So erlebte ich das „Xavier“-Bahnchaos | reisereporter.de

Sturm „Xavier“: So erlebte ich das Bahnchaos

Die Bahn hat bei Sturm „Xavier“ verdammt viel richtig gut gemacht, findet unsere reisereporterin Isabell. Aber ein paar Probleme wären wirklich vermeidbar gewesen. Eine Odyssee ohne Ende – und was sie sich von der Bahn wünscht.

Lange Schlangen und Gesichter am Bahnhof.
Lange Schlangen und Gesichter am Bahnhof.

Foto: Isabell Prophet

Stille am Bahnsteig in Köln. Ich stehe mit einigen Hundert Menschen zwischen den Gleisen 2 und 3, niemand spricht. Einen kurzen Moment lang sind alle einfach nur entsetzt. 

Uns passierte kurz vor 16 Uhr, was vielen tausend Menschen am 5. Oktober passierte: Unser Zug wurde gestrichen. Durchatmen. Puls beruhigen. Weiter. 

Mein ursprünglicher Plan: Andernach —> Köln —> Berlin

Ich kam aus dem zauberhaften Maria Laach und musste zurück nach Berlin. Bei guter Führung eine Strecke von fünf Stunden und 23 Minuten. Erträglich – und schneller und gemütlicher, als zu fliegen. Und als mir meine Freunde sagten, in Norddeutschland führe kein Zug mehr, glaubte ich ihnen kein Wort. 

Der Zugbegleiter sagte: Da weiß ich nichts von, wir haben im System noch keine Vorwarnung stehen.

Die App sagte: Entspann dich, Kindchen, dein Zug fährt. 

Und wenn die App das sagt und der Zugbegleiter das sagt, dann glaube ich das. Von draußen scheint mir die Sonne ins Gesicht.

Zwanzig Minuten später stehen am DB-Infostand in Köln einige Hundert Menschen in gutbürgerlichen Schlangen. Sie alle bekommen das Gleiche gesagt, einer nach dem anderen, immer wieder das Gleiche. In Richtung Berlin und Hannover bitte erstmal nach Hamm, alle anderen: bitte warten. 

Wer kein Deutsch, Englisch oder Türkisch spricht, kann auf Informationen aus erster Quelle kaum hoffen – wie auch, ohne Anzeigetafeln? Ich versuche zu übersetzen, quäle mir ein paar französische Sätze raus und hoffe, die junge Frau schafft es irgendwohin. 

 

Und dann sammelte sich der komplette Fernverkehr wieder an Gleis 2, warten auf die Regionalbahn. Und weil Menschen totale Idioten sind, bedrängten und beschimpften sie den nächsten verfügbaren Zugführer. Mein persönliches Highlight: „Ich hab ein Ticket gekauft, Arschloch!“

Neuer Plan: Köln —> Hamm —> Hannover —> Berlin

Bahnreisende sind einfach nicht die Einzigen, die bei Sturm, Schnee und Eis einen beschissenen Tag haben. Reisende können pöbeln. Bahn-Anstellte erleben das gleiche Chaos, wollen auch irgendwann nach Hause, können aber ihren Dienst- und Reiseplan ins Zugklo spülen und müssen die Welt retten. Und zwar nett. 

All diese Dinge sage ich nicht laut. 

Die andere Hälfte meines Gehirns ist beschäftigt mit einer Panikattacke. Die Stimmung an Gleis 2 heizt sich auf. Die Menschen sind wütend, drängeln, rammen. Das mit einiger Theatralik vorgebrachte Argument „Ich habe ein Flugticket“ zaubert erstaunlicherweise keinen neuen ICE auf die Strecke. Flugticket. Oh. Idee?

„Flieg halt“, rät mir eine Freundin. „Nimm einen Bus“, sagt meine Familie. „Ob es wohl noch Mietwagen gibt?“, fragt mein Kopf. Auf keinen Fall steige ich bei dem Wetter in einen Fernbus.


Alles Quatsch. Einen Lastminute-Flug Köln-Tegel – ohne Landegarantie – kann ich mir sowieso nicht leisten. Den Mietwagen schon, aber sollte ich nach einer kurzen Nacht und einem langen Tag noch 600 Kilometer fahren? Eher nicht. 

Also stehe ich mit den anderen Menschen an Gleis 2 und warte auf den Zug. Die pöbelnde Ticket-Arschloch-Frau will ein Team mit mir bilden. Ich blicke unbeteiligt zur Seite. Stehe nur ganz zufällig hier. Danke, ich hab schon alles geregelt, wirklich, viel Glück für Sie. 

Gar nichts habe ich geregelt.

Neuer Plan: Köln —> Berlin

Auf den Anzeigetafeln sind inzwischen gleich zwei Verbindungen nach Berlin angekündigt. Die Hälfte der Leute steigt in den Umleitungs-Zug, die andere Hälfte wartet auf die Berlin-Verbindungen. Kurze Glücksgefühle, Reservierung gebucht (der vorletzte Platz im Zug! Hurra!) und als ich den Blick vom Smartphone hebe, steht an der Anzeigetafel: „Zug fällt aus“. 

Nicht euer Ernst.

Ich neige den Kopf, als wäre mir mein rechtes Ohr zu schwer geworden. Okay. Meine Panik ist weg. Ich beginne, irre zu kichern. Das ist eine Verbesserung. 

Neuer Plan: Köln —> Hamm —> Minden —> Hannover —> Celle —> Familie besuchen?

Zwei Stunden später. Ich fahre durch Wattenscheid und die untergehende Sonne scheint mir in die Augen. Ich bin seit mehr als vier Stunden unterwegs und noch nicht mal in der Nähe von irgendwas. Berlin? Ich zweifle.

Problem: Die DB-App verrät mir genau nichts. Die Verbindungen stehen weiterhin drin – ob sie fahren oder nicht ist lange nicht klar. Gerade als ich in Bochum umsteigen will, endlich ein Update: Zug fährt nicht. Sitzenbleiben. In diesem Moment ist auch klar, dass mich heute nichts mehr nach Berlin bringen wird. 
Kapitulation.


Ich könnte über Minden nach Hannover fahren.

Was ich in diesem Moment noch nicht weiß: 470 Menschen werden die Nacht am Bahnhof Minden verbringen. Während andere zum Gleis weiterziehen, stelle ich mich unter die Anzeigetafel, ich bin neugierig. Und ich habe gutes Reisekarma: Nur von der Tafel erfahre ich, dass mein Anschlusszug im beschaulichen Herford endet – weit vor Minden. Da will ich auf gar keinen Fall stranden, schon gar nicht mit Hunderten anderen. Ein Vorschlaghammer beschallt die kathedralenförmige Bahnhofshalle und betäubt meine Nerven.

Neuer Plan: Tief durchatmen

Und dann passiert etwas wunderbares: Es gibt zwei Reisebusse nach Hannover. Ich weiß nicht, was ich in Hannover soll. Aber es ist näher am Haus meiner Eltern als Hamm oder Herford. Ich fühle mich gelöst, komme mit einem wirklich strahlenden Lächeln am Bus an – und werde von der Realität plattgewalzt. 

„Der Bus ist voll“, sagt der Fahrer.

„Gibt es einen Nächsten?“ – „Ich muss nach Berlin.“ – „Was soll das???“ – „Die Lage nicht im Griff!!!“ 

Der Fahrer sagt: „Wir haben noch genau einen Platz.“

Meine Hand schnellt nach oben, die Gruppe beginnt zu diskutieren, wer am wichtigsten ist. Und der Fahrer greift zwischen allen anderen hindurch und schnappt sich meinen Koffer. „Ganz hinten rechts“, sagt er, und ich löse mich von meinem Körper und schwebe zum Bus, Körper hinterher.

Blick in den Reisebus, in dem reisereporterin Isabell noch den letzten Platz ergattern konnte.
Blick in den Reisebus, in dem reisereporterin Isabell noch den letzten Platz ergattern konnte. Foto: Isabell Prophet

Den Reisebus hat sich die Bahn von einem Privatanbieter geliehen, die zwei Fahrer sind spontan eingesprungen. Sie bringen uns in zwei Stunden gemütlich nach Hannover. Laut App kriege ich dort keinen Mietwagen mehr. Nada. Vermutlich sind sämtliche Mietwagen Hannovers auf dem Weg nach Berlin und in jedem sitzt genau ein Anzugträger. Meine Nachbarin ruft aus Berlin an, weil unser Garten in Trümmern liegt. Immerhin sind die Scheiben noch ganz.

Der Plan: Ob ich wohl im Büro der Reisereporter-Redaktion übernachten darf?

Um 21 Uhr hätte ich in Berlin meine Haustür aufschließen wollen, nun bin ich froh, in Hannover zu sein. Die Johanniter sind mit mehreren Bussen und einem LKW vor Ort, spenden Suppen und Trost bei kleinen Wehwehchen. 

Hier warten Freunde auf mich, um mit mir in meine Heimatstadt Celle zu fahren, etwa 40 Minuten entfernt. Eigentlich haben sie seit Stunden Feierabend. Auch das ist ein Ergebnis dieses Tages: Ohne Hilfe und geduldige Freunde wäre ich nirgends mehr hingekommen. 

Das Ergebnis: Andernach —> Köln —> Hamm —> Bus nach Hannover –-> Auto nach Celle

Also danke an meine tollen Freunde, all die netten Sitznachbarn und Dank an die zwei Herren von der Bahn, die spät abends mit ihrem Bus zurück nach Hamm mussten und beim Abschied so viel gute Laune ausstrahlten.


Liebe Bahn,

ihr wart gut und ich hab euch lieb. Unbenutzte Züge für Reisende zu öffnen ist eine sehr gute Idee, Hotelgutscheine auch. Und dass ihr Zugverbindungen vorsorglich gestrichen habt, damit die Reisenden nicht stundenlang auf der Strecke ausharren müssen, halte ich für eine Spitzenidee. 

Ein paar Probleme wären aber vermeidbar gewesen. Hier ist mein Wunschzettel für den nächsten Sturm, Eisregen, Meteoriten-Einschlag: 

1) Ich möchte von Streckensperrungen nicht aus den Medien erfahren. Sondern aus eurer App. In eurem System stand meine Verbindung noch, als ich schon längst am Bahnsteig zitterte.

2) Wenn ihr einen Zug streicht, dann aktualisiert bitte das Buchungssystem. Ich möchte keine Reservierung für einen Zug bezahlen, den ihr schon längst gecancelt habt. 

3) Von jeder Stadt aus gibt es Ziele, die besonders frequentiert sind. Eine gemeinsame Lösung für alle gestrandeten könntet ihr über Infotafeln verkünden, dann müssen eure Kollegen nicht alles hunderte (!) Male erklären.

3a) So könnt ihr Gäste auch in anderen Sprachen erreichen.

3b) … und kann man dafür nicht einen Menüpunkt in der App schaffen? Mit einer winzigen Ad-Hoc-Redaktion, die bei Bedarf recherchiert? Umleitungsstrecken sind natürlich Nervkram. Aber hätte ich auf meiner Reisestrecke keine Ortskenntnis gehabt, ich wäre völlig verloren gewesen. Und viele Menschen waren es. 

4) Ihr braucht eine News-Seite. 

5) Bitte bitte bitte bitte bitte mehr Steckdosen bitte, bitte, bitte auch in Regionalzügen biiiiittteee *Welpenblick* 
 


PS: Unsere Autorin war bei Veröffentlichung dieses Textes noch nicht in Berlin, dafür sicher in ihrem Elternhaus – auf halber Strecke, und ohne Aussicht auf Weiterreise. Wir hoffen, ihr seid wenigstens gut heimgekommen. Irgendwo.

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