Die Sonne steht senkrecht am Himmel. Zwei Dutzend Gärtner befeuchten die ausgedörrten Grünflächen. In der Luft vermengt sich der trockene Geruch von Staub mit dem frischen Dunst, der von der weitläufigen Parkanlage emporsteigt. Ein feuchter Schleier legt sich über den von der Mittagssonne aufgeheizten Imam-Platz in Isfahan. Am südlichen Rand ragen die 42 Meter hohen Minarette der prächtigen Imam-Moschee in den Himmel. Dahinter erhebt sich die mächtige Zwiebelkuppel.

Tausende Kacheln mit floralen Ornamenten tauchen das Gotteshaus in intensive Farben aus Türkisblau und Sonnengelb. Vor den schattigen Arkaden fahren Kutschen. Das  Hufgeklapper der Pferde bildet einen eigentümlichen Rhythmus mit dem an- und abschwellenden Stimmengewirr der Menschen. Familien picknicken auf der Wiese, Kinder fahren Rad in den Pfützen der ausgetrockneten Springbrunnen, junge Männer trinken Tee und spielen Backgammon.

Isfahan: Diese Fata Morgana ist real

Wer von der Zehn-Millionen-Metropole Teheran durch karge Landschaften gen Süden fährt, dem kommt Isfahan wie eine Fata Morgana vor. Inmitten der Salzwüste schmiegt sich die einst wichtigste Handelsstadt Persiens mit ihren blühenden Gärten zwischen die wuchtigen Gipfel des Zagros-Gebirges. Der Meidan-e Emam, wie der Platz offiziell heißt, gehört zu den größten öffentlichen Plätzen der Welt und zählt neben 16 weiteren Stätten im Iran zum Weltkulturerbe. Früher wurde hier gehandelt, gefeiert, Gericht gehalten und Polo gespielt. Als einer der schönsten Plätze im Vorderen Orient offenbart er dem Besucher heute, welche Schätze das ehemalige Persien in sich birgt. Im 17. Jahrhundert von Schah Abbas I. erbaut, vereinte er mit Basar und Moscheen zugleich Weltliches und Göttliches. Mit der islamischen Revolution 1979 geriet die jahrtausendealte Kultur Persiens, dem ersten Weltreich der Geschichte, jedoch in Vergessenheit.

 Unter Präsident Hassan Rohani scheint sich das Land der Welt wieder anzunähern. So will „Hassan, der Türöffner“ auch mehr Touristen ins Land locken. Aus einer Werkstatt am Meidan dringt stakkatoartiges Klopfen. Konzentriert schlägt Navid Roshan auf einen Nagel, dessen Spitze filigrane Muster in eine Silbervase zieht. „Ich versuche den Zauber des Platzes in meinen Objekten einzufangen und den Menschen so ein Stück davon mit nach Hause zu geben“, sagt der 22-Jährige. In seiner Familie hat das Schmiedehandwerk eine lange Tradition.

Die Iraner wünschen sich den Austausch

Wenige Schritte entfernt wird im großen Basar um Gewürze, Kupferwaren und Teppiche gefeilscht. Der süßlich-fruchtige Duft von Wasserpfeifen zieht durch die vielen Gänge. Es ist wie eine Kulisse aus Tausendundeiner Nacht. Die Iraner selbst haben sich nie von der Welt abgewandt – im Gegenteil: Überall ist deutlich spürbar, wie sehr sie sich den Austausch wünschen, eine Öffnung des Landes. „Willkommen im Iran“, ruft ein bärtiger Mittfünfziger von seinem Kutschbock herunter, während er ein Touristenpaar über den Meidan fährt. Eine Gruppe von Schülerinnen bietet Eis zum Probieren an. Ablehnen kommt nicht infrage. „Woher kommt ihr? Wie gefällt euch der Iran?“, fragen sie neugierig. Eine Familie möchte ein Foto, schon bittet der Nächste um eine Aufnahme.
 
Iran-Reisenden passiert das ständig. Die Menschen sind unglaublich gastfreundlich und offen. „Die Jugend ist sehr modern, sehr gebildet und westlich orientiert – auch die jungen Theologen haben eine moderne Denkweise“, erzählt Reiseführer Amir Nazeri. Die Glorie des verstorbenen Revolutionsführers Ajatollah Khomeini scheint mit der aufstrebenden jungen Generation zu verblassen. Noch blickt der geistliche Führer mit strengem Blick allgegenwärtig von Plakaten, Fotos in Hotels oder Arztpraxen. Am Meidan hängt er gut sichtbar am Ali-Kapu-Palast. Unbeeindruckt von seinem Antlitz verteilt eine junge Studentin Visitenkarten mit ihrer Facebook-Adresse. Die Website ist im Iran gesperrt. Aber: „Wir finden für alles einen Weg“, sagt die 25-Jährige. Sie will Kontakte knüpfen in die ganze Welt. Ihr Blick ist voller Zuversicht, die unter dem Kopftuch hervorquellenden Haare unterstreichen ihre braunen Augen.
 
Trotz Verhüllungspflicht nehmen es vor allem junge Frauen in Städten wie Isfahan mit der Vorschrift nicht mehr so genau. In Schiras befindet sich eine der wichtigsten Pilgerstätten der iranischen Schiiten. Zwei Brüder des achten Imams, eines bedeutenden Nachfahren des Propheten Mohammed, haben hier ihre letzte Ruhestätte. Ins Heiligtum Schah Tscheragh werden nur mit Tschador bekleidete Frauen eingelassen – streng konservativ. Wer keinen besitzt, kann sich eines der Tücher leihen, die den Körper von der Stirn bis zum Knöchel bedecken. Zunächst wirkt es befremdlich. Doch jedes bedrückende Gefühl weicht, wenn du den gigantischen Innenhof durch die schmale Pforte betrittst. Zur Abenddämmerung verfärbt sich der Himmel in tiefes Indigo.

Das wahre Wesen der islamischen Religion

Das Blau des Abends wird zum Türkis der Kacheln auf den beleuchteten Kuppeln. Die Grenze zwischen Himmel und Erde verschwimmt. Aus den Lautsprechern klingen die melodischen Rufe des Muezzins. Andächtig sitzen die Gläubigen auf einem riesigen Gebetsteppich im Freien. Die Innenräume des Schreins sind mit prächtigen Spiegelmosaiken ausgekleidet. Plötzlich taucht ein Stromausfall alles in Dunkelheit. Dutzende Handybildschirme flackern auf, die Wände spiegeln das Licht. Alles glitzert. Das Heiligtum ist voller Energie, fast körperlich spürbar.
 
Dort offenbart sich dem Besucher das wahre Wesen von Religion, fernab von Fanatismus und Zwang: Der Glaube ist Lebensweg. Islam, Religionspolizei, Scharia wenn Amir Nazeri Touristengruppen durchs Land führt, sind das gefragte Themen. „Viele kommen, um sich ein eigenes Bild zu machen, auch Amerikaner, die besonders von negativen Medienberichten beschallt werden“, sagt der 31-Jährige. Wer den Iran bereist, entledigt sich nicht nur mancher Vorurteile, sondern wird überrascht von der Vielfalt des Landes, auch klimatisch ist der Iran von Gegensätzen geprägt: ewiger Schnee, subtropische Küsten, heiße Wüsten – ein Eldorado für Naturliebhaber.
 
Touristisch ist diese Sparte noch wenig erschlossen. In der Nähe von Matinabad am Rande der großen Salzwüste finden Abenteurer jedoch bereits ihre Erfüllung. An Granatapfelplantagen und ebenerdigen Häusern mit runden Lehmkuppeln führt der Weg hinaus aus dem Ort. Nach kurzer Fahrt erreichst du das Wüstencamp.

Leben und Reisen wie die Nomaden

Das Begrüßungsgetränk schmeckt blumig und zuckersüß. „Es ist mit Rosenwasser angereichert, für das die Stadt Schiras berühmt ist“, erklärt der Gastgeber mit dem grau melierten Bart und den sanften Augen. Übernachten können Reisende hier in geräumigen Zelten – wie Nomaden, rund 40.000 wie die Kaschgai wandern noch traditionell im Iran. Sie sind nur spartanisch mit Matratze und jeder Menge warmer Wolldecken bestückt. Das sollte nicht abschrecken: Der wahre Luxus zeigt sich, wenn du nachts von unbeschreiblicher Stille eingehüllt wirst. Immer wieder durchdringen sonore Grunzlaute die Ruhe. Es sind die Rufe von Kamelen.
 
Neben Trekking- und Biking-Ausflügen zum großen Salzsee werden auch Kameltouren angeboten. Zwischen den Höckern wankend führen die Tiere ihre Reiter in einsame Sanddünengebiete. Sie folgen dem Pfad, auf dem schon einst ihre Vorfahren in Karawanen auf der Seidenstraße die Kaufleute zu wichtigen Handelsstädten wie Isfahan brachten. Sand, Sonne und Hitze trotzend verschmelzen sie beinahe mit dem wüstenroten Panorama, das schon so viele Märchenmacher inspirierte. Im Iran können Reisende ihn selbst erleben: den Traum von Tausendundeiner Nacht.