denke ich so vor mich hin und verstaue etwa 800 Liter stückige Tomaten unter der Rückbank des Bullis namens Bruno, den mein Freund Till mir geliehen hat. Dann setze ich mich neben den Bus und rauche eine Zigarette. Was könnte ich sonst noch brauchen?

Ladekabel, klar. Ich will zwar auch den Kopf frei kriegen, aber bitte MIT Smartphone. Und Laptop. Und Lautsprecherbox. Und Notfallakkus. In der Ikeatüte sind genug Kabel und Stecker, um die Vernetzung eines italienischen Bergdorfes sicher zu stellen. Ich bin zufrieden.

In der Ikeatüte sind genug Kabel und Stecker, um die Vernetzung eines italienischen Bergdorfes sicher zu stellen. Ich bin zufrieden.

Aus der Cocktailbar in meinem Haus kommt Barkeeper Peter und leistet mir auf eine Zigarette Gesellschaft. Er hat einen Beutel dabei. „Hier ist alles drin, was du WIRKLICH brauchst“, sagt er und strahlt mich an. Strinrunzelnd räume ich den Beutel in den Kofferraum.

Peter ist eher der handfeste Typ. Er hat mir ein Seil eingepackt, eine Stirnlampe, zwei Bärenmesser, ein Fernglas, eine Hängematte, 34 Kabelbinder, Panzertape und ein Gewürzdöschen, abgelaufen im November 2015. Ich habe keine Ahnung, was ich damit machen soll. Aber ich nehme mir vor, jeden Gegenstand mindestens einmal sinnvoll einzusetzen. Gibt es in Italien eigentlich Bären?

Bärenmesser und abgelaufene Gewürzstreuer. Jetzt kann mir nichts mehr passieren...
Bärenmesser und abgelaufene Gewürzstreuer. Jetzt kann mir nichts mehr passieren... Foto: Carline Mohr

Die erste Station von Hündin Rio und mir ist Südtirol. Es gibt Berge und leuchtend blaues Wasser, es riecht nach Wald und gemähtem Gras. Mein Nachbar auf dem Campingplatz heißt Dietmar, er kommt aus Dortmund. Er bestaunt den Bulli. „Janz schön teuer, dat Teil“, sagt er. „Müssense jot drauf aufpassen.“ Sicher dat. Ich bin ja nicht doof. 

Ich kenne Till seit der 5. Klasse. Es ist ein großer Vertrauensbeweis, dass er mir für meine kleine Flucht seinen Bus geliehen hat. Zumal Till alle Geschichten von mir und meinem ersten Auto kennt. Das ich in Flammen setzte und mit Buttermilch durchtränkte. Das ich gegen Wände, Bäume und Geländer fuhr und dessen Motor man am Ende nicht mehr abstellen konnte, weil ich dachte, ich könne den Kurzschluss im Erregerkreis alleine reparieren. (Konnte ich nicht.)

Außerdem weiß Till, dass ich über Jahre hinweg ziemlich konstant 11 Punkte in Flensburg hatte. Ich will ihn auf keinen Fall enttäuschen. Klar, passe ich auf! Ich habe Wolldecken über die guten Ledersitze gebreitet, damit die Hundepfoten keinen Spuren hinterlassen. Auf der Autobahn halte ich mich an fast jedes Tempolimit und rühre nicht mal im Stau auf der A8 die halbvolle Weinflasche an, die Till in einem Getränkehalter neben dem Lenkrad vergessen hat.

Ganz ehrlich: Wenn hier jemand elf Punkt in Flensburg verdient hätte...
Ganz ehrlich: Wenn hier jemand elf Punkt in Flensburg verdient hätte... Foto: Carline Mohr

Zum Abendessen plane ich Spaghetti mit Tomatensoße. Ohne Gewürze.

Bruno hat ein Spülbecken, zwei Gaskochplatten und ein Kühlfach. Gut gelaunt klappe ich die Glasplatte über der Küchenzeile nach oben. Es macht ein Geräusch, als würde man einen Sack Altglas aus dem 5. Stock auf die Straße werfen. Die Platte zerspringt explosionsartig in tausend Teile. Wie eine von diesen Pinatas, mit denen man inflationär auf Hochzeiten und runden Geburtstagen belästigt wird.

Glassplitter fliegen mir entgegen, rieseln über die Sitze, den Boden, über mich, über den kleinen Hund. „Scheiße“, sage ich. Der kleine Hund nickt vorwurfsvoll. Ich weiß nicht mal, was ich falsch gemacht habe. Nichts vermutlich! Welcher Trottel kommt schon auf die Idee, Glasplatten in einem VW-Bus zu verbauen?!

Welcher Trottel kommt schon auf die Idee, Glasplatten in einem VW-Bus zu verbauen?!

Ich spiele mit dem Gedanken, die VW-Werke bei Twitter anzupöbeln, entscheide mich aber dagegen – die haben es schwer genug. Ich trage den Hund mit spitzen Fingern vor den Bus und schüttle ihn wie eine Schneekugel. Glas rieselt glitzernd ins Gras. Dietmar staunt zu uns rüber. „Alles ok?“, fragt er. „Hmpf“, sage ich.

Dietmar inspiziert die Küche, murmelt die Zauberworte „erneuerbares Ersatzteil“ und dass nichts verloren sei, solange ich den Bus nicht abfackle. Rheinischer Pragmatismus. Er schenkt dem Hund ein paar Pansencracker und überlässt uns unserem Schicksal. Rio geht es prima, alle Augen, Öhrchen und Pfötchen sind unversehrt. Sie ist nur beleidigt, vermutlich wegen der Schüttelei und setzt sich in größtmöglichem Abstand mit dem Rücken zum Bus.

Klirr! Das war mal eine Glasabdeckung...
Klirr! Das war mal eine Glasabdeckung... Foto: Carline Mohr

Ich ziehe mir ein paar dicke Socken über die Hände und verbringe die nächsten zwei Stunden damit, Glasscherben aus dem Bus zu schaufeln. Nebenbei esse ich drei trockene Scheiben Schwarzbrot. Meine Freundin Jessy ruft an. „Na, wie läufts?“, fragt sie. „Blendend“ sage ich und piddele mit einem Zahnstocher winzige Glasstückchen aus der Fensterspalte.

Um den Kopf trage ich Peters Stirnlampe. Jessy lacht sich kaputt. „Sieh es als Herausforderung, Carlinchen“, sagt sie. „Ist doch die klassische Storyline: Heldin stößt auf Schwierigkeiten, Heldin überwindet Schwierigkeiten, Heldin kehrt als strahlende Siegerin nach Hause zurück.“ Ich schniefe und ziehe ein paar Splitter aus meinen Handflächen.

Die Geschichte ist halt eher: Heldin trifft auf Glasplatte, Heldin verstümmelt ihre Hände, Heldin ist keine Heldin mehr und bleibt für immer mittellos auf einem Campingplatz in Südtirol.

Angekommen in Italien: Rio am Lago di Levico.
Angekommen in Italien: Rio am Lago di Levico. Foto: Carline Mohr

Irgendwann ist es kalt und dunkel und ich packe meinen nagelneuen Schlafsack aus. Bis 0 Grad hält der warm, hat der Verkäufer bei Globetrotter gesagt. Und er ist schön blau. (Der Schlafsack.)

Till hat mir zwar erklärt, wie die Standheizung funktioniert, aber ich bin ein harter Hund. Das geht auch so! Leider ist der kleine Hund kein harter Hund. Er zittert, dass die flauschigen Öhrchen flattern und schiebt mitleidsheischend seine Vorderpfoten unter mein Kopfkissen. „Wusstest du, dass du gezüchtet wurdest, um in den unwegsamen, wilden Wäldern Japans Vögel und Bären zu jagen?“, frage ich streng. Der kleine Hund schüttelt den Kopf.

Am Ende dieses Roadtrips werde ich aussehen, als sei ich die Nagelbrettpraktikantin in einer Fakirschule gewesen. 

Ich seufze und stopfe Rio zu mir in den Schlafsack. Sie schnauft und prustet und zappelt, ihre Krallen kratzen über meinen Bauch und meine Arme. Erst die Glassplitter, dann die Hundepfoten. Am Ende dieses Roadtrips werde ich aussehen, als sei ich die Nagelbrettpraktikantin in einer Fakirschule gewesen.

Der Hund legt den Kopf auf meine Schulter und gähnt herzhaft. Ein Hauch von Pansencracker weht mir ins Gesicht. „Bäääh!“, rufe ich. Der Hund niest mir in den offenen Mund. Ich vergrabe den Kopf unter dem Kissen.

Ab hier kann es nur besser werden.