Die Kommentare vom Beifahrersitz sind aufschlussreich, wenn auch nicht rein sachlich gehalten: „Der geht jetzt schon aus dem Sattel, das schafft er nie bis oben auf den Pass.“ Aber auch: „Wow, schau dir mal diese Wadenmuskeln an.“

Klar ist jedenfalls: Es ist entspannter, im Leihwagen die Serpentinen in Mallorcas wildem Nordwesten zu erklimmen als im Fahrradsattel. Allerdings erfordert auch die Position hinterm Lenkrad in der Serra de Tramuntana die volle Konzentration, ähnelt manche Piste doch einer verschlungenen Carrera-Rennbahn aus Kindertagen.

Vorsaison auf Mallorca gehört den Radsportlern

In der Vorsaison gehört diese Ecke der Mittelmeerinsel den Radsportlern. Einige sehen so perfekt ausgerüstet aus, als seien sie bei der letzten Tour de France einfach nur falsch abgebogen und nun in dieser kargen Felswelt wieder aufgetaucht, die mit ihren uralten Terrassenfeldern zum Unesco-Welterbe zählt. Bergab sind die Fahrradfahrer passagenweise schneller als motorisierte Verkehrsteilnehmer, man muss höllisch aufpassen. 

Beim Kloster Lluc auf mehr als 500 Höhenmetern genießen ganze Pulks in der wärmenden Sonne einen Zwischenstopp. „Klack, klack, klack“ machen die Spezialschuhe auf dem Kopfsteinpflaster, so als sei hier jemand auf High Heels unterwegs.

In dem Gotteshaus wird La Moreneta verehrt, „die Dunkelhäutige“. Der Legende nach hatte der Hirtenjunge Lukas (Lluc) die Madonna im 13. Jahrhundert neben einem Bachlauf gefunden. Man ließ sie fortschaffen, doch durch Wunderhand kehrte sie wieder zurück. Da wurde ihr eine Kapelle erbaut. Der großräumige Parkplatz vor der Klosteranlage ist beinahe leer – aber deshalb nicht billig.

Mallorcas Fremdenverkehr scheint sich über deftige Parkgebühren finanzieren zu wollen. Die Dimensionen der Abstellplätze lassen erahnen, was hier im Sommer los ist. Noch aber geht es beschaulich zu, so wie bei jeder anderen Touristenattraktion – etwa an der Nordspitze beim Leuchtturm auf dem Cap de Formentor, in der engen Bucht von Sa Calobra, wo die spektakuläre Wanderschlucht Torrent de Pareis mündet, oder auch in Valldemossa, wo die Schriftstellerin George Sand und der Komponist Frédéric Chopin einen eher unseligen Winter verbrachten.

Muße beim Marktspaziergang in Pollença

Die größte Insel der Balearen-Gruppe wirkt in der Vorsaison, als hätte sie für eine überdimensionierte Geburtstagsfeier geplant, zu der kaum ein Gast erschienen ist. Das wird sich bald ändern: Allein mehr als vier Millionen Deutsche reisen jährlich auf die Mittelmeerinsel. Noch aber haben die Mallorquiner die Muße, sich am Markttag im Städtchen Pollença. einen Café con leche zu bestellen und die bunt gemischte Besucherschar eines genaueren Blickes zu würdigen.
 
Frühsommergefühle machen sich erst recht bei einer Fahrt über die Insel breit: Auf den Wiesen blühen weiße Kamille und roter Klatschmohn. In den Gärten hängen die Bäume voller Orangen und Zitronen. Hier und da lassen sich letzte Reste der Mandelblüte sichten, für die Mallorca berühmt ist.
 
Ob es im viel stärker massentouristisch geprägten Süden der Insel noch genauso ruhig ist? Die Gegend um Palma de Mallorca wirkt jedenfalls erst mal abschreckend auf den, der aus den Bergen kommt: Jeder Quadratzentimeter Küste ist mit Beton bedeckt. Graue Apartmenthochhäuser beleidigen die Augen. Dazwischen Schilder auf Deutsch: „Futtern wie bei Muttern“. Oder auch: „Ihre deutsche Arztpraxis“. Und Supermärkte ohne Ende.

Kilometerlanger Strand von Es Trenc

Wer aus seinem Hotelzimmer auf die großzügige Bucht von Palma schaut oder durch die pittoresken Gassen der Inselhauptstadt spaziert, vergisst schnell diese Bausünden. Und wer die Vorstadtviertel hinter sich lässt, hat die Insel plötzlich wieder ganz für sich – etwa am fünf Kilometer langen Strand von Es Trenc, den die lokalen Umweltschützer bauwütigen Investoren abgetrotzt haben.
 
Ein einziges Strandcafé hat geöffnet. Im Sommer stürzen sich hier Tausende in die Bucht und wollen sich danach das Salzwasser abduschen. An diesem Nachmittag aber sind nur noch zwei oder drei Urlauber unterwegs. Eilige Radfahrer meiden den Ausflug in den weißen Sand: Umso schöner lässt es sich schon mal vom Sommerbad im türkisfarbenen Mittelmeer träumen.