Portland: Wo Kiffen legal und trendy ist | reisereporter.de

Portland: Wo Kiffen trendiger Lifestyle ist

Statt zum Dealer gehen die Konsumenten in Designer-Läden, in denen sie sich den Rausch per Menükarte zusammenstellen. Der reisereporter über eine Stadt, die Marihuana nach der Legalisierung in ein hippes Lifestyle-Produkt verwandelt hat.

 

Eingangsbereich des Cannabis-Shops Serra in Portland, Oregon (USA).
Sieht aus wie das Hipster-Café um die Ecke, ist aber ein Cannabis-Shop: Serra in Portland (USA).

Foto: F. Ostermeyer

Es gibt da diese berühmte Mauer in der Innenstadt, auf der in leuchtend gelben Lettern auf schwarzem Grund steht: „Keep Portland Weird“. Ob nun Bewohner oder Touristen – sie alle sollen gefälligst dafür sorgen, dass Oregons Hauptstadt seltsam bleibt. Seltsam, weil man hier anders tickt, anders denkt, anders fühlt. Ein bisschen verrückter, merkwürdiger, freier und alternativer als sonst wo in den USA

Seit Oktober 2015 gehört zu diesem Freisein auch das High-sein. Kaum war Cannabis legalisiert, befreiten es die ideenreichen Portländer aus seiner süffigen Schmuddel-Ecke, um daraus ein schillerndes Freizeitvergnügen für Erwachsene zu entwickeln.

Mehr als 200 Dispensaries, so heißen jene Shops, haben seitdem allein in Portland eröffnet. Und so ist das Kiffen nach kurzer Zeit zu einem glamourösen Unterfangen geworden, für das sich Konsumenten in edel gestaltete Geschäfte begeben – nicht nur um neues Gras zu kaufen, sondern um dort auch über Sorten, Wirkung und Darreichungsformen zu fachsimpeln, wie andere über guten Whisky. 

High werden nach Menü: Welches Gefühl darf’s denn sein? 

Das „Serra“ im historischen Stadtzentrum, unweit des Banken- und Wirtschaftsviertels, ist solch ein Laden. „Quality Drugs“ steht dort in geschwungener Leuchtschrift, umrankt von sattgrünen Kletterpflanzen. Im Eingangsbereich sitzt ein junger Mann, der lässig-lächelnd die Pässe entgehen nimmt, um zu prüfen, ob man auch über 21 Jahre alt ist.  

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„Wart ihr schon mal hier? Nein? Dann wartet kurz, bis meine Kollegin kommt, um euch alles zu erklären.“ Wenig später wird die große Glastür zum Verkaufsraum geöffnet. „Hi! Na, wie läuft’s denn so?“, grüßt eine junge Frau mit langen, braunen Locken und Brille, deren brave Ausstrahlung eher vermuten ließe, dass sie uns etwas über klassische Musik oder Literatur erzählen will, statt über Rauschmittel. „Welches Gefühl darf’s denn sein?“ 

In dem hellen Verkaufsraum stehen gläserne Vitrinen in hölzernen Eichen-Rahmen, darin Designer-Bongs, Raucherbedarf und Merchandise-Produkte. Nebenan große, von Messinglampen beleuchtete Auslagen, in denen grüne, in Keramikschälchen gebettete Klümpchen, hübsch beschriftet in akkuraten angeordneten Reihen liegen. Aus Boxen gleiten Entspannungsmelodien in die ohnehin schon völlig entspannten Kunden-Ohren. 

Ja, welches Gefühl darf es sein?  „Wir haben sechs Emotionen in Angebot“, erklärt die lockige Verkäuferin weiter und deutet auf die aktuelle Menükarte. „Energie, Konzentration, Kreativität, Zufriedenheit, Entspannung und Schmerzfreiheit. Alles kombinierbar oder einzeln zu haben, ganz nach persönlichen Vorlieben.“

Ob gegen Schlaflosigkeit oder für spirituelle Erleuchtung – für jeden Bedarf ist ein Cannabiskraut gewachsen 

Bei „Cookies & Cream“ handelt es sich zum Beispiel um eine Sorte mit süß-cremigem Geschmack, die genau 23,58 Prozent THC enthält und Schlaflosigkeit wie Ängste vertreiben soll. Die Züchtung „Black Buddha“ (14,94 Prozent THC) kann zur spirituellen Erleuchtung beitragen und „Cherry Pie Kush“ (20,5 Prozent THC) zaubert einfach nur ein fettes, breites Grinsen ins Gesicht. So steht es jedenfalls im Emotions-Menü. 

Über den Auslagen hängen Lupen, durch die sich die einzelnen „Flowers“, wie die Pollen hier liebevoll genannt werden, aus der Nähe inspizieren lassen. Für absolute Nichtraucher gibt es feine, mit Cannabis-Extrakten versetzte Confiserie-Schokolade. Für Nichtkiffer, die nur den Geschmack mögen, sogar THC-freies Marihuana. 

Jede der über 50 Sorten auf der Gefühls-Karte wurde wissenschaftlich genaustens erforscht, getestet und klassifiziert. Da weiß man, was man hat, da kommen keine bösen Überraschungen. Und am Ende kommt alles in eine schicke, weiße Tüte mit edler Beschriftung. Gar nicht verrucht fühlt sich das beim Rausgehen an, sondern sehr nüchtern, kosmopolitisch und weltgewandt. 

Lifestyle-Kiffen als Marketing-Strategie

Hinter solchen Unternehmen, die es vermögen berauschende Pflanzen wie Apple-Produkte in Szene zu setzen, stehen kreative Menschen mit Visionen, die mit dem gängigen Kiffer-Image so gar nichts gemein haben. Eine von ihnen ist Chasity. Eine blonde, energiegeladene Frau Mitte 40, die sich in einem sanierten Industrie-Loft-Büro zwei Häuser weiter um neue Marketingstrategien für „Serra“ kümmert. Noch steckt alles in den Kinderschuhen, da ist noch viel Platz für Ideen.

„Wir wollen keine Drogen vermarkten, sondern ein Lebensgefühl“, erklärt sie. „Da kommen Bänker, erfolgreiche Geschäftsleute, gestresste Hausfrauen und mittlerweile immer häufiger fromme Menschen aus dem Bible Belt zu uns. Sie alle wollen erfahren, was Cannabis genau ist, was es mit ihnen macht und wir erklären es ihnen. Und weil wir wissen, was wir ihnen verkaufen und sie umfassend beraten, lernen unsere Kunden auch den verantwortungsbewussten Genuss.“

Eigentlich haben durch die Legalisierung alle nur Vorteile, findet sie. Der Staat verdient durch die Steuern ordentlich mit, die Polizei ist erheblich entlastet, da die einst so zahlreichen Cannabis-Delikte aus den Kriminalitäts-Statistiken herausfallen, und die Wissenschaft kann – speziell im medizinischen Bereich – frei und ungehindert forschen. Vor allem gibt es jetzt jede Menge neue Arbeitsplätze und die neue Cannabis-Kultur wirkt sich natürlich auch positiv auf den Tourismus aus. 

Am Ende wollen doch alle, dass Portland seltsam bleibt. Und ein bisschen high. 

Befürchten, dass halb Portland zugedröhnt durch die Straßen wankt, müsse auch niemand. „Der öffentliche Konsum ist ja nach wie vor verboten, man muss schon sein Tütchen im heimischen Wohnzimmer oder privaten Garten rauchen. Deshalb geht der Trend auch immer mehr Richtung  Microdosing, das wird gerade ganz groß“, sagt Chasity. Microdosing? Dabei ist die Dosis so gering, dass sie keine Wirkung im ganzen Körper, aber auf Zellebene enfaltet.

Wie sich der neue Edel-Rausch-Lifestyle in den nächsten Jahren entwickeln wird? „Wir werden natürlich weiter an neuen Konzepten arbeiten. Entweder die anderen Staaten ziehen mit der Legalisierung nach, oder es wird wieder illegal.“ Aber an Letzteres glaubt die Marketing-Expertin nicht, denn am Ende wollen doch alle, dass Portland seltsam bleibt. Und ein bisschen high. Aber bitte mit Stil.

 

Ganz ab von Cannabis-Shops hat Portland, noch viel mehr zu bieten. In unserem „kleinen Hipster Guide für Portland“ findest du von uns getestete und für gut befundende Restaurants, Bars, Shops und Inspirationen für deinen Besuch.

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