Europa hat Michael Usener lange hinter sich gelassen. Italien, Spanien, Skandinavien, auch Osteuropa – er hat alle Länder schon unter die Reifen seiner BMW 1200 GS genommen. Auf dem Tachometer stehen jetzt ansehnliche 155.000 Kilometer. Den dicksten Happen musste die BMW im vergangenen Jahr schlucken: 19.000 Kilometer von Hannover über Moskau durch Kasachstan und China bis nach Bangkok. „Es sollte die Reise meines Lebens werden“, sagt der 59-Jährige aus Hannover – und das ist sie in der Rückschau wohl auch geworden.
 
Biker suchen nicht allein nach Landschaften und Sehenswürdigkeiten. Für sie ist immer auch der Weg das Ziel. Sie wollen spüren, wie sich die Welt um sie herum langsam verändert, wie sich das Klima wandelt und wie die Straßen immer einsamer werden, je weiter man nach Osten vordringt. Der Streckenplan einer solchen Reise will fein austariert sein zwischen langen Geraden für das sanfte Dahingleiten, kurvigen Bergstrecken und bisweilen Gelände, das fahrerisches Geschick verlangt.
 
Nichts geht mehr: Manchmal enden die Straßen in China einfach so in einer Schlammwüste.
Usener hatte die Reise bei Edelweiß Bike Travel, gebucht. Auf eigene Faust quer durch China wäre selbst für einen erfahrenen Biker wie Michael Usener ein Ding der Unmöglichkeit. Die Chinesen lassen keinen Motorradfahrer ohne Aufsicht durch das Reich der Mitte reisen. Guides sind Vorschrift. Und selbst wenn ein erfahrener Veranstalter die Reise vorbereitet, die Hotels besorgt und vor allem mindestens einmal am Tag ein sprachkundiger Helfer in der Nähe ist, so bleiben 9000 Kilometer durch China dennoch ein Abenteuer, nah an der Grenze dessen, was sich ein Mitteleuropäer im fortgeschrittenen Alter von 59 Jahren zumuten sollte.

In China denken die Menschen anders

„In Europa“, erzählt Usener, „kann man sich immer mit ein paar Brocken Englisch behelfen, und zur Not kommt man mit Gebärdensprache weiter. In China ist alles anders. Die Menschen denken anders. Es braucht unendlich viel Zeit, wenn Sie irgendwo auf dem flachen Land einem Bauern klarmachen wollen, welche Art von Hilfe Sie gerade benötigen.“
 
Und Hilfe braucht manchmal selbst ein handfester Biker, der das Nötigste an seinem Krad zwar reparieren kann (die Elektronik mal ausgenommen), und mehr von Verletzungen und Kreislaufproblemen weiß, als ein Erste-Hilfe-Kurs in der Fahrschule lehrt, aber manchmal eben hilflos ist. „Da wird eine Straße neu ausgebaut und die alte hört einfach auf. Wo eben noch ein halbwegs brauchbarer Weg war, ist plötzlich nur noch Schlamm, durch den sich geländegängige Lastwagen wühlen.“
 
Was dann? Versuchen sich durchzuwühlen oder umfahren, in einer Gegend, in der nur 3 Prozent der Navi-Daten existieren, wie sie in Mitteleuropa üblich sind. Da kann jede Umleitung schnell zu einem nicht kalkulierbaren Abenteuer werden. Usener und sein Partner, ein 32-Jähriger aus Leipzig, die an diesem Tag allein unterwegs waren, konnten sich nicht einigen. Der Hannoveraner wollte nach dem Motto „Augen zu und durch“ verfahren, sein Partner wollte den Umweg wählen. „Wir haben uns dann getrennt“, sagt der 59-Jährige, „was sich im Nachhinein als schwerer Fehler herausstellte.“

Verloren in der chinesischen Einöde 

Es sollte aber die einzige tief greifende Meinungsverschiedenheit sein zwischen den beiden, die sich auf einem der Vorbereitungstreffen kennengelernt hatten, die jeder langen Edelweiß-Tour vorausgehen. Beim Motorradfahren auf solchen Reisen in die hintersten Winkel der Welt gilt eigentlich die gleiche Maxime wie beim Tauchen: Auf keinen Fall allein auf den Weg machen. Usener versuchte es trotzdem und bekam nach wenigen Kilometern die Quittung. Die Maschine blieb stecken, kippte um, nichts ging mehr, keine Handyverbindung, kein Mensch in der Nähe.
 
Er war allein, irgendwo in der chinesischen Einöde. Da beschleicht auch einen Mann, der in seinem Leben sicher schon andere, auch existenzielle Probleme bewältigen musste, so etwas wie die Angst, zu weit gegangen zu sein, die eigenen Kräfte überschätzt zu haben. Notgedrungen marschierte er zu Fuß weiter und fand schließlich chinesische Bauern, die ihm halfen, die Maschine wieder freizubekommen, und irgendwann war dann auch wieder die Handyverbindung zum Reisegefährten gegeben. Am Ende ging das Abenteuer also gut aus, aber es war Usener doch „in die Knochen gefahren“.
 
„Man muss sich so eine Reise als Expedition vorstellen“, sagt Gerhard Schmittlein, der die Strecke als Tourguide ausgearbeitet hat. Sie führt von Moskau nach Jekaterinburg, durch Kasachstans Hauptstadt Astana und Bischkek in Kirgisistan, um dann über den Torugart-Pass die chinesische Grenze zu erreichen. „Obwohl es eine der wichtigsten Verbindungen nach China ist, findet sich da eine Schotterpiste, die bis auf eine Höhe von 3700 Metern führt.“

Moskau-Bangkok: Die Tour kostet 30.000 Euro

Europäische Standards darf der Reisende nicht erwarten. Bei der Qualität der Straßen nicht und schon gar nicht bei der Qualität der Hotels. „Wir sorgen jeden Abend für ein Dach über dem Kopf und ein Bett“, sagt Gerhard Schmittlein, „aber wenn es in einer Stadt nur zwei Hotels gibt, müssen wir nehmen, was kommt.“
 
Den typischen Biker, der sich auf die Reise in ferne Länder begibt, gibt es vermutlich nicht. Die ganz Jungen sind eher selten. Man muss schon ein bisschen Erfolg gehabt haben im Leben (oder ordentlich geerbt haben), um 30.000 Euro auf den Tisch legen zu können. So viel kostet Moskau–Bangkok ungefähr, abhängig von den individuellen Nebenkosten. Dafür gibt es aber auch das Rundum-sorglos-Paket.
 
Am Anfang steht ein Treffen lange vor Reisebeginn. Es ist nicht ganz unwichtig, einander kennenzulernen. Nebenher kann sich dabei auch das Reiseunternehmen überzeugen, dass die Interessenten die körperliche Fitness für eine strapaziöse Reise mitbringen. Beim Treffen erhalten die Teilnehmer ein „Vorbereitungspamphlet“ mit allen wichtigen Informationen zu den technischen und den Anforderungen an die körperliche Fitness. Dazu gibt es ein Zeitschema und Checklisten, anhand derer sich die Teilnehmer über Monate hinweg vorbereiten können.
 
Allein die Lebensjahre eines Bikers sagen natürlich nichts über seine Leistungsfähigkeit aus. In den Reiseblogs von Edelweiß findet sich auch der Eintrag eines gewissen Franz-Josef M., der von den abenteuerlichen Erlebnissen auf einer „Rund um die Erde“-Reise erzählt – sozusagen der Königsdisziplin im Angebot des Veranstalters. Die neun Wochen auf dem Motorrad hatte dieser 76-Jährige lässig weggesteckt.