Nichts für Föhnfrisuren. Herríðarhóll liegt auf einem Hügel. Nur das Farmhaus und die Stallungen trotzen dem Wind, die flachen Büsche ringsum ducken sich. Freier Blick kilometerweit. Majestätisch thront die Hekla (isländisch für Haube) in Sichtweite, auch im Sommer ganz in Weiß.

Inmitten der sattgrünen Wiesen glitzern kleine Seen. Üppiges Grün umgibt auch den Skogafoss, den großen Wasserfall im Süden Islands. Er ergießt sich auf 25 Metern Breite rund 60 Meter in die Tiefe. 

Das ist Island: Landschaft im Überfluss. Mittendrin tummeln sich die „Pulloverschweine“. Rund 300 Mutterschafe gehören zum Hof. Im Mai verlassen sie samt Nachwuchs den Stall. Bis September schlagen sich die Tiere im Freien durch. Meist als Trio, denn Zwillingsgeburten sind typisch für die Rasse. Wer sie fotografieren will, braucht ein gutes Teleobjektiv. Unter der dicken Mähne stecken scheue Sprinter.

Die Pferde hier sind berühmt

Berühmt ist Herríðarhóll aber für seine ganz großen Tiere. Seit Generationen werden auf dem Hof Pferde gezüchtet. Der Hengst Stormur ist inzwischen ein Star auf der Insel. In den vergangenen drei Jahren wurde er Landesmeister im Tölt. Die typische Gangart der Islandpferde ist europäischen Festlandrassen weggezüchtet worden. Sie wirkte nicht elegant genug, weil die Schwebephase fehlt. Schlecht fürs Auge, aber gut für den Rücken. Denn auf den flinken Tieren sitzt der Reiter fast erschütterungslos. Stormur ist inzwischen als Deckhengst im Einsatz.

Nur drei Monate sind die Pferde auf dem Hof. Nach dem Schafabtrieb im September geht es raus. Erst im Mai kommen die robusten Tiere zurück. Dann müssen sie wieder an Zaumzeug und Training gewöhnt werden. Um die Gesundheit ihrer Pferde sind die Isländer sehr besorgt. Tiere, die die Insel einmal verlassen haben, dürfen sie nicht wieder betreten – damit keine Krankheiten eingeschleppt werden.

Islands Strand ist pechschwarz

Zu den tierischen Aushängeschildern des so unverfälschten Landes gehören auch die putzigen Papageientaucher. Du brauchst etwas Glück, um die markanten Vögel zu entdecken. Sie kommen nur zum Brüten an Land. Der Strand von Vík, kurz hinter dem Südzipfel der Insel, verspricht Erfolg. Oben an der Klippe herrscht häufig reger Flugbetrieb.

Selbst aus der Ferne sind sie mit sechs bis sieben Flügelschlägen pro Sekunde gut auszumachen. Das Wasser aber ist ihr eigentliches Element. Papageientaucher können mehr als eine Minute abtauchen. Elegant ziehen sie ihre Bahnen bis zur Beute: Sandaale. Wer den Schnabel voll hat, fliegt heim. Wie die Tiere ihre Höhle unter den vielen herausfinden, bleibt ihr Geheimnis… 

Unterhalb der Brutkolonie liegt ein spektakulärer Strand. Sein pechschwarzer feinkörniger Sand ist ein Schmuckstück für die heimatliche Sammlung. In respektabler Entfernung ragen fast 70 Meter hohe Felszinnen aus dem Meer: zwei versteinerte Trolle, so heißt es, die des Nachts einen Dreimaster an Land ziehen wollten. Am Morgen von der Sonne überrascht, erstarrten sie. Bis heute stehen sie da – wie ein Mahnmal gegen Müßiggang.

Nötig haben die Isländer das nicht. Zupackend und unkompliziert, wie sie sind. Òlafur Eggertsson zum Beispiel, Landwirt auf Thorvaldseyri. Vor seinem Hof liegt die schmale Schwemmland-ebene, im Rücken der weiße Riese aus dem Zungenbrecherland: Eyjafjallajökull. Als der Vulkan am 14. April 2010 ausbricht, sitzen die Eggertssons schon auf gepackten Koffern. Die Katastrophe hatte sich angekündigt. Nach zehn Tagen Evakuierung kehren sie zurück und stehen fassungslos vor ihrem Zuhause.

Eyjafjallajökull: Museum im Schuppen

Ein Jahr später eröffnet die Familie im ehemaligen Geräteschuppen ein privates Museum. Schautafeln und Fundstücke sind hier zu sehen, aber es gibt auch einen beeindruckenden Film. Gezeigt werden der Ausbruch und die Zeit danach. Tonnenschwer liegt die Asche auf der Farm. Wohnhaus, Ställe, Felder und Wege – alles grau und leblos. Sturzbäche des geschmolzenen Gletschers haben die Wasserleitung des Hofes mitgerissen, ebenso Brücken und Straßen. Bilder zum Verzweifeln. Die Fotos, die Òlafur Eggertsson von seinem Besitz macht, gehen um die Welt. Nachbarn, Freunde und auch Fremde eilen der Familie zu Hilfe. Rund 400 Tonnen Asche schaufeln sie auf dem Gehöft beiseite.

Fünf Jahre später ist Gras über die Sache gewachsen. Und was für welches. Der Vulkanasche verdanken die Böden ihre Fruchtbarkeit. Die Farm gehört zu den bekanntesten des Landes. Im Museumsshop wird die Asche jetzt zu Kohle. Die kleinen Gläser für ein paar Euro gehen gut, ebenso die Lavabrocken.

Lautlos an Eisbergen vorbei

Babylonisches Sprachgewirr herrscht auch an der Gletscherlagune Jökulsárlón. Zumindest am Kassenhäuschen für die Bootstour. Später an Bord wirkt die Stille des Naturwunders ansteckend. Lautlos ziehen mächtige Eisberge vorbei. Rund 1.000 Jahre haben sie gebraucht, vom Gipfel des Gletschers bis hier unten. 

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Nur beim Themenabend auf Arte kommst du den kalten Riesen sonst so nah. Kristján, der Mann am Steuer, fischt ein kleines Stück heraus. Es ist glasklar. Schmeckt nach nichts. Besonders dekadente Zeitgenossen sollen sich isländisches Gletschereis für den Whiskey nach Hause schicken lassen. Wer den Reiseführer aufmerksam gelesen hat, hat vorgesorgt und gönnt sich den Genuss am Ufer des mit 248 Metern tiefsten Sees der Insel. Skál!