Allein reisen: Was ich gelernt habe | reisereporter.de

Allein reisen? Was ich über den Hype gelernt habe

Lange Zeit hat reisereporterin Anika nicht übers Alleinreisen nachgedacht, sie hat es einfach getan – oder eben nicht. Jetzt fragt sie sich: Sind wir weniger mutig oder unabhängig, wenn uns ab und an Partner oder Freunde auf Reisen begleiten?

Anika Landsteiner in Kerala's Backwaters, Indien.
Ob alleine oder nicht – jede Reise ist es wert, erlebt zu werden, findet Anika Landsteiner.

Foto: Anika Landsteiner

Das erste Mal bin ich mit 23 Jahren alleine gereist und da verstand ich nicht, warum so viele mich ungläubig anstarrten, als ich verkündete, alleine nach Kalifornien zu fliegen und bei einer mir fremden Person vorübergehend einzuziehen. Ich bin einfach los. Das ist es letztendlich, was so viele Menschen am Alleinreisen schätzen: das Einfach-Machen-Prinzip, das Vertrauen ins Leben, der Sprung ins Ungewisse. Den Mut aufbringen, alleine loszuziehen.

Der Marlboro Man und ich

Genau diese Schlagworte sind heute in den Bildunterschriften von Instagram zu finden. Das Bedürfnis nach Freiheit, Salz auf der Haut und zerzaustem Haar ist genauso groß, wie ich es selbst vor sieben Jahren das erste Mal hatte spüren dürfen.

Mit einem Unterschied: Diese vermeintliche Freiheit klingt oftmals wie ein Werbeslogan, der mich an den Marlboro Man erinnert, als er früher über Kinoleinwände ritt und ich plötzlich unbedingt und sofort rauchen wollte.

Denn der Cowboy machte mir weis, dass ich die ungezähmte Freiheit und Unabhängigkeit nur spüren würde, wenn ich auch den Rauch der Zigarette im Mund schmeckte. Obwohl ich Letzteres ja gar nicht wollte.

Das Missverständnis vom Reisen zu zweit

Allein reisen, gerade als Frau, ist das heutige Nonplusultra. Auf meinen eigenen Reisen bin ich manchmal alleine, oft ist jedoch mein Partner dabei, ab und an eine Freundin. Genau darüber, wie ich mich auf all diesen Reisen immer wieder ein Stückchen mehr selbst kennengelernt habe, habe ich ein Buch geschrieben. Und nun werde ich oft von Frauen gefragt, wie Selbstfindung denn funktionieren solle, wenn ich nicht ausschließlich alleine unterwegs sei.

Und da frage ich mich wiederum: Bin ich denn automatisch weniger mutig oder unabhängig, wenn mich ab und an mein Partner oder eine gute Freundin auf Reisen begleitet? Ist das die Filterblase, in der wir mittlerweile leben?

Mir ist bei all diesen Konversationen bewusst geworden, wie schnell das Bild, gemeinsam zu reisen, gerade von Frauen als Schwäche missverstanden wird. Und das finde ich schade, denn mit dieser Radikalität fällt es schwer, andere zum (Allein-)Reisen zu inspirieren, anstelle sie schlichtweg zu verschrecken.

Meine eigenen Grenzen sind nicht die von anderen

Was bei der durch Social Media oft auftretenden Selbstoptimierung in Sachen Alleinreisen häufig auf der Strecke bleibt, ist, dass die Entscheidung von innen heraus kommen sollte. Und nicht, weil es sich besonders gut im Profil macht oder du dich plötzlich schlecht fühlst, mal wieder „nur“ Strandurlaub mit Partner oder Freundin gebucht zu haben anstelle einer Solo-Trekkingtour. Denn wenn ich etwas auf Reisen gelernt habe, dann, dass meine Grenzen nicht die von anderen sind. 

Viele vergessen jedoch beim Scrollen durch Instagram, sich zu fragen, ob das, was sie sehen, auch das ist, was sie selbst wirklich erleben wollen – oder ob sie einer Illusion erliegen. Genau so, wie mich der Marlboro Man immer wieder gekriegt hatte und ich sofort ein Pferd, eine Ranch und eine Packung Zigaretten besitzen wollte.

Jede Reise ist es wert, erlebt zu werden

Alleinreisen kann grandios sein. Wenn man sich darauf einlässt, kann der Trip das ganze Leben verändern.

Das gleiche Potenzial liegt aber auch im Reisen mit Freunden oder mit Partner: Kompromisse in Ausnahmesituationen schließen, die andere Person mit allem, was sie ausmacht, kennenlernen und nicht davonlaufen.

Ich liebe die Freiheit, mir aussuchen zu dürfen, ob ich den kitschigsten aller Sonnenuntergänge mit mir alleine genieße oder ihn mit einer Person teile, die ich liebe, und die genau deshalb neben mir sitzen soll. 

Reisemodelle in Schubladen zu stecken und sie miteinander – und letztendlich dadurch uns selbst – zu vergleichen, bringt niemandem was. Denn jede Reise ist es wert, erlebt zu werden. Vollkommen unabhängig, ob du sie nun alleine unternommen hast oder nicht. 

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