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Usbekistan: Unterwegs mit dem Orient Express

Von Buchara über Chiwa nach Samarkand: Claus Lingenauber war mit dem Silk Road Orient Express unterwegs zu den Höhepunkten Usbekistans.

Personal vorm Orient Silk Road Express in Usbekistan.
Während die Reisenden die Sehenswürdigkeiten Usbekistans erkunden, wartet das Personal des Orient Silk Road Express geduldig auf ihre Rückkehr.

Foto: Claus Lingenauber

Es ist Ende Oktober und ein ungemütlicher Nordwind weht durch Buchara. Der kalte Gruß aus Sibirien erinnert daran, dass der Winter auch in Usbekistan näher rückt. Vor einer Woche waren es noch mehr als 20 Grad. Jetzt klettern die Temperaturen trotz strahlenden Sonnenscheins gerade mal auf acht Grad. Und in der Nacht herrscht bereits leichter Frost.

Kein Wunder, dass momentan nur wenige Männer auf dem Platz zwischen Medrese, also der Koranschule, und Moschee ihren Tee trinken. Zentralasiens Wüstenklima zeichnet sich durch Extreme aus. Heiße Sommer, kalte Winter – und im Herbst ist alles möglich. Die Souvenirverkäufer freuen sich jedenfalls über den Absatz von Wollhandschuhen und Fellmützen.

Die Ulugh-Beg-Medrese in Samarkand (Usbekistan), die im Inneren vollständig vergoldet ist, wurde 1417 erbaut.
Prächtige Madrase: Die Ulugh-Beg-Medrese in Samarkand, die im Inneren vollständig vergoldet ist, wurde 1417 erbaut. Foto: Claus Lingenauber

Buchara, das sich mit dem Beinamen die Edle oder auch die Heilige schmückt, gehört mit der Oase Chiwa und dem legendären Samarkand zu jenen drei Städten Usbekistans, die im Zentrum der Seidenstraße liegen und von Tausendundeiner Nacht träumen lassen.

Usbekistan setzt touristisch voll auf den Mythos jener Handelsverbindung, die bis ins 16. Jahrhundert von China über Zentralasien bis nach Konstantinopel führte. Mit Erfolg. Immer mehr kulturinteressierte Besucher bestaunen die persisch geprägten Bauwerke mit ihren blauen Kuppeln, wie sie schöner auch in Isfahan im Iran nicht zu finden sind.

Der Registan-Platz im Zentrum von Samarkand gilt als einer der prächtigsten Plätze in Mittelasien.
Imposant: Der Registan-Platz im Zentrum von Samarkand gilt als einer der prächtigsten Plätze in Mittelasien. Foto: Claus Lingenauber

Mittlerweile bietet Lernidee Erlebnisreisen die Möglichkeit, die Sehenswürdigkeiten dieser Region mit dem Sonderzug Silk Road Orient Express zu erkunden. Der Berliner Spezialveranstalter betreibt auch den zwischen Moskau und Peking verkehrenden Zarengold-Zug. Das zaristische Russland hat das zentralasiatische Schienennetz nach der Eroberung der in viele Khanate und Emirate zerplitterten Region Ende des 19. Jahrhunderts gebaut.

Der Silk Road Orient Express fährt in elf Tagen von Aschgabad in Turkmenistan bis nach Almaty in Kasachstan – 3200 Kilometer entlang der sagenumwobenen Seidenstraße. Die kulturellen Höhepunkte aber liegen eindeutig in Usbekistan, das bis 1991 eine Republik der Sowjetunion war und seitdem selbstständig ist.

Das Land besteht weitgehend aus Trockengebieten, doch mit dem Wasser der Flüsse Amurdarja und Syrdarja werden seit Sowjetzeiten große Flächen der Wüsten Karakum und Kizilkum bewässert, um vor allem Baumwolle anzubauen. Mit drei Millionen Tonnen im Jahr ist das immer noch sehr stark staatswirtschaftlich geprägte Usbekistan der viertgrößte Produzent weltweit.

Blick aus dem Silk Road Orient Express in die usbekische Wüste.
Der Orientexpress rattert durch die Wüste. Foto: Claus Lingenauber

Der intensive Verbrauch hat dazu geführt, dass kaum noch Wasser den Aralsee erreicht. Das einst riesige Binnenmeer ist innerhalb von 50 Jahren auf etwa ein Zehntel seiner ursprünglichen Ausdehnung geschrumpft. Eine Umweltkatastrophe gigantischen Ausmaßes und eine Folge sowjetischen Größenwahns. Und Usbekistan ist zu einer Trendwende kaum in der Lage. Das Land ist wirtschaftlich noch immer stark von der Baumwolle abhängig.

So karg die Landschaft, so prächtig die Städte. Der Silk Road Orient Express rollt nachts von Buchara entlang der turkmenischen Grenze nach Urgentsch. Von dort sind es nur noch 25 Kilometer bis Chiwa, das seinen mittelalterlichen Charakter bis heute erhalten hat. Noch immer ist die Oase komplett von einer Stadtmauer umgeben. Der Ort wirkt wie ein großes Museum.

Die Oasestadt Chiwa, Usbekistan
Die Oasenstadt Chiwa am Rand der Kizilkum-Wüste war bereits vor mehr als 1.000 Jahren ein bedeutendes Handelszentrum. Foto: Claus Lingenauber

Doch abseits der Sehenswürdigkeiten und Souvenirstände leben Menschen. Als unsere kleine Gruppe vor einem Haus steht, in dem offenbar eine Feier stattfindet, werden wir spontan eingeladen und bewirtet. Der jüngste Sohn ist, wie es islamischer Brauch ist, im Alter von fünf Jahren beschnitten worden. Alle wollen sich mit uns fotografieren lassen. Und die Augen in den faltigen Gesichtern der Alten strahlen beim Lachen mit ihren Goldzähnen um die Wette. Die Menschen hier sind unglaublich gastfreundlich, offen und interessiert. Zum Schluss verabschieden wir uns mit einem herzlichen „Rahmat!“, wie „Danke!“ auf Usbekisch heißt.

reisereporter Claus Lingenauber (vierter von rechts) bei einer usbekischen Familienfier in Chiwa.
Cheeeeese: reisereporter Claus Lingenauber (vierter von rechts) bei einer usbekischen Familienfier in Chiwa. Foto: Claus Lingenauber

Die Waggons schaukeln leicht, das rhythmische Rattern der Räder wirkt einschläfernd. Die Kabinen sind praktisch, aber für zwei Personen doch recht eng. Und nicht alle haben eine eigene Dusche. Auf gehobenen Komfort muss man bei dieser Kreuzfahrt auf Schienen verzichten können.

Zugchefin Galina Lebedowa, eine 56-jährige Russin, hat auch so ihre Erfahrungen gemacht: „Der erste Tag ist der schwierigste. Danach werden die Gäste aber immer entspannter. Man rückt zusammen. Das verbindet und verändert die Verhaltensweisen. Trotzdem schätzen es die Passagiere, dass in den größeren Städten auch regelmäßig Hoteltage eingestreut werden.“

Maximal 102 Reisende passen in den Silk Road Orient Express. Das Zugpersonal besteht aus 42 Personen – jeder Waggon hat zwei zuständige Betreuer, dazu kommen Köche und Küchenpersonal, Servicekräfte im Restaurant, zwei Bordmechaniker und ein Arzt. Da das Durchschnittsalter der Reisenden eher höher ist, eine beruhigende Maßnahme.

Gäste im Silk Road Orient Express beim Frühstück im Speisewagen.
Das Publikum im Silk Road Orient Express, hier beim Frühstück im Speisewagen, ist international. Foto: Claus Lingenauber

Der Zug hat zwei Restaurantwagen, gespeist wird in zwei Schichten. Der obligatorische Wodka nach dem Dessert sorgt für ein fröhliches Durcheinander von „Prost!“, „L‘chaim!“, „Cheers!“, „Salute!“ oder „Sante!“. Zum Schluss aber einigt man sich doch auf „Na sdorowje!“. Das Publikum ist international. Zwar sind die Deutschen in der Mehrheit, man hört aber auch Englisch, Hebräisch, Französisch und Spanisch. Viele Gäste sind große Eisenbahnfans.

Schließlich kommt der Zug am Bahnhof von Samarkand an. Von hier aus hat Timur Ende des 14. Jahrhunderts ein Reich aufgebaut, das bis nach Kleinasien und Indien reichte. Sein Hang zu Gewalt und Brutalität ist ebenso legendär wie sein Interesse an Wissenschaft, Architektur und Kunst. Heute wird Timur als usbekischer Nationalheld gefeiert. Sein jahrhundertealtes Mausoleum ist beeindruckend, doch an die Herrlichkeit der Moscheen und Medresen am Registan-Platz reicht es nicht heran. Die Schönheit des Ensembles nimmt einem den Atem und lässt Vergleiche mit dem Taj Mahal aufkommen.

Das Samaniden-Mausoleum in Buchara aus dem 9. Jahrhundert.
Seltenes Baudenkmal: Das Samaniden-Mausoleum in Buchara aus dem 9. Jahrhundert ist kulturgeschichtlich bedeutend. Foto: Claus Lingenauber

Eine Reisegruppe usbekischer Männer mit traditioneller Kopfbedeckung erzählt uns, dass sie aus dem Ferganatal kommen und sich die Bauwerke der Stadt ansehen wollen. In erster Linie aber zieht es sie zum Grab des im September verstorbenen Präsidenten. Islam Karimow war zu Sowjetzeiten Generalsekretär der Kommunistischen Partei in Usbekistan und regierte das Land seit der Unabhängigkeit 25 Jahre lang autokratisch mit harter Hand. Trotzdem ist die Schlange vor seinem Grab lang und die Menschen zeigen echte Trauer.

Frauengruppe in traditioneller Tracht am Grab des verstorbenen Präsidenten Islam Karimow.
Eine Frauengruppe aus dem Ferganatal besucht das Grab des verstorbenen Präsidenten Islam Karimow. Foto: Claus Lingenauber

Eine Frau mit Kopftuch und bunter Tracht sagt uns, als wir sie über unseren Dolmetscher fragen lassen, was sie von Karimow hält: „Er war ein guter Präsident. Er hat viel für unser Land getan.“ 25 Jahre relativer Ruhe und ein bescheidener Aufschwung hinterlassen Spuren. Angesichts der Wirren im Nachbarland Afghanistan scheint Stabilität hier schon ein Wert an sich.

Auf der anderen Straßenseite ist der große Basar von Samarkand. Ein orientalisches Kaleidoskop wie aus dem Bilderbuch. Lange Stände mit süßen Leckereien, Säcke voller Gewürze, Gemüse, so weit das Auge reicht – es riecht nach geschlachteten Tieren und frischem Brot.

Eine Bäuerin verkauft auf dem Markt in Samarkand frisches Gemüse
Eine Bäuerin verkauft auf dem Markt in Samarkand frisches Gemüse Foto: Claus Lingenauber

Hier vibriert das Leben, hier sind die Toten gegenüber ganz weit weg. Die Sonne verschwindet langsam hinter der Kuppel der Bibi-Chanum-Moschee und wirft lange Schatten über die Verkaufsstände. Das noch warme Brot schmeckt köstlich. Und man kann sich vorstellen, wie sich die Karawanen einst gefühlt haben, wenn sie nach Wochen oder Monaten der Entbehrungen die Pracht dieser Stadt erlebten.

Eine Frau auf dem Basar von Samarkand (Usbekistan) verkauft Brot.
Über anders: Eine Frau auf dem Basar von Samarkand verkauft Brot – in jeder Region gibt es andere Varianten. Foto: Claus Lingenauber

Die usbekische Küche

Die Usbeken gehören zu den Turkvölkern und so verwundert es nicht, dass es bei den Gerichten manche Ähnlichkeiten mit der türkischen Küche gibt. Auch hier wird vieles im Tandur zubereitet, dem im Orient weitverbreiteten Lehmofen. Doch die Raffinesse und Vielfalt fehlen. Schon auf den Märkten fallen die vielen eingelegten Gemüse auf.

Hier zeigt sich weiterhin der russische Einfluss. Mehr als 5 Prozent der Bevölkerung sind immer noch Russen. Auf den Speisekarten gibt es überall noch Borschtsch, Soljanka und Piroggen. Und auch die gegrillten Fleischspieße erinnern geschmacklich eher an fade und zähe Schaschliks als an köstliche und zarte Kebabs.

Plow ist das usbekische Nationalgericht.
Plow ist das usbekische Nationalgericht. Foto: Claus Lingenauber

Das Nationalgericht ist allerdings Plow – eine Art Pilaw. Und das schmeckt in der Regel köstlich. Reis, Zwiebeln, Knoblauch, Möhren, Öl, Kreuzkümmel, Salz, Pfeffer und Wasser werden in einen gusseisernen Topf gegeben, dann köchelt die Masse langsam vor sich hin. Zum Schluss werden Petersilie oder Koriander hinzugefügt und das Ganze wird heiß serviert. Manche legen zur Dekoration noch ein hart gekochtes Ei in die Mitte.

Dazu gibt es frisch gebackenes usbekisches Brot. Jede Region hat ihre eigene Variante. Und ein Ornament, das auf den Teig gestempelt wird, dokumentiert die Herkunft. Schon der Duft lässt einem das Wasser im Mund zusammenlaufen. Die Usbeken nehmen für ihr Plow meist Hammel- oder Pferdefleisch. Für unseren Geschmack sollte es jedoch schon Lamm sein

In Verkäufer in Buchara (Usbekistan) präsentiert seine Brote.
Die ins Brot gestempelten Ornamente verraten dessen Herkunft. Foto: Claus Lingenauber

Tipps für die Reise im Silk Road Orient Express

Anreise: Uzbekistan Airways fliegt ab Frankfurt am Main nach Taschkent, Turkish Airlines bietet von zahlreichen deutschen Flughäfen Flüge über Istanbul nach Taschkent an.

Einreise: Für die Einreise nach Usbekistan ist zusätzlich zum Reisepass ein Visum notwendig. Es muss vorab bei der Botschaft beantragt werden und gilt für einen genauen Zeitraum und Reisezweck.
Botschaft der Republik Usbekistan, Perleberger Straße 62, 10559 Berlin, Telefon: (030) 3 94 09 80.

Beste Reisezeit: Die Sommer sind lang, heiß und trocken, die Winter sehr kalt. Weil es nur sehr wenig regnet, gibt es viele Wüstenregionen. Regen fällt vor allem in den Monaten Dezember bis April. Zwischen Juni und September ist es eher trocken. Im Sommer müssen Besucher allerdings mit Staubstürmen rechnen.

Literatur: Einen guten Überblick über das Land gibt der Reiseführer „Usbekistan – entlang der Seidenstraße nach Samarkand, Buchara und Chiwa“, Trescher Verlag, 18,95 Euro.

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