Hier läuft jeder gegen die Wetterwand. Schon am Flughafen. Willkommen in der 24-Stunden-Sauna Thailand. Versuche, nicht ins Schwitzen zu geraten, sind zwecklos. Wenn du dich an den dauertriefenden Schweißfilm auf der Haut aber erst mal gewöhnt hast, musst du feststellen: „Eigentlich wunderschön hier.“ Und viel besser als Kälte und Nieselregen daheim.

Wer im touristischen Süden des Landes auf der Insel Phuket landet, kommt nicht umhin, einen Abstecher nach Osten zu machen – hinein in die bizarre Landschaft aus Karstfelsen, die steil aus dem Wasser ragen. James Bond Island in der nördlichen Phang-Nga-Bucht (1974 landete Roger Moore als Geheimagent ihrer Majestät im Film „Der Mann mit dem goldenen Colt“ vor der beeindruckenden Kulisse der Insel) oder weiter südlich Phi Phi Island, Schauplatz des Films „The Beach“ (Hauptrolle: Leonardo DiCaprio), sind die großen Touristenmagneten. Wir fahren mit dem Boot mitten durchs Anziehungsfeld der beiden Pole und landen auf Koh Yao Noi, einer ruhigen Insel, die von Reisenden aus dem Ausland noch nicht überlaufen ist.

Koh Yao Noi – ein Stück vom Paradies

Das Eiland lässt sich sportlich per Mountainbike erkunden. Das steigert zwar die Schweißproduktion ins Unermessliche, aber der Fahrtwind trocknet die Tropfen. Vorbei an Reisfeldern und Mangrovenwäldern stößt man ins Innere der Insel vor. Der wilde Dschungel geht bald in geordnete Bahnen über. Rechts und links: Kautschukplantagen. Die Gummibäume stehen in Reih und Glied. An jedem hängt ein schwarzer Behälter, um den aus der aufgeschnittenen Rinde herauslaufenden Milchsaft aufzufangen. Tourguide Sak lässt am frischen weißen Latex schnuppern. Es stinkt erbärmlich. „Der Geruch des Geldes“, sagen die Einheimischen. Thailand ist der weltweit größte Produzent von Naturkautschuk. Viele Thais verdienen damit ihren Lebensunterhalt.
 
Wir geben auf dem Rad weiter Gummi, schwitzen, sind geschafft. „Zum Mittag zeige ich euch ein kleines Stückchen Paradies“, verspricht Tourleiter Sak. Mit einem der typisch thailändischen Langschwanzboote tuckern wir halb um Koh Yao Noi herum und stoßen auf die vorgelagerte Miniinsel Koh Kudu. Drei einzelne Karstfelsen trennen die versteckte, türkisfarbene Lagune vom Meer. Auf den ersten Blick eine James-Bond-Insel für Arme, auf den zweiten Blick dann doch nicht zu viel versprochen von Sak. Wir gönnen uns ein Picknick im exklusiven Paradies. Nur das Wasser bietet leider nicht die erhoffte Abkühlung. Es ist fast so warm wie die Luft. Auch das Meer an der Westküste Phukets ist ziemlich aufgeheizt.
 
An den Stränden geht es cooler und entspannter zu als früher. Die an die Macht geputschte Militärjunta setzte Gesetze um, die seit Langem existieren, um die sich vorher aber niemand scherte. Der überbordende, illegale Strandliegenverkauf – abgeschafft. Die meisten Händler hatten schlicht keine Lizenz. Auch Strandbuden und Restaurants wurden aus demselben Grund abgerissen. War von Thailands Stränden früher nichts zu sehen, weil sie mit Liegen, Sonnenschirmen und Buden flächendeckend zugebaut wurden, leuchten die Meeresufer jetzt wieder einladend weiß und gelb – wie in ihrem ursprünglichen Zustand. Kein Hindernisparcours mehr zum Wasser, zu beiden Seiten ist Platz für ausgedehnte Spaziergänge. Überraschend zum Ärger der meisten Gäste. Mehr als die Hälfte wünscht sich – aus Bequemlichkeit – die Liegen- und Sonnenschirmlandschaft zurück, berichten Hotel- und Tourismusmanager.

Tsunami: Phuket und Khao Lak haben sich erholt

Ein dramatischer Einbruch der Touristenströme ist deshalb aber nicht gemessen worden. Thailand ist und bleibt beliebt. Vor allem in China, Russland und Europa. Die vor zehn Jahren vom Tsunami getroffene Urlaubsregion um Phuket und Khao Lak hat sich von den zerstörenden Monsterwellen relativ schnell erholt. Die Thais leben ihr Leben weiter. Mit Frühwarnsystem, jedoch ohne Panik vor einem neuen Tsunami. Aber sie sind vorsichtiger als damals. Wird es dunkel, steigen keine Partys mehr am Strand. „Sie haben Angst vor den Geistern der vielen Toten“, erläutert die deutschsprachige Reiseleiterin Ying, die vor zehn Jahren, am Vorabend der Katastrophe, ihren 45. Geburtstag am Strand feierte. „Die Thais nennen das Meer eine Hexe“, erklärt Ying weiter. „Bei Ebbe hat sie das Wasser im Mund. Bei Flut fließt es heraus. Aber wenn sie böse ist, dann spuckt sie. Vor zehn Jahren war sie sehr, sehr böse.“
 
Auch die traumhaften Tauch- und Schnorchelreviere fielen der „Hexe“ zum Teil zum Opfer. Wie die Riffe von Similan Islands, 70 Kilometer vor der Küste Khao Laks, die in Mitleidenschaft gezogen wurden. Allerdings auch durch die generell hohen Wassertemperaturen. Für einen Besuch lohnen sich die neun Inseln aus Granitgestein dennoch allemal. Vor allem auf der geschützten Ostseite blüht immer noch das pralle Unterwasserleben. Viele der Schnorchler, die hierherkommen, wollen eigentlich nur eins: Schildkröten. Die Enttäuschung ist zunächst groß, als beim ersten Schnorchelgang gefühlt mehr Menschenbeine als Fische und keine Kröten vor Insel 7 zu sehen sind. „Turtle? Turtle?“, fragen die aufgeregten Passagiere des Nachbarboots, um den perfekten Ankerplatz zu finden. „No Turtle!“
 
Kaum geantwortet, schwebt sie ein. Etwa einen Meter groß. Fast noch ein Baby. Neugierig bahnt sie sich den Weg durchs Menschengewirr. Guckt hier, guckt dort, rudert rechts, rudert links, sinkt ab, steigt auf, schwimmt weg, kommt zurück – das schwerelose Tänzchen mit der Schildkröte ist ein Glückshormonturbo. So beseelt ist der Rest ein einziger Genuss: die Mittagspause an einem einsamen Strand eine Insel weiter; der Abstecher in die berühmte Donald Duck Bay (Hier liegt ein Felsen, der aussieht wie der Kopf von Donald Duck). Und die Rückfahrt mit dem Schnellboot ans Festland. Die drei 250-PS-Motoren dröhnen vor sich hin und pflügen durch den Ozean, die Sonne geht unter. Der Blick schweift in die Ferne. Zeit zum Träumen.

Die beeindruckende Donald Duck Bay