Zeitz MOCAA eröffnet in Kapstadt | reisereporter.de

Zeitz MOCAA eröffnet in Kapstadt: Kunst im Silo

In Kapstadt eröffnet am 22. September 2017 das Zeitz MOCAA, Afrikas größtes Museum für zeitgenössische Kunst.

Kunstsammler Jochen Zeitz vor einem Werk des Venedig-Biennale-Künstlers Athi-Patra Ruga.
Die Kunstsammlung des Deutschen Jochen Zeitz, hier vor einem Werk des Venedig-Biennale-Künstlers Athi-Patra Ruga, ist dauerhaft in zwei der sieben öffentlich zugänglichen Geschosse des Zeitz MOCAA zu sehen.

Foto: Konrad Bockemühl

Rund 80 Jahre lang, bis 2001, wurde im höchsten Bau des südlichen Afrikas Getreide gelagert. Vom 22. September an ersetzt Kunst das Korn – und macht das Silo zu Afrikas größtem Museum für zeitgenössische Kunst. Es wird maßgeblich von dem deutschen Sammler Jochen Zeitz geprägt. Und wurde von dem britischen Stararchitekten Thomas Heatherwick spektakulär hergerichtet. 

Der reisereporter zeigt erste Einblicke in das bis dato streng behütete Innere des MOCAA in Kapstadt.

Atrium des Zeitz MOCAA in Kapstadt, entworfen von Architekt Thomas Heatherwick.
Architekt Thomas Heatherwick gab dem ehemaligen Silokomplex innen eine neue Seele – die ein bisschen an Dalì erinnert. Foto: Zeitz MOCAA/Iwan Baan

Das in den Neunzigerjahren entwickelte Quartier Victoria & Alfred Waterfront in Kapstadts bester Atlantiklage gilt mit mehr als 24 Millionen Besuchern im Jahr als meistfrequentierter Ort des Schwarzen Kontinents – auch wenn man ihn sich eigentlich genauso in Kalifornien und anderswo vorstellen könnte: Shopping in Mega-Dimension, Kinos, Aquarium, Restaurants, Hotels, dazu Luxuswohnungen und Büros mit internationalem Flair.

Ein kultureller Leuchtturm sollte in dem nationalen Kulturerbe mit seinen 42 Siloröhren plus Förderturm entstehen – und es spricht vieles dafür, dass dies auch gelungen ist.

Vom Riesenrad aus gibt’s den Panoramablick auf den 1000 Meter hohen Tafelberg, das für die Fußball-WM 2010 erbaute Stadion und die früher berüchtigte Gefängnisinsel Robben Island, wo Nationalheld Nelson Mandela, Südafrikas Symbolfigur für das Ende der Apartheid, fast zwei Jahrzehnte in einer Einzelzelle verbrachte. 

Amüsement allein, dachte sich irgendwann Waterfront-Chefentwickler David Green, kann’s auch nicht sein. Mit dem 1921 errichteten, bis zu 57 Meter hohen Getreidesilokomplex am Übergang zwischen Industriehafen und Erlebnisareal verband er kühne Pläne jenseits des Kommerzes. Ein kultureller Leuchtturm sollte in dem nationalen Kulturerbe mit seinen 42 Siloröhren plus Förderturm entstehen – und es spricht vieles dafür, dass dies auch gelungen ist.

Badezimmer im „The Silo“-Luxushotel in Kapstadt.
Was ’ne Wanne! Wer das nötige Kleingeld hat, kann im Luxushotel „The Silo“ mit Blick auf Kapstadt baden. Foto: Konrad Bockemühl

On Top gibt das Fünf-Sterne-Hotel „The Silo“ mit 28 Luxuszimmern auf sechs Etagen dem fensterlosen Komplex als lichte Haube mit raffiniert reflektierenden Glasfacetten überragenden Glanz. Weit ausstrahlende Avantgarde auf historischem Sockel, das hat elbphilharmonische Anmutung – was sich freilich nicht auf den engen Kostenrahmen von rund 33 Millionen Euro bezieht. 

David Green hat für sein ambitioniertes Vorhaben die richtigen Partner gefunden. Zunächst war es der britische Architekt Thomas Heatherwick, den die Herausforderung reizte, die Industriearchitektur außen weitgehend zu erhalten und ihr innen nicht nur eine neue Bestimmung, sondern auch eine neue Seele zu geben, wie er mit Nachdruck formuliert. 

Und dann waren da der Deutsche Jochen Zeitz und der – ebenfalls weiße – Südafrikaner Mark Coetzee. Die beiden hatten sich über die damals von Coetzee geleitete Rubell Family Collection and Contemporary Arts Foundation in Miami kennen- und schätzen gelernt.

Im historischen Silokomplex an der Victoria & Alfred Waterfront in Kapstadt eröffnet am 22. September Afrikas größtes Museum für zeitgenössische Kunst – das Zeitz MOCAA.
Im historischen Silokomplex an der Victoria & Alfred Waterfront in Kapstadt eröffnet am 22. September Afrikas größtes Museum für zeitgenössische Kunst – das Zeitz MOCAA. Foto: Konrad Bockemühl

Sie sahen Handlungsbedarf und beschlossen, mit dem Vermögen des ehemaligen, seit jeher genauso afrikainfizierten wie hoch dotierten Puma-Chefs und dem Fachwissen des daraufhin zunächst in Herzogenaurach tätigen Kunsthistorikers gezielt eine Sammlung aufzubauen. Letztlich um damit, wo auch immer, ein öffentliches Museum zeitgenössischer afrikanischer Kunst zu bestücken. 

2013 kamen sie in Kapstadt zusammen. Am nächsten Freitag, 22. September, wird das Zeitz MOCAA, Museum of Contemporary Art Africa, eröffnet – als Non-Profit-Foundation, die fortan in einer Liga spielen will mit Londons Tate, Bilbaos Guggenheim oder New Yorks MoMA – und sich zugleich mit ihrem klaren Fokus auf das (Pan-)Afrika des 21. Jahrhunderts von ihnen abhebt. Jenseits traditioneller Masken und Holztiere ist diese Kunst vor dem Hintergrund der bewegten afrikanischen Neuzeit oft politisch.

Kunst zum Nachdenken: Kudzanai Chiurais aus Simbabwe im MOCAA.
Kunst zum Nachdenken: Kudzanai Chiurais aus Simbabwe im MOCAA. Foto: Konrad Bockemühl

Der Rundgang schon durch die ersten fertigen Ausstellungsräume mit grellen Werken des Venedig-Biennale-Künstlers Athi-Patra Ruga, sensiblen Lesbenporträts von Zanele Muholi (ebenfalls Südafrika) oder der beißenden Gesellschaftskritik Kudzanai Chiurais (Simbabwe) zeigt die große Vielfalt in Ausdrucksformen und Materialien. Jochen Zeitz (54), der heute einen großen Teil des Jahres in seinem Öko-Luxusreservat Segera in Kenia lebt, spricht von der leicht zugänglichen Botschaft neuer afrikanischer Kunst, „weil sie soziale Themen, Umwelt- und politische Themen wirklich so plakativ auch beim Namen nennt“.

Fotoausstellung von Zanele Muholl im MOCAA Kapstadt (Südafrika).
Zur Ausstellung in den 80 Galerieräumen gehören die Fotos von Zanele Muholl aus Südafrika. Foto: Konrad Bockemühl

Seine in neun Jahren konsequent aufgebaute Sammlung könnte leicht sämtliche 6000 Quadratmeter Ausstellungsfläche des MOCAA füllen. Auch wenn sie zur Eröffnung die 80 Galerieräume und womöglich den Skulpturendachgarten über den neun Silogeschossen eindeutig dominieren wird, soll das nicht so bleiben. Der uneitle Nachhaltigkeitsaktivist sieht sich als „Anschieber“: Zwei der sieben öffentlich zugänglichen Geschosse sind dauerhaft seiner Sammlung vorbehalten, zwei weitere werden temporär bestückt. Und drei von externen Sammlern oder Institutionen, die etwa Foto-, Videokunst, Performances oder Mode beisteuern könnten.

In erster Linie wolle man mit der identitätsstiftenden Mission des MOCAA nicht die große weite Kunstwelt befriedigen, sondern die kulturellen Bedürfnisse der afrikanischen Basis. 

Museumsdirektor und Chefkurator Coetzee, der viele Jahre den Aufbau der Zeitz-Sammlung prägte, nun jedoch von zahlreichen (Nachwuchs-)Kuratoren unterstützt wird, strebt über Wechselausstellungen einen internationalen Austausch mit anderen Museen an. Zugleich betont er: In erster Linie wolle man mit der identitätsstiftenden Mission des MOCAA nicht die große weite Kunstwelt befriedigen, sondern die kulturellen Bedürfnisse der afrikanischen Basis. 

Entsprechend gibt es bei einem Eintrittspreis von umgerechnet knapp 12 Euro für afrikanische Staatsbürger jeden Mittwochvormittag freien Eintritt, für alle unter 18-Jährigen sowieso. Und es ist ein umfassendes pädagogisches Programm geplant – bis hin zur Ausbildung des Kuratorennachwuchses. Ein Angebot, das es derzeit in Afrika nicht gibt.

Flaschenkunst im MOCAA
Flaschenkunst im MOCAA Foto: Konrad Bockemühl

Doch es ist nicht die bunte Vielfalt afrikanischer Kunst allein, die das Zeitz MOCAA zur neuen Attraktion an Kapstadts Waterfront macht. Architekt Thomas Heatherwick war von seinem ersten Projekt auf diesem Kontinent spürbar fasziniert – der Herausforderung vor allem, der historisch rauen Hülle ein neues Herz für die zwei eng verbundenen Gebäude zu implantieren. Und darum noch 80 schlicht weißwandige Ausstellungsräume zu gruppieren.

Im spektakulären Atrium des MOCAA sind ausgeschnittene Siloröhren zu sehen.
Im spektakulären Atrium des MOCAA sind ausgeschnittene Siloröhren zu sehen. Foto: Konrad Bockemühl

Das Ergebnis ist einschneidend im wahrsten Wortsinn: Heatherwicks Team hat acht zentrale Betonröhren des Silos kühn angeschnitten und so ein 33 Meter hohes Atrium geschaffen, das organisch und zugleich kathedralenähnlich anmutet. Die Inspiration für diesen spektakulären Raum holte er sich über den hochauflösenden Digitalscan eines ausgehöhlten Maiskorns. So orientiert sich der überwältigende Eindruck im Inneren des Silokomplexes an seiner historischen Bestimmung. Allein die Kunst dieser Abstraktion lohnt das Museumserlebnis am Kap.

Reisetipps für das MOCAA in Kapstadt

Anreise: South African Airways bietet die schnellste Verbindung nach Südafrika über Nacht von München und Frankfurt am Main ohne Zwischenstopp nach Johannesburg (Tickets ab 571 Euro pro Person). 

Beste Reisezeit: Südafrika kann ganzjährig bereist werden. Da das Land auf der Südhalbkugel liegt, sind die Jahreszeiten entgegengesetzt zu denen in Europa. Die heißesten Monate sind Dezember und Januar, während es im Juni und Juli vor allem nachts kühl werden kann.

Unterkünfte: Übernachtungen im Hotel The Silo im MOCAA-Komplex kosten für ein Doppelzimmer inklusive Frühstück ab 784 Euro. Gästehäuser und Bed-and-Breakfast-Unterkünfte sowie Ferienhäuser oder Ferienwohnungen sind eine günstige Alternative zu den zahlreichen und hochwertigen Hotels in Kapstadt.

Kunst in Kapstadt

  • Zeitz MOCAA im Silo District, V&A Waterfront ab 22. September, mittwochs bis montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. 
  • South African National Gallery: Mehr als 3000 Kunstwerke von der Zeit der Kolonialisierung bis zu aktuellen internationalen Installationen stehen für die unterschiedlichen Einflüsse und Ausdrucksformen afrikanischer Kunst. Geöffnet: täglich 10 bis 17 Uhr. 
  • Ellerman House: Von Thomas Bowler bis William Kentridge – das exquisite Boutiquehotel umfasst fast 1000 Werke, die kulturelle Verschiebungen der südafrikanischen Kunst von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis heute zeigen. Private Führungen sind möglich. 
  • Galerien: Am First Thursday, dem ersten Donnerstag eines Monats, haben die meisten Galerien bis 21 Uhr geöffnet, bieten zudem Speisen und Getränke an.  
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