Sie arbeitet ohne Honorar, aber sie ist stolz auf ihren Job. Schließlich hat nicht jeder die Ehre, im Landsitz eines der berühmtesten britischen Politiker ein Stückchen Geschichte lebendig werden zu lassen. Paola Lammer empfängt Gäste von Chartwell, dort wo einst der frühere britische Premierminister Winston Churchill zeitweilig wohnte.

Im eleganten Zweiteiler zeigt sie jeden Tag mehreren hundert Besuchern, wie der Staatsmann nahe Westerham in der Grafschaft Kent lebte, wo er malte oder sogar mal eine Mauer hochzog. Die Rentnerin und ihre Kollegen, die wie sie meist aus dem normalen Arbeitsleben bereist ausgeschieden sind, arbeiten als freiwillige Helfer des britischen Denkmalschutzfonds National Trusts – sogenannte Volunteers.

Viele Volunteers auf Chartwell

Rund 400 Freiwillige sind auf dem Anwesen tätig, sagt Marketingmitarbeiter Henry Jarvis. Landesweit arbeiten rund 61.000 Helfer für die Organisation. Dazu kommen noch rund 5.000 fest angestellten Mitarbeitern.

Lohn bekommen die meisten nicht, lediglich Tee während der Arbeit, und zweimal im Jahr wird für sie ein großes Fest veranstaltet. Trotzdem melden sich über die Internetseite des Trusts immer neue Freiwillige. Lammer erklärt das so: „Es ist schön, etwas an die Gesellschaft zurückzugeben.“ Was die Volunteers eint: Sie sind von den Grundsätzen dieser gemeinnützigen Organisation überzeugt. Und auch in anderen Ländern ist dies so: Der Trust war Vorbild für zahlreiche Denkmalschutzvereinigungen rund um den Globus.

Octavia Hill gründete den Trust gemeinsam mit einigen Bekannten 1895 in der Hochphase des britischen Empires. Ziel war, Gebäude und Landschaften von historischem Wert oder besonderer Schönheit zu bewahren. Die Arbeit basiert auf dem Grundsatz, dass nur Eigentum dieses Ziel erfüllen kann. Deswegen gehören dem National Trust alle von ihm verwalteten Anwesen und können laut Statut niemals wieder verkauft oder gar abgerissen werden. „Forever, for everyone“, „für immer, für jeden“ – so lautet der Grundsatz.

Dem Trust gehören auch 61 Pubs

Rund 200 historische Gebäude und Gärten besitzt die Organisation heute, außerdem 19 Schlösser, 67 industrielle Bauten, 61 Pubs und sogar 59 ganze Dörfer. Zusammen also 1,5 Prozent der Fläche Großbritanniens, darunter ein Viertel des Lake Districts sowie zehn Prozent der britischen Küstenlinie.

Das Prinzip des Denkmalschutzfonds setzte sich schnell durch – auch weil er Eigentümern schützenswerter Gebäude ein attraktives Bündnis bietet: Oftmals sind diese aus finanziellen Gründen gezwungen, ihre teils hektargroßen Anwesen zu verkaufen. Der National Trust räumt den Eigentümern nach der Übernahme ein Wohnrecht auf Lebenszeit ein, öffnet die Anwesen aber bis auf einen privaten Teil für die Öffentlichkeit und finanziert so den Unterhalt durch Eintrittserlöse sowie Mitgliedsbeiträge. Mit knapp vier Millionen Mitgliedern ist er eine der größten Vereinigungen Großbritanniens.

Volunteer Christine Cole hat sich in die Gärten des Trusts verliebt, vor allem in einen: Dyrham Park, ein Anwesen in der Nähe von Bath. Die pensionierte Lehrerin bringt hier Besuchern vor allem die Pflanzen näher. Auch ihr Mann hilft mit. „Dies ist ein wundervoller Ort ist“, schwärmt sie von dem Barockanwesen. „Nach einer Weile hier wird es zu so etwas wie ,deinem‘ Anwesen“, sagt Cole.

Lacock – Filmkulisse für Harry Potter

Nicht weit entfernt besitzt der National Trusts ein ganzes Dorf: Lacock. 1944 wurde es der Organisation zusammen mit Lacock Abbey vermacht. Der Trust vermarktet die Abtei und das Dorf zusammen als "Lacock Abbey, Fox Talbot Museum & Village".

 

Unter anderem wurden  im Kreuzgang der früheren Abtei viele Szenen der „Harry Potter“-Filme gedreht. In Lacock hat auch  die moderne Fotografie ihre Wurzeln. William Fox Talbot belichtete in der längst zum Wohnhaus umgebauten Abtei 1835 das erste heute bekannte Negativ, Grundlage des Positiv-Negativ-Verfahrens, das bis zum Siegeszug der Digitalfotografie weltweit Standard der Fotografie wurde.

Lacock hat 400 Bewohner

Rund 400 Bewohner leben heute in Lacock. An vielen Tagen kommen Tausende Besucher in den Ort. 250 Freiwillige helfen, dass ihr Besuch im Dorf zu einem besonderen Erlebnis wird. „Die meisten Volunteers wissen so viel mehr über Lacock als wir“, sagt Kristine Heuser, die seit 2013 fest für den Denkmalschutzfonds in Lacock arbeitet.

Um das idyllische Dorf kümmert sich die Organisation penibel – alle drei Jahre etwa werden die zahlreichen kleinen Häuser des Ortes neu gestrichen. Denn auch hier gilt: Lacock soll so, wie es ist, noch für Generationen erhalten bleiben. Für immer, für jeden.