In breitem Amerikanisch unterhalten sich die Jugendlichen, nicht unbedingt die gängige Sprache in der armenischen Hauptstadt Eriwan. Allesamt tragen sie quietschgelbe T-Shirts. Auf der Rückseite ist in dicken Lettern gedruckt: „Get Rooted!“, was so viel bedeutet wie: „Schlagt Wurzeln!“

Was hat den gut gelaunten Trupp in der Stärke von rund zwei Fußballteams bloß in das kaukasische Hochland an die Grenze zwischen Europa und Asien verschlagen? „Wir kommen aus einer armenischen Schule in Los Angeles“, sagt Patrick. „Unsere Familien stammen aus Armenien. Wir pflanzen Bäume im Land unserer Vorfahren. Die Zehntklässler an unserer Schule machen das jedes Jahr“, erklärt er weiter.

 Geblieben ist die Verbundenheit mit einem von der Geschichte schwer geprüften Land.

Über die Selbstverständlichkeit in Patricks Stimme stutzt man nur kurz: Weit mehr als die Hälfte aller Armenier hat es in alle möglichen Ecken der Erde verschlagen, manche schon vor vielen, vielen Generationen. Die meisten befanden sich auf der Flucht oder wurden verschleppt. Geblieben ist die Verbundenheit mit einem von der Geschichte schwer geprüften Land, über das schon Römer, Perser, Araber, Mongolen, Türken und zuletzt die Sowjets herrschten.

Erst 1991 erlangte Armenien seine Unabhängigkeit wieder. Ohne die Unterstützung der Diaspora-Armenier könnte das Land finanziell kaum existieren. Ob Straßentunnel, Seilbahn, Kirchenaltar oder Bildungsprojekt: Reiche Auslandsarmenier helfen ihren armen Brüdern und Schwestern in der ehemaligen Heimat, die kaum größer als Brandenburg ist.

Statue des Mönchs Mesrop Maschtot, Erfinder des armenischen Alphabets.
Mönch Mesrop Maschtot brachte den Armeniern einst ihr Alphabet. Foto: Stefan Stosch

Wer verstehen will, was die Armenier über all die Jahrhunderte als Volk zusammengehalten hat, muss zwischen den neuen schicken Bars und Boutiquen sowie restsozialistischen Plattenbauten den Maschtoz-Boulevard in Eriwan ansteuern. An dessen Ende erwartet den Besucher oben auf einem Hügel ein in Stein gehauener Mönch – ebenjener Mesrop Maschtoz, nach dem die Straße benannt ist.

Blick auf den Ararat, heiliger Berg der Armenier auf türkischem Gebiet.
Blick auf den Ararat: Der heilige Berg der Armenier liegt heute auf türkischem Gebiet. Foto: Stefan Stosch

Gelassen schaut der Mönch auf den weit entfernten Schneegipfel des Berges Ararat jenseits der türkischen Grenze, an dem einst Noahs Arche angelandet sein soll. Mesrop Maschtoz erfand im Jahr 405 ein System aus 36 Zeichen und schenkte den Armeniern ein eigenes Alphabet. Bis heute gilt es beinahe unverändert.

Hinter dem Mönch öffnet sich die Tür zu einem der größten Schätze, die Armenien zu bieten hat: die Handschriftensammlung Matenadaran. Die Farben der kunstvoll verzierten Aufzeichnungen in den Vitrinen leuchten, als seien sie eben erst getrocknet, dabei sind einige mehr als tausend Jahre alt. 28 Kilogramm wiegt die größte Handschrift, die kleinste 19 Gramm. Über alle Tragödien hinweg, auch über den türkischen Völkermord im Ersten Weltkrieg und das schwere Erdbeben von 1988, retteten die Armenier ihre Schriften.

„Manche Familien hielten sie über Jahrhunderte vor allen Nachstellungen verborgen“, sagt Arusyak Israyelyan. Der Mitarbeiterin ist der Stolz auf das „kulturelle Heiligtum“ deutlich anzumerken. Ob Religion, Medizin oder Wissenschaft: Immenses Wissen wurde auf gegerbtem Kalbsleder zusammengetragen. „Man fühlt sich in diesen kirchenähnlichen Räumen wie ein Pilger“, sagt Arusyak.

Überall in Armenien stehen Klöster und Kirchen.
Überall in Armenien stehen Klöster und Kirchen. Foto: Stefan Stosch

Die eigene Schrift war genauso identitätsstiftend für Armenien wie der Glaube – und beides ist untrennbar miteinander verbunden. Armenien ist ein Land voller Klöster und Kirchen, die Besucher auf windigen Grasebenen und zwischen schroffen Felsen mit offenen Türen empfangen.

Die Schafherden in Armenien werden von berittenen Hirten begleitet.
Die Schafherden werden von berittenen Hirten begleitet. Foto: Stefan Stosch

Eine Reise zu den Gotteshäusern ist eine in die Vergangenheit – vorbei an Schafherden mit berittenen Hirten und auch an geheimnisvollen Steinkreisen aus prähistorischer Zeit. Am Straßenrand verkaufen alte Männer und Frauen eingelegte Walnüsse, Pilze, Maulbeerschnaps und Selbstgebackenes, um ihre kargen Pensionen aufzubessern.

Einheimischer in Armenien verkauft Birnenschnaps am Straßenrand.
Am Straßenrand bieten immer wieder Einheimische ihre Waren an – das Angebot reicht von Birnenschnaps bis zu eingelegten Pilzen. Foto: Stefan Stosch

Heute stehen viele Klöster unter dem Schutz der Unesco. Mancherorts sind die Mönche nach dem Ende des Sozialismus zurückgekehrt. Die älteste Kathedrale findet sich in Etschmiadsin, dem „armenischen Vatikan“, wie unsere Begleiterin Rita das religiöse Zentrum des Landes nennt, nicht ohne hinzuzufügen: „Unser Vatikan ist übrigens genau ein Quadratmeter größer als der in Rom.“ Armenien war der erste christliche Staat der Welt: Im Jahr 301 erklärte König Trdat III. das Christentum zur Staatsreligion.

In Etschmiadsin steht die älteste Kathedralie Armeniens.
„Armenischer Vatikan“: Hinter dem eindrucksvollen Eingang in Etschmiadsin verbirgt sich die älteste Kathedrale des Landes. Foto: Stefan Stosch

Der heidnische König, bis dahin ein brutaler Christenverfolger, tat dies nicht freiwillig. Seinen heute berühmten Widerpart, Gregor den Erleuchter, ließ er in ein düsteres Verlies werfen, als dieser partout nicht von seinem Glauben ablassen wollte. In Gregors Kerker kann man heute noch klettern. Über seinem Gefängnis erbauten die Armenier ein Kloster, unweit der mit Wachtürmen bestückten türkischen Grenze. Das Kloster heißt Chor Virap, „Tiefe Grube“.

Kloster Chor Virap, ein berühmter Wallfahrtsort nahe der türkischen Grenze, der eng mit der Legende des Heiligen Grigor verbunden ist.
Das Kloster Chor Virap ist ein berühmter Wallfahrtsort nahe der türkischen Grenze, der eng mit der Legende des Heiligen Grigor verbunden ist. Foto: Stefan Stosch

Weinende Schulmädchen klammern sich in der kleinen Kirche an die eiserne Leiter, die sechs Meter tief in Gregors Loch führt. Ob sie nun ergriffen sind von der Bedeutung des Ortes oder ob sie eine klaustrophobische Attacke erwischt hat, ist schwer zu sagen. Gregor jedenfalls bewies damals mehr Durchhaltevermögen: 15 Jahre soll er in der Grube ausgeharrt haben, dann erkrankte der König schwer. Gregor heilte ihn durch Gebete. Ein Wunder! Der König war bekehrt und Gregor der Erleuchter wurde der erste Katholikos, Oberhaupt der Armenischen Apostolischen Kirche.

Höhlenkloster des Heiligen Grigori Anfang des 4. Jahrhunderts gegründet.
Als Höhlenkloster vom Heiligen Grigori selbst Anfang des 4. Jahrhunderts gegründet. Foto: Stefan Stosch

Überall in Armenien trifft man auf steinerne Zeugnisse des Glaubens: Zigtausende Chatsch’khare, Steinpfeiler mit eingemeißelten Kreuzmotiven, ragen in der Landschaft auf. „In Stein gehauene Gebete“ werden sie gern genannt. Kein Stein gleicht dem anderen.

Kreuzsymbole in einem Felsen in Armenien.
Kreuze zeugen von der langen christlichen Vergangenheit in Armenien. Foto: Stefan Stosch

Auf einem besonders prächtigen Exemplar am Rande des blau schimmernden Sewansees breitet ein Christus mit Zöpfen, Schlitzaugen und Mongolenbart die Arme aus. Der Steinmetz hoffte vermutlich, dass ein so ausstaffierter Gottessohn asiatische Angreifer davon abhalten würde, sein Werk zu zertrümmern. Offensichtlich hat der Trick geklappt. Armeniens kultureller Reichtum kündet auf Schritt und Tritt vom Leid und zugleich vom Widerstandsgeist seiner Bewohner.

Tipps für die Reise nach Armenien

Anreise: Flüge nach Armenien gibt es zum Beispiel von den Fluggesellschaften Lufthansa (über München), Austrian (über Wien) oder Turkish Airlines (über Istanbul). Sie sind ab etwa 400 Euro buchbar. 

Einreise: Deutsche reisen visumfrei nach Armenien ein. Es ist lediglich ein Reisepass nötig, der noch fünf Monate über die Reise hinaus gültig sein muss.

Beste Reisezeit: Die kaukasischen Winter sind kalt, die Sommer heiß und trocken mit Temperaturen um die 30 Grad Celsius. Besonders angenehm ist es im Herbst und Frühjahr. Wegen der sehr großen Höhendifferenzen gibt es im Land sehr unterschiedliche Klimazonen.

Verständigung: Glücklich ist, wer Russisch spricht. Die Englischkenntnisse der Jüngeren nehmen aber beständig zu.

Reiseliteratur:

  • Hintergründig: Barbara Denscher: „Reportage Armenien. Im Schatten des Ararat“, Picus Verlag.
  • Persönlich: Constanze John: „Vierzig Tage Armenien: In einem alten Land im Kaukasus“, Dumont.

Selbstironische Nachbarn: Die Georgier

Ein Griff – und Stalins Kopf ist ab. Die Georgier zeigen Humor, wenn es um ihren berühmt-berüchtigten Landsmann geht. Den Diktator gibt es vielerorts als Tonfigur zu kaufen. Stalins Hals lässt sich umklappen und sein Körper prima mit dem georgischen Tresterbrand Tschatscha füllen. In Stalins georgischer Geburtsstadt Gori allerdings wird der Menschenschlächter bis heute gänzlich unkritisch im Museum verehrt. Das komplette Geburtshaus des Schuhmachersohnes, ungezählte Büsten, sein späterer Salonwagen und sogar die Kaffeetassen seiner Mutter gehören zu den Exponaten.

Tonflasche mit Stalin-Konterfei in Georgien.
Tonflasche mit Diktator-Konterfei. Foto: Stefan Stosch

Bis heute ist das Land nach dem Zerfall der Sowjetunion damit beschäftigt, sich wirtschaftlich wieder zu berappeln. Noch 2008 befand sich Georgien im Krieg mit dem großen Bruder um die abtrünnigen Republiken Abchasien und Südossetien.

Von der Natur ist Georgien reich gesegnet: Als Gott die Welt erschuf und sich die Völker um die besten Plätze drängelten, verschlief der georgische Vertreter glatt die Ländervergabe. Schließlich könne man doch auch so in der Sonne liegen. Gott zeigte sich beeindruckt und vergab sein für den Eigenbedarf zurückgehaltenes schönstes Plätzchen an die Georgier.

Da könnte was dran sein: Granatäpfel, Walnüsse, Aprikosen, Zitronen, Pfirsiche, Melonen wachsen in Hülle und Fülle auf dem fruchtbaren Boden. Auch Tee wird angebaut. Man kann im Kaukasus zwischen schneebedeckten Gipfeln wandern oder in der subtropischen Hafenstadt Batumi im Schwarzen Meer baden, sich in Kachetien am Wein laben oder in Tiflis’ Altstadt in Schwefelbädern kneten lassen. Und wer das Land Richtung Süden verlässt, findet sich in Armenien wieder.