Stolz wirbt die Weinstadt Wien damit, sie sei die einzige Metropole der Welt, in der professionell und in bemerkenswertem Umfang Wein angebaut wird. Zwar arbeiten auch im Umland von Rom Winzer, und mitten in Paris kann man zehn Weinberge finden und den Clos Montmartre kosten, aber Wien ist eine eigenständige Weinregion mit einer Rebfläche von rund 700 Hektar und einer durchschnittlichen Weinernte von 2,4 Millionen Litern jährlich. Dass ein Großteil davon vor Ort getrunken wird, dafür sorgen schon die Heurigen-Lokale, die in keinem Liebesheimatfilm fehlen dürfen, der in der österreichischen Metropole spielt.

Natürlich war auch hier auf die alten Römer Verlass, die mit geübter Nase ihre Grenzfestung an der Donau im keltischen Dörfchen Vindobona ansiedelten, wo es bereits eine Weinbautradition gab, die nur verbessert werden musste. Und diese Tradition ließen die Wiener Zecher nie versiegen.

Dass in Grinzing und Umgebung mehr auf Quantität als Qualität geachtet wurde, weil ja die Busladungen der Touristen abgefüllt werden mussten, ist weitgehend Weingeschichte. Und daran sind im Wesentlichen sechs Weingüter aus den Ortsteilen Jedlersdorf, Grinzing, Mauer, Neustift am Walde, Heiligenstadt und Stammersdorf schuld. Vor erst elf Jahren gründeten die sechs Winzer die Gruppe „WienWein“ und setzten neue Qualitätsmaßstäbe. Vor allem aber hoben sie den traditionellen „Wiener Gemischten Satz“ wieder als Ortsspezialität auf den Thron. 

Winzer von WienWein im Weingarten Liesenpfennig in Wien.
Für den Weingarten mit dem Namen Liesenpfennig sind die engagierten Winzer von WienWein verantwortlich. Foto: Simone Hofstaedter

Beim gemischten Satz (den es auch in Deutschland in kleinstem Umfang wieder gibt) wird nichts vermischt oder gepanscht, hier kommt zusammen, was zusammen wächst. Die Reben verschiedener Sorten gedeihen bunt gemischt in einem Weingarten, sie werden gemeinsam geerntet und verarbeitet. Starwinzer Fritz Wieninger, der sich nicht sehr sträubt, wenn man ihn als den Paten dieser Bewegung einschätzt, hat dafür ein schönes Bild: „Im Ehebett kommt man sich ja auch näher als in getrennten Betten.“

Und weil Wien und Wein so harmonisch zusammenklingen, hat er noch einen zweiten Vergleich zu bieten: „Eine Sorte ist ein Instrument, der Gemischte Satz ist ein Orchester.“ Für einen kleinen Missklang sorgt allerdings, wer daran erinnert, dass einst die Winzer hofften, dass die Unreife der einen Rebsorte durch die Überreife der anderen ausgeglichen wird – und dass sie oft gar nicht genau wussten, was sie taten und gepflanzt hatten. 

Blick von der Junganlage Reisenberg auf Wien.
Die Skyline im Nebel: Blick von der Junganlage Reisenberg auf Wien. Foto: Raimo Rudi Rumpler

Wer in Wien den Wein entdecken will, der kann beispielsweise im Stadtzentrum im Hotel „Rathaus Design & Wein“ absteigen, in dem die Zimmer österreichischen Starwinzern gewidmet sind und man im Zimmer Weine des Namensgebers findet. Gar zu lokalpolitisch geht man bei der Weinauswahl übrigens nicht vor.

Bei einem Stadtspaziergang kann man den zentralen und kleinen „Weingarten“ am Schwarzenbergplatz finden, dessen rund 60 Rebstöcke vom Weingut Mayer am Pfarrplatz gehegt werden. In Sichtweite des Stephansdoms kann man sich die beeindruckende Weinauswahl bei „Wein+Co“ ansehen oder in der Weinbar „Meinl am Graben“ verköstigen. Dort ist die Lunchauswahl aber erstaunlich unwienerisch: Außer dem obligaten Wiener Schnitzel gab es bei meinem Besuch nur einen dünn aufgeschnittenen Saftschinken vom Mangalitzaschwein, der ganz und gar nicht den unverwechselbaren Geschmack des Wollschweins mitbrachte.

Wer mehr erfahren will, muss hinaus in die Vororte. Vielleicht mit dem Bus hinauf auf den Kahlenberg. Und dann von Wiens höchster Erhebung zu Fuß hinunter nach Nussdorf. Das kann zwar die Fußgelenke strapazieren, wird aber mit schönsten Erlebnissen belohnt, wenn etwa in der Saison Fritz Wieninger seinen Buschenschank geöffnet hat. Dort gibt es allerdings, wie’s die Regel will, nur kalte Speisen. Dafür bietet Wieninger, dem auch das Weingut Hajszan Neumann gehört, unten im Dorf gehobenste Wiener und Nichtwiener Küche. Dafür sorgt Juan Amador, der sich in Deutschland mit moderner Cuisine zwei Michelin-Sterne erkocht hatte, aber aus Herzensgründen an die Donau gekommen ist.

Wen es zum Schloss Schönbrunn zieht, der findet dort vor der Orangerie einen Weingarten mit dem alten Namen „Liesenpfennig“. Dahinter stecken natürlich wieder die engagierten „WienWein“-Winzer. Die überschaubare Ernte wird zugunsten der SOS-Kinderdörfer versteigert.

Weinanbau vor der Orangerie des Schlosses Schönbrunn, Wien.
Auf einer Fläche von rund 700 Hektar wird in der österreichischen Hauptstadt Wein angebaut – zum Beispiel vor der Orangerie des Schlosses Schönbrunn. Foto: Simone Hofstädter

Die Auswahl der Heurigen-Lokale ist nach wie vor groß, die Qualitätsspanne auch. Hier wird zwar – auch – der neue, also heurige, Wein eingeschenkt, doch streiten sich die Gelehrten darüber, ob der Name der meist pittoresken Lokale und Wirtsgärten nicht vom (Wein-)Hauer, also dem Winzer, kommt.

Wer beim Heurigen Mayer am Pfarrplatz einkehrt, wandelt dort auf Beethovens Spuren. Von denen gibt es in Wien aber viele, weil der Maestro oft umgezogen ist. Hier heraußen allerdings hat er vor genau 200 Jahren an seiner Neunten geschrieben. 

Blick Richtung Stadt; Vorne Weinlage "Mitterberg", in der Mitte "Rothen" und hinten links "Langteufel"; Katastralgemeinden Nußdorf und Heiligenstadt, Döbling, Wien.
Blick auf Wien: Vorne die Weinlage „Mitterberg“, in der Mitte „Rothen“ und hinten links „Langteufel“. Foto: Herbert Lehmann

Wesentlich unkonventioneller geht es bei der Jungwinzerin Jutta Ambrositsch zu, die an wenigen Wochenenden im Jahre ihre „Buschenschank in Residence“ in Grinzing eröffnet. Wer mit der Quereinsteigerin, die wie ihr Mann und Partner aus der Werbebranche kommt, durch die Weinberge kurvt, wo ihre Parzellen verteilt liegen, der kann durchaus ärgerliche Blick von Touristen und einheimischen Dackel-Ausführern ernten, die glauben, dass all die Weinberge als Fremdenverkehrsbühnenbild angelegt sind. Wenn sie allerdings am Geländewagen lesen, dass die flotte Fahrerin Winzerin ist, hellen sich die Mienen wieder auf.

Wien und der Wein, das ist eben eine ganz eigene Geschichte. Auf die sich der Wiener seinen ganz eigenen Reim gemacht hat: „Es wird a Wein sein, und mir wer’n nimmer sei, d’rum g’niaß ma’s Leb’n, solang’s uns g’freut.“
Bei einem Glas Wiener Wein – und weil das hier meist ein Achtel ist, bleibt es garantiert nicht bei dem einen.

Tipps für die Wein-Reise nach Wien

Anreise: Direktflüge nach Wien gibt es von (fast) allen größeren deutschen Flughäfen. In die Stadt fährt man am schnellsten mit dem City Airport Train (CAT) – in 16 Minuten für 11 Euro. Die direkte Busverbindung mit den Vienna Airport Lines (8 Euro) bietet mehr Haltepunkte. In der Stadt empfiehlt sich die Vienna City Card für U-Bahn und Bus (24 Stunden oder 72 Stunden).

Essen:

Bistro „o boufes“: Ableger des Sterne-Lokals Konstantin Filippou für Hipster und Banker. Motto: „weinsam statt einsam“. Wer hier „Sardine“ als Vorspeise bestellt, bekommt tatsächlich eine geöffnete Sardinendose mit Kapern und Zwiebel-Garnitur, geröstetem Brot und einer Schnittlauchcreme (15 Euro). Dominikanerbastei 17, 1010 Wien (am Schwedenplatz). 

MAST Weinbistro: Noch kein „Must“, aber sympathische Gründung der Sommeliers Matthias Pitra und Steven Breitzke. Die Sardinen in der Dose gibt es auch (aber günstiger). Und ein erfrischendes Zander-Ceviche (11 Euro). Porzellangasse 53, 1090 Wien. 

Amador’s Wirtshaus & Greißlerei: Ein Sternekoch zwischen Ortstradition und Weltläufigkeit. Im Restaurant (Wirtshaus) eine spektakuläre Weinkarte. Eine Greißlerei ist eigentlich ein kleiner Tante-Emma-Laden für Lebensmittel, hier aber Edelimbiss zwischen Brettljause und Beef Tatar à la chinoise. Grinzinger Str. 86, 1190 Wien.

Heuriger: Geschichtsträchtig und stilvoll. Wer gut essen will, wählt aber besser das daneben gelegene Restaurant; im Heurigen ist das gebackene Hendl vor allem sehr stark gebacken. Dafür spielt der Akkordeonist auch „Wien, Wien, nur du allein“. Mayer am Pfarrplatz, Pfarrplatz 2, 1190 Wien. 

Nicht versäumen

Einen Halt an einem Wiener Würstelstand. Am echtesten bei Bitzinger an der Albertina und vor dem Prater am berühmtesten Riesenrad. Hier passt aber ein Krügl Bier besser.