Wir landen in Osaka, der kleinen Schwester von Tokio – einer quirligen Metropole mit 2,6 Millionen Einwohnern. Die geschichtsträchtigste Sehenswürdigkeit ist Osaka Castle, das Schloss, das eigentlich eine Burg ist. Mein erster Eindruck, als wir durch die Parkanlage spazieren: Halb Japan ist auf den Beinen. „Das sind keine Japaner. 90 Prozent sind chinesische Touristen“, klärt mich unser Reiseführer Shuzo Matsushita auf. Auf jeden Fall sind sie viele. Eine gigantische Anzahl von Menschen drängt in den Hauptturm Tenshu, um ein Plätzchen auf der Aussichtsplattform im achten Stock zu bekommen.

Oben angekommen schiebt sich die Menge um das Rondell, um einen Rundumblick über Osaka zu haben und alles per Smartphone oder Tablet festzuhalten. Nach einem langen Nachtflug und wenig Schlaf kann ein Durchschnitts-Europäer da schon mal Anflüge von Klaustrophobie spüren. Ich flüchte nach draußen und gönne mir ein Softeis aus grünem Tee zum Abkühlen. Genau das Richtige bei 40 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Später bummeln wir durch die Dotonbori Area – ein Ausgehviertel mit Shops, Restaurants und Clubs. Besonders schön ist es dort am Abend mit den unzähligen bunten Leuchtreklamen, riesigen Krebsen und Kugelfischen als Wanddeko. In einem Imbiss probieren wir eine Osaka-Spezialität: Okonomiyaki – auch japanische Pizza genannt. Du bekommst einen Teig aus Wasser, Mehl, Ei, Kohl und Dashi serviert, mischst diesen je nach Geschmack mit Fisch, Fleisch, Gemüse oder Käse und brätst ihn anschließend auf einer heißen Eisenplatte. Gewürzt wird das Ganze mit einer scharfen Soße und getrocknetem Thunfisch.

Kagoshima: Ein Vulkan lässt Asche regnen

Am nächsten Morgen geht es mit dem Flieger weiter nach Kagoshima im Süden Japans. Von hier aus nehmen wir eine Schnellfähre und setzen über nach Yakushima, einer der 7.000 Inseln des Reiches. Nach etwa zwei Stunden sind wir da. Der Volksmund sagt, auf Yakushima regne es 35 Tage im Monat. Damit sind wir also am nassesten Ort Japans angekommen.

Dazu ist am Vortag auf der Nachbarinsel Kyushu ein Vulkan ausgebrochen und hat eine kilometerhohe Aschewolke in die Luft gepustet. Deshalb ist der Regen auf Yakushima auch gerade schwarz. Aber Japaner sind davon erstens unbeeindruckt und zweitens bestens organisiert: Wir bekommen alle einen Schirm in die Hand gedrückt. Hilft gegen beides: Regen und Asche. 

Aber von diesen Kleinigkeiten mal abgesehen ist das 500 Quadratkilometer große Eiland, auf dem rund 13.000 Menschen wohnen, ein traumhaftes Naturparadies. Mit 48 Berggipfeln, die alle mehr als 1.000 Meter in die Höhe ragen, beeindruckenden Wasserfällen und einem riesigen verwunschenen Zedernwald. Der hat es aufgrund seiner Unberührtheit sogar auf die Liste der Unesco-Welterbestätten geschafft.

Den Wald kennt in Japan jeder, weil er als Vorlage für den berühmten Zeichentrickfilm „Prinzessin Mononoke“ diente. Wer hier auf den Trails wandert, fühlt sich tatsächlich wie in einem Märchen. Mystischer Nebel wabert durchs Unterholz, beindicke Wurzeln überwuchern die Wege, aus umgestürzten Baumstämmen sprießen Äste, Zedern und winden sich zu bizarren Formen. Und alles ist eingehüllt in ein dickes, feuchtes, samtweiches Kissen aus Farnen, Flechten und Moosen, die in allen erdenklichen Grüntönen leuchten.

Botaniker haben in diesem verwunschenen Zauberwald außer Azaleen-, Kamelien-, Magnolien-, Glyzinien- und Zimtbäumen Jahrtausende alte Zedern entdeckt. Der älteste Zedernbaum heißt Jomon Sugi. Er wurde in 1.350 Meter Höhe entdeckt. Die Schätzungen für sein Alter gehen allerdings weit auseinander: Manche sagen, er sei 2.100 Jahre alt, andere schätzen ihn auf 7.000 Jahre. „Es gibt auch eine alte Zeder, in die kann man hineinklettern. Und wenn man nach oben in den Himmel schaut, hat der Stamm des Baumes, der so groß wie ein Sumo-Ring ist, die Form eines Herzens“, erzählt Ohara Hiroshi, Yakushima-Eco-Tour-Guide. Wer das gigantische Herz sehen will, muss allerdings elf Stunden wandern.

Auch die Tierwelt im Wald von Yakushima ist außergewöhnlich. Nicht nur, dass es im feuchtwarmen Unterholz jede Menge Blutegel gibt, die ihren Weg zu jeder unbedeckten Hautstelle finden, auch Makakenaffen und Yaku-Hirsche sind hier zu Hause. Die Hirsche haben entdeckt, dass es sich lohnt, den Affen zu folgen. Denn wenn die Makaken sich in den Bäumen über die Früchte hermachen, fällt dabei immer etwas auf den Boden. Und das bringt Abwechslung in den Speiseplan des Wildes.

Yakushima: Traumhafte Strände, eiskaltes Wasser

Auch andere Attraktionen lassen eine Reise nach Yakushima unvergesslich werden. Auf der Insel gibt es traumhafte Sandstrände – wie den Nagata Inakahama, der den Schildkröten gehört. „400 bis 600 Weibchen ziehen sich im Frühsommer nachts mit ihren Flossen über den Sandstrand, um ihre Eier abzulegen“, erklärt Ohara Hiroshi, der zusammen mit anderen Freiwilligen am Strand Wache hält, um das Überleben der Tiere zu sichern.

Die Spuren der Schildkröten können wir deutlich sehen. Sie buddeln etwa 30 Zentimeter tiefe Löcher und lassen rund 100 kleine Eier hineinplumpsen. Das Ausbrüten erledigt die Sonne. Nach 50 bis 60 Tagen schlüpfen die Schildkrötenbabys. „Doch nur ein winziger Teil schafft es, ins Meer zu krabbeln und zu überleben. Ihre größten Feinde sind Raubvögel, Fische und auch der Mensch, der unachtsam ihre Gelege zertritt“, sagt der japanische Tour-Guide. 

Strandleben wie Europäer es kennen, gibt es – bis auf einen Surferstrand – auf Yakushima nicht. „Das Wasser ist zu kalt zum Baden“, meint Shuzo Matsushita. Zu kalt? Da staunt die deutsche Reisegruppe. Der Pazifik hat milde 24 Grad. Aber die Japaner sind anderes gewohnt – sie entspannen Körper, Seele und Geist am liebsten in Onsen.

Das sind natürliche Warmwasserbäder, die von heißen Quellen gespeist sind. Wir besuchen das Hirauchi Kaichu Onsen – hier sprudeln heiße Quellen direkt am Meer und füllen natürliche Felsbecken. In den Becken ist das Wasser mehr als 45 Grad heiß, das kühlen die Japaner erst einmal herunter, damit die Langnasen eintauchen können.

Französisch-japanische Küche

Anschließend geht es zum Mittagessen – ins La Table. Hier hat sich Ikumi Haneda auf französisch-japanische Fusion-Küche spezialisiert. Vor zehn Jahren besuchte sie Frankreich. Damals arbeitete sie als Ernährungsberaterin in einem Kindergarten in Tokio. „In Frankreich hat mich das Essen so beeindruckt, dass ich die Idee hatte, ein Restaurant aufzumachen.“ Sie verließ Tokio, kam nach Yakushima und machte in einem Hotel eine Ausbildung zur Köchin.

Vor vier Jahren eröffnete die 40-Jährige dann ihr eigenes Restaurant. Hier verwirklicht Haneda ihren Traum und vereinigt französische Haut Cuisine mit japanischen Zutaten. Das ergibt Verlockungen wie Hirsch-Kroketten, Rehfilet an Seegras oder Crème Brûlée mit grünem Tee. Klingt ungewöhnlich, schmeckt aber himmlisch.