Jeder Tisch ist besetzt. Schneiderinnen und Modeberaterinnen kreuzen mit Stoffmustern durch den Raum, die Klimaanlage hat mich nach drei Minuten auf die Temperatur eines guten Mojitos runtergekühlt, nur den Mücken, denen geht es gut. Sie surren gemeinsam mit einem leisen Stimmengewirr um mich herum. 

So viele Menschen. 

Ich fühle mich ein bisschen wie bei einer Messe. Dabei gibt es hier nun wirklich nichts umsonst. All die Menschen sind genau wie ich einer Internet-Empfehlung gefolgt. Und nun sitzen wir hier. 

Im vietnamesischen Hoi An habe ich ein interessantes Phänomen beobachtet: Die Verkaufsräume dieser einen Schneiderei sind voll, mindestens zwei Dutzend Mitarbeiter wirbeln Stoffe und Schnittmuster durch den Raum. Doch als ich am später am Tag durch die Straßen gehe, sind die anderen Schneidereien leer. Meist stehen im Eingang zwei identisch gekleidete Damen und versuchen, ihre Langeweile unter Eleganz zu verstecken.

Dabei – und das ist dann doch ein wenig verdächtig – stehen vor fast jeder Tür die gleichen Puppen mit den gleichen Kleidern, den gleichen Anzügen, den gleichen Stoffen. Blau, knielang, weiße zerbrochene Streifen, am Hals zusammengerafft. Selbst das blaue Männerhemd mit den Handteller-großen gelben Blüten ist kein Unikat – wird dafür aber auf Wunsch maßgeschneidert.

Platz 1 regiert den Touri-Markt

Hoi An wurde für mich zum Extrembeispiel eines Phänomens, das ich an vielen Touristenorten dieser Welt beobachtet habe: Wer auch immer gerade an Platz 1 der Bewertungsportale steht, der zieht die Kunden an. Und zwar in Massen. Das gilt für Schneidereien in Hoi An, Restaurants in Mérida, Cafés in Mailand, Bootstouren auf Sardinien. Platz 2 und 3 haben noch Chancen, weil einige Nutzer den Massen aus dem Weg gehen wollen. Doch danach wird es mancherorts schon kritisch. Und schwierig für die Betreiber. 

"Shake Shack " #shakeshack #madisonsquarepark

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Suche ich bei Google nach „Restaurant in Granada“, macht mir die Suchmaschine erst einmal selbst einige Vorschläge. Jedes wurde schon 200 bis 300 mal bewertet. Es folgen Tripadvisor und eine Granada-Fanseite, dann einige deutsche Nachrichten- und Unterhaltungsseiten.

Portale lösen das Informationsproblem

Für uns Reisende ist das eine großartige Sache. Online-Bewertungen bestechen durch Masse, das macht sie authentisch. Wenn 250 Menschen in einem Restaurant gegessen haben und der Service ist einfach mies bewertet, dann weiß ich schon, was mich erwartet. Entweder ich gehe woanders hin, oder ich traue mich hinein, weil die Paella so verdammt lecker sein soll. 

Unser Gehirn macht jetzt etwas sehr interessantes: Es scannt jede Bewegung im Raum auf seine Erwartungen ab. Und dabei sammelt es alles ein, was zur These „unfreundlicher Service“ passt. Deshalb wird es Restaurants sehr schwer fallen, schlechte Bewertungen wieder loszuwerden. Sie sind jetzt da. Und die Kunden erwarten das, was ihnen angekündigt wird.

„Wenn das Management nichts tut, kriegst du keine Bewertungen“

Im ägyptischen Dahab habe ich die Kanadierin Natassa Gelinas kennengelernt; sie hat auch in Spanien, Portugal und auf den Philippinen gearbeitet. Derzeit arbeitet sie im „Box Meal“, einem chinesischen Restaurant am Roten Meer. Es ist ein ungewöhnlicher Ort. Chinesisch essen im Sinai? Nichts, worauf man kommen würde.

Natassa und ihre Kollegen freuen sich deshalb über jede Bewertung, sie bitten ihre Kunden auch darum. „Viele vergessen es einfach“, sagt sie. „Und wenn das Management nichts tut, dann kriegst du keine Bewertungen.“ Trotzdem schaut sie regelmäßig nach den neuen Kommentaren ihrer Gäste. 

Sind die Menschen manchmal ungerecht? „Manche Menschen sind einfach unglücklich. Aber die meisten bewerten sehr fair.“ Manchmal sogar ein bisschen zu nett. „Wenn die Bewertungen super sind, ist es schwer die Mitarbeiter zu motivieren, noch besser zu werden“, sagt sie im Scherz. Gleichzeitig fühle es sich verdammt gut an, wenn Kunden zu schätzen wissen, wie viel Mühe sie sich gibt. 

Vor Ort: Werbung mit den Portalen

In einigen Touristenstädten sieht man nun schon riesige Plakate von Tripadvisor hängen. Das Phänomen kennen wir von Hotels, die ihre Top-Bewertungen verschiedener Jahre in die Fenster am Eingang hängen. In Hoi An geht das schon einen Schritt weiter. Die Plakate zeigen die besten Nutzer-Kommentare – ob echt oder nicht ist hier schwer zu erkennen.

Bewertungsportale haben Macht – und es ist auch nicht alles schlecht.

Und wie so oft hängt am Ende alles vom Personal des Tages ab – und der Tageszeit! Wichtiger als jede Bewertung ist schließlich, ob der Koch gerade da ist und ob die Kellner bislang einen guten Tag hatten.

Doch trotz dieser Unabwägbarkeiten: Bewertungsportale haben Macht – und es ist auch nicht alles schlecht. Sie formen unsere Kaufentscheidungen – im Idealfall natürlich zum Besseren, wenn wir zum Beispiel eine Powerbank oder eine verlässliche Kamera für unsere Reisen kaufen.

Und in einer amerikanischen Studie gaben gerade 50 Prozent der Befragten an, dass sie regelmäßig im Netz schauen, bevor sie ein lokales Geschäft besuchen. Zwei Drittel der Leute gehen dann auch hin. Bewertungsportale nehmen uns als Konsumenten die Unsicherheit, das Produkt vor dem Kauf nicht zu kennen. 

Bewusst konsumieren

Idealerweise halten die Bewertungen von Menschen mit Erfahrung uns davon ab, die schlechteste Pizza der Welt zu essen. Und wenn es noch weiter geht, halten sie den Bäcker hoffentlich davon ab, die schlechteste Pizza der Welt überhaupt zu backen. Wenn wir dann noch lernen, dass nicht nur Platz eins Top-Qualität bietet, dann kann das ein richtig toller Urlaub werden. 

PS: Und nicht vergessen – gebt auch mal dem kleinen neuen Laden an der Ecke eine Chance. Der muss sich nämlich erst noch beweisen.