Plädoyer: Reisen? Bitte ohne Kamera! | reisereporter.de

Plädoyer: Wie wertvoll eine Reise ohne Kamera ist

Wer aus seine Reise eine Foto-Show macht ist selber schuld, findet reisereporterin Isabell Prophet. Leider haben wir uns schon so sehr daran gewöhnt…

Frau mit Kamera im Urlaub am Meer bei Sonnenuntergang.
Kamera als Grundausstattung für jede Reise? Nicht für reisereporterin Isabell Prophet. (Symbolfoto)

Foto: unsplash.com/Jean Gerber

Einmal, im Winterurlaub, schnorchelte ich gerade vor der mexikanischen Küste über einer sehr großen Schildkröte her, als ein Wal mich rammte. Das kam unerwartet.

Gerade eben war alles noch ganz friedlich gewesen. Ich trieb, die Schildkröte trieb, neon-gesprenkelte Fische trieben um uns herum. Es war ein ausgesprochen friedlicher Moment. Wir ließen einander in Ruhe.

Nach dem Motto: Film oder stirb

Und dann kam ein walgleicher Amerikaner mit seinem Unterwasser-Selfie-Stick mit Kamera dran und stieß sich unwirsch an mir ab. Ein ziemlich sinnloses Unterfangen. Er hatte etwa das Doppelte meiner Masse und bewegte mehr von mir als von sich selbst. Ich spuckte Meerwasser ins Meer. Hilflos ruderte er auf die Schildkröte zu, die (ich schwöre!) sehr missbilligend guckte und dann würdevoll wegschwamm. Hätte ich an ihrer Stelle auch gemacht. Der sah nicht aus, als hätte er eine Drehgenehmigung.

Aber er hatte eine Kamera. Und das gab ihm das Gefühl, jedes Recht auf Raum zu haben. Schließlich war dieser Moment unwiederbringlich. Es galt also: film oder stirb. Unnötig zu sagen, dass er für den Rest des Ausflugs so weiter machte, schließlich davontrieb und von der Tourchefin unter Gebrüll wieder eingefangen werden musste.

Ich bin böse, Entschuldigung. Aber was soll die Filmerei? Und wieso ist sie wichtiger, als die Welt drum herum? Ich sehe Menschen, die eine Straße herunter gehen und dabei ihre Kamera am langen Selfie-Stick nicht aus den Augen lassen. Ich sehe Foto-Sessions vor malerischer Kulisse und während die Sonne hinter dem Dschungel versinkt, haben die Menschen nur Augen für den Fotografen. Haare werden gerichtet, Muskeln in Pose gespannt und Kinder müssen extra-niedlich gucken, sei süß in drei… zwei… eins – Klick.

Danke, reicht.

Ich liebe Fotos. Ich halte Instagram für ein wertvolles Tool, um Erinnerungen an schöne Momente am Leben zu erhalten. Scrolle ich durch, weiß ich wieder, wie glücklich ich war, als ich in Potsdam auf dem Stand-Up-Board schwitzte oder in Marokko über die Hügel schaute. Ich fotografiere gern, ich sehe mir die Bilder gern an.

Aber drei Typen von Fotografen irritieren mich:

  1.  Menschen, die Postkartenmotive fotografieren – oder es versuchen. Da kaufe ich mir lieber eine Postkarte, das kostet mich weniger Urlaubszeit und ausgedruckt ist sie dann auch schon.
  2. Menschen, die Fotosessions veranstalten – obwohl sie doch FREI haben.
  3. Menschen, die ihre Reise nur noch durch ein Display erleben.

Ich versteh’s nicht

Das Phänomen zieht sich durch alle Zeiten. Seit wir reisen, lenken wir uns ab. Als ich klein war, hatten alle Gameboys. Ich wollte lieber Musik von meinem tragbaren CD-Player hören, als die Reise bewusst zu genießen. Ein Hotelzimmer ohne Fernseher? Ohne mich. Wer es sich leisten konnte, hatte früher einen Camcorder. Und als Michael den Farbfilm vergaß sang Nina Hagen ihm einen bitterbösen Song.

Doch die Fotografie war lange etwas Elitäres. Eine gute Kamera musste man sich leisten können – und man musste sie bedienen können. Wer verzaubernde Urlaubsfotos mitbrachte, der hatte Herrschaftswissen bewiesen, die geradezu übermenschliche Fähigkeit, die verkratzte Realität in einem glanzvollen Moment zu erwischen.

Unter einer Spiegelreflex mit Vollformat-Sensor und Objektiv mit variabler Blende war das überhaupt nicht zu machen. Heute sind die Dinger bezahlbar und wie sie funktionieren steht im Internet. Auch deshalb nervt uns die Allgegenwärtigkeit der Foto-Linsen so sehr: Sie sind nichts besonderes mehr. Fotografen sind entzaubert.

Fotos ersetzen das bewusste Erlebnis

Das Problem lag noch nie in den Geräten an sich. Das Problem liegt in unserem Umgang mit ihnen. Ein Teil der Begründung liegt im Reiz des Neuen: Ich habe eine neue Kamera, ich habe einen neuen Selfie-Stick – ich will das Zeug auch ausprobieren. Und plötzlich ist die Technik wichtiger, als die Reise, für die sie angeschafft wurde. Irgendwie ironisch, oder? Ich fahre nach Mexiko, kaufe mir extra eine Kamera und dann hänge ich die ganze Reise über vor dem winzigen Display. Schade.

Ich überlege mir sehr genau, ob ich zusätzlich zu meinem Smartphone überhaupt noch eine Kamera mitnehme. In der Regel lautet die Antwort: Nein. Meine Spiegelreflex wiegt anderthalb Kilo, mein Lieblingsobjektiv, eine Festbrennweite, schlägt noch einmal 300 Gramm drauf. Für einen relaxten Urlaubstag ist das einfach zu viel.

Außerdem macht so eine Kamera etwas mit den Menschen. Sie ist schwer, groß, auffällig. Sie zieht die Aufmerksamkeit an sich und versteckt den Fotografen hinter sich. Wer fotografiert, der ist beschäftigt. Für Reiseblogger oder eine Foto-Tour mag das gut und richtig sein, sie brauchen die Aufnahmen. Doch wer für Erlebnisse und Gefühle reist, der verpasst etwas.

Warum zuhause Bilder von etwas anschauen, das wir gar nicht bewusst erlebt haben? Warum zuhause Bilder von etwas anschauen, das nur inszeniert war? Das weckt keine Emotionen, das ist purer Narzissmus, ausgelebt auf Instagram.

Fotos werden so um ihren nostalgischen Wert gebracht. Die Kamera ist dann wie der Korken, der uns vom Aroma des Weines trennt. Zeit, ihn zu ziehen.

Und die Leute mit den Selfie-Sticks? Ich glaube, ich kaufe mir für meine nächste Reise auch einen. Und probiere es einfach mal aus. Nicht der Selfie-Stick versaut mir den Urlaub, sondern mein Umgang damit. Ich erzähle hinterher, wie’s gelaufen ist. Wenn ich mich nicht mehr melde, schickt Pizza. Denn dann bin ich vermutlich vor ein Auto gelaufen.

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