Mit bloßen Händen fischt Lu Yu Xian die grünen Blätter aus dem Bottich. Die ölig gelbliche Flüssigkeit gerät in Bewegung, blauer Schaum bildet sich auf der Oberfläche. Lu gibt weißes Pulver hinzu – „Kalkstein“, sagt sie – schöpft dann mit einer Schüssel etwas von der Brühe ab und gießt sie mit Schwung zurück. Mehr Schaum entsteht, leuchtend blau, ein kräftiger Kontrast zu den erdigen Tönen in dem Hinterhof. Stolz, aber auch ein wenig verlegen über das Interesse an ihrer Arbeit steht die 60-jährige Färberin in ihrer Werkstatt.

Während sie weiterschöpft und gießt, erklärt Reiseleiter David der Gruppe, wie das funktioniert mit dem Färben, mit den Blättern der Indigopflanze und dem Kalkstein. Wie viele Arbeitsschritte nötig sind, damit am Ende der blaue Stoff entsteht, aus dem die Kleidung gefertigt ist, die Lu trägt. Etwas abseits sitzt ihre Enkelin Lu Xiu Hu auf dem Boden und ist in ihr Smartphone vertieft. Sie trägt ein T-Shirt und blaue Jeans. Jeans, die auch mit Indigo gefärbt wurden – synthetischem.

Tradition und Moderne in Guizhou

Es sind diese Gegensätze zwischen Tradition und Moderne, die in der südchinesischen Provinz Guizhou immer wieder auffallen. Besonders, wenn du das beschauliche Leben in Zhaoxing, dem Heimatdorf von Lu Yu Xian und ihrer Enkelin, mit dem Trubel in Peking und Shanghai vergleicht.

Mit jeweils rund 25 Millionen Einwohnern, dem Smog und der Wolkenkratzer-Architektur wirken diese Megastädte mitsamt ihrem Umland, als lägen ganze Zeitalter zwischen ihnen und dem ländlichen Lebensraum in Chinas ärmster Provinz. Und doch trennen Peking gerade mal 2,5 Flugstunden von Guiyang, Provinzhauptstadt und Ausgangspunkt einer Reise in die Heimat der Dong, Miao und anderer Minderheiten.

Zhaoxing liegt eingerahmt von grünen Bergen in einem Tal im Südosten von Guizhou. In dem Ort leben etwa 4600 Angehörige der Dong-Bevölkerung, eine von 55 offiziell anerkannten ethnischen Minderheiten in der Volksrepublik China. Bei einem Spaziergang durch die Straßen vermischt sich das Dorfleben mit touristischer Infrastruktur. In den Seitengassen stehen die typischen dreistöckigen, meist aus Holz gebauten Bauernhäuser – im Erdgeschoss lebt das Vieh, darüber die Familie, darüber ist der Speicher.

Auf dem Markt wird Fleisch, Gemüse und Salat verkauft, meterlange Bahnen frisch gefärbten Stoffes trocknen auf Leinen in der Sonne, aus Garküchen dringen unbekannte Gerüche. An der Hauptstraße finden sich dagegen Restaurants, Souvenirlädchen, Bars und kleine Pensionen. Keines dieser Häuser scheint älter als zehn, zwölf Jahre zu sein.

Mehr Kontrast geht nicht: Die Mega­city Shanghai versetzt mit ihrem modernen Gigantismus in Erstaunen. Beim Spaziergang in Zhaoxing ist die Szenerie dagegen deutlich ruhiger. Am Ende der Hauptstraße wartet ein fantastischer Ausblick auf die umliegenden Berge und sattgrüne Reisfelder.

Vereinzelt stehen hier Bauernhäuser, die deutlich älter sind als die im renovierten Teil des Dorfes, windschief, das Holz von der Sonne ausgeblichen. Wer früh aufsteht und den Bauern bei der Arbeit auf den Feldern zusieht, erkennt schnell, dass sich hinter dem Panorama harter Alltag verbirgt. Reisfelder müssen bestellt werden, meist in Handarbeit, denn Landmaschinen gibt es fast keine. Allenfalls die gehörnten, die den Menschen hier schon seit Jahrhunderten dabei helfen, die Felder zu pflügen: die Ochsen.

Zur Begrüßung gibt's Reisschnaps

Im Zentrum der Provinz lebt eine weitere Minderheit, die Miao. Im Bergdorf Langde erwartet dich ein einzigartiges Begrüßungsritual. Die Bewohner begrüßen ihre Gäste in bunten, schweren Gewändern. Und mit Reisschnaps. „Das ist hier so Brauch. Ihr müsst die Treppe zum Dorf emporgehen, und alle paar Stufen werden euch die Frauen Schalen zum Trinken reichen. Trinkt ihr nicht, beleidigt ihr ihre Gastfreundschaft“, sagt der 32-jährige David mit dem gespielten Ernst des geübten Reiseleiters.

Miao-Frau in Guizhou mit traditionellem Gewand
Die Miao tragen schwere bunte Gewänder Foto: pixabay.com/DANZg

Und er übertreibt nicht: Bis der Ortseingang passiert ist, muss so manche Schale geleert werden. Wer aus Angst vor den Nachwirkungen eine auslässt, erntet Blicke voller Unverständnis. Im Hintergrund spielen die Männer auf den sogenannten Lusheng Lieder, mit denen sie die tapfer trinkenden Besucher willkommen heißen. Auf diesen großen Holzblasinstrumenten entsteht auch die Musik für die traditionellen Tänze der Miao-Frauen, die diese zu besonderen Anlässen auf dem Dorfplatz in ihren Festgewändern aufführen.

Beim Schlendern durch Langde zeigen sich erneut die Gegensätze zwischen Tradition und Moderne. Das Grunzen von Schweinen dringt aus vielen Häusern – doch die meisten Gebäude haben auch Satellitenschüsseln auf dem Dach. Frauen gehen nach dem Tanz in ihren Trachten durchs Dorf und tippen dabei emsig auf ihren Smartphones. Auffällig ist auch: In Langde leben wenige junge Menschen. „Meine Kinder studieren in der Stadt. Und ich wünsche mir, dass sie dort auch bleiben, dort haben sie ein besseres Leben“, sagt Yang A Yung.

Von der Kulturrevolution blieb das Dorf unberührt

Die 43-Jährige erzählt beim Essen von ihrem Alltag. In nur einer Generation hat sich viel verändert. „Ich musste meiner Mutter in der Küche helfen, seit ich neun Jahre alt war. Nur meine älteren Brüder durften studieren, also wurde ich Köchin und koche heute für Touristen“, sagt sie.

Während sie Bohnen, Chinakohl, Pak Choi, gebratenes Schweinefleisch und andere Köstlichkeiten serviert, erzählt sie aus ihrem Leben. Von der Kulturrevolution, von der das Dorf nahezu unberührt blieb. Davon, wie die Traditionen in Zeiten des Fortschritts wieder wichtiger werden. Und wie ihr Mann sie einst entführte, um ihr Herz zu erobern. „Das schönste Mädchen des Dorfes war ich“, sagt sie und lacht.

Wie die Miao sprechen auch die Dong eine eigene Sprache, ihre jahrhundertealten Traditionen geben sie mithilfe von Liedern an nachfolgende Generationen weiter. Lieder, die die 28-jährige Lu Xiu Hu, die Enkeltochter der Färberin, nicht nur bei Dorffesten, sondern auch für Touristen vorträgt. Die Gesangsgruppen treffen sich unter dem Trommelturm, dem zentralen Platz in jedem Dong-Dorf. Es sind melodische Lieder, die meisten handeln von der Liebe.

„Früher“, erzählt Lu, „habe ich auch in einer großen Stadt gearbeitet, in einer Textilfabrik.“ Wie so viele Chinesen hoffte sie mit Anfang 20 auf Wohlstand in der Stadt. Doch sie arbeitete zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, für 500 Yuan pro Monat – umgerechnet 65 Euro. Ein Großteil davon behielt die Fabrik, als Miete für ihre Unterkunft auf dem Gelände. Also kehrte Lu Xiu Hu zurück nach Zhaoxing.

Und seit die Touristen kommen, verdient sie mit ihren Gesangsauftritten vier- bis sechsmal so viel wie in der Fabrik. Und bald könnte ihr Einkommen weiter steigen. Denn die chinesische Regierung will die Welt der Dong und Miao noch mehr für den Tourismus erschließen. Immer mehr große Straßen durchziehen die Provinz. Idyllische Täler, in denen sich kleine Dörfer an Berghänge schmiegen, wechseln sich ab mit Baustellen von Hochhauskolossen. 

Tang'an: Gasthäuser für Backpacker

Weniger touristisch und deutlich kleiner als Zhaoxing ist das Dorf Tang’an, das nur etwa 15 Kilometer entfernt einen Berg hinauf liegt. Von ihm bietet sich ein großartiger Blick auf die umliegenden Gebirgszüge und Täler. Im Dorf gibt es nur ein, zwei Gasthäuser für Backpacker. Unter dem Trommelturm zerteilt der Fleischer seine Ware mit einem großen Beil. Daneben sieben Bauern Reis. Laut wird es nur, wenn zufällig eine chinesische Schulklasse auf einem Bildungsausflug vorbeikommt. Es fällt schwer, dieses Idyll wieder zu verlassen. Am liebsten möchtest du stundenlang durch die grünen Reisterrassen und Kamelienfelder spazieren und die frische Luft atmen.

Wenn es am Ende der Reise dann per Flugzeug und Schnellzug nach Shanghai geht, ist das wie ein Zeitsprung. An der Flusspromenade mit Blick auf die gewaltige Skyline drängt sich die Frage auf: Welches ist denn nun das wahre, das echte China? Die moderne Metropole – oder Dörfer wie Langde und Zhaoxing? Und dann die Erkenntnis: Das Verlangen nach Fortschritt und der Versuch, jahrtausendealte Traditionen zu bewahren – das ist China. Und genau dieser Kontrast macht die Reise in das widersprüchliche Land so reizvoll.