Sinkflug knapp drei Stunden nach dem Start in Berlin. Blick aus dem Fenster: Die leicht hügelige Landschaft wirkt mit ihrem leuchtenden Grün und den vielen gelben Tupfern dazwischen lieblich. Anflug auf Catania, die zweitgrößte Stadt Siziliens. Eine verborgene Schönheit will entdeckt werden.

Sizilien, das kennt irgendwie jeder: ganz unten in Italien, Ätna, viele antike Trümmer – und natürlich Mafia. Alles richtig. Aber sehr fragmentarisch. Sizilien ist eben sehr viel dichter an Tunis als an Mailand. Für manchen Italiener fast genauso weit weg wie für einen Deutschen.

Sizilien, das ist der Süden. Doch: Nach Italien fahren viele, nach Sizilien nur wenige. Das liegt zum einen an der Distanz, zum anderen an den wenigen günstigen Reiseangeboten. Zum Glück für die Sizilien liebenden Kulturreisenden. Zum Nachteil für die Sizilianer selbst, denn sie leiden unter hoher Arbeitslosigkeit und tief sitzenden Vorurteilen ihnen gegenüber. Gerne hätten sie ein bisschen mehr Tourismus.

Sizilien, das ist nicht Italien

Nach 30 Minuten Rüttelfahrt über raue Straßen stoppt der Kleinbus vor dem schmiedeeisernen Tor des abgelegenen Casale Romano, eines kleinen Landguthotels in Motta Camastra an der Ostküste. Die Luft ist auf dem Weg zum 3.350 Meter hohen Ätna viel kühler, Orangenblüten duften betörend. Spätestens jetzt hast du eine Ahnung davon, was er noch mehrmals spüren wird: Questo è Sicilia – das ist Sizilien!

Das Hotel ist familiengeführt, wirkt hier und da rührend improvisiert, irgendwer hat ihm vier Sterne gegeben. Auch das ist Sizilien. Du kannst dich auf zwei Ziele konzentrieren: Taormina, den geschichtsträchtigen und mondänen Ort auf den Felsen, und natürlich auf das beeindruckendste Naturphänomen der Insel, den Ätna.

 

 

Taormina, einst von den Griechen gegründet, will erklommen werden. Mit Taxi oder Seilbahn ist das heute ein Leichtes. Die 11.000 Einwohner zählende Stadt hat seit jeher Künstler, Dichter und andere bedeutende Figuren angezogen. Nicht zuletzt wegen ihres liberalen Geistes, der auch Gelüsten nach freieren Lebensweisen keine Zügel anlegte.

Die mediterranen, malerischen Gassen dieses Örtchens, das Ende des 19. Jahrhunderts einmal von dem deutschen Bürgermeister Otto Geleng geführt wurde, bilden heute eine Touristenkulisse. Aber, das ist auch typisch, eine bezaubernde, keine kitschige.

Blick aus dem Theater auf den Ätna

Ein Muss: Wer das altgriechische und von den Römern umgebaute Theater nicht besucht hat, war nicht wirklich in Taormina. Dieser Blick ins Theaterrund mit den antiken Mauerresten und dem majestätischen Vulkan Ätna im Hintergrund zählt zu den einprägsamsten Ansichten ganz Italiens. 
 

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In der teils dann doch schon an Kitsch heranreichenden Handwerkskunst, die in zahllosen Andenkenläden feilgeboten wird, spiegelt sich die vielfältige Geschichte der größten Insel des Mittelmeers wider: Gesichter arabischen Schnitts auf Vasen und griechische Namen wie Naxos, der Badeort zu Füßen Taorminas.

Die ebenfalls durch die gut zweihundertjährige arabische Herrschaft beeinflussten verführerischen Süßspeisen zerren genauso an deiner Widerstandskraft wie die üppigen Speisekarten der Restaurants. Eines findest du hier kaum: Pizza. Sizilien, das erst seit 1860 zu Italien gehört, ist eben anders.

Heute geht es in die Natur. Also diesmal kein Riposino, das unvermeidliche, meist bis 16 Uhr währende Mittagsschläfchen der Sizilianer, sondern per Bus die sanften Hänge des größten aktiven Vulkans Europas hinauf. Ätnawanderung, das heißt Laufen auf dem knirschenden schwarzen Lava-Bimsstein, inmitten der nur hier wachsenden Ätna-Birkenwälder.

Hügellandschaften mit bizarren schwarzen Formationen aus erkalteten pyroklastischen Eruptionen scheinen den Wanderer in eine unwirkliche Landschaft aus einem „Star Wars“-Film gebeamt zu haben. Wabernde Nebelschwaden werden unmerklich schnell von den Winden am Ätna vertrieben und machen Platz für die gleißenden Sonnenstrahlen in knapp 2.000 Metern Höhe.

Ebenfalls nur hier: Heimische Ginsterbäume bilden vereinzelt die dekorative Unterholzbasis für majestätische Bergkiefern. Und wenn hier Schnee fällt, bildet der weiße Teppich einen unvergleichlichen Kontrast zu den schwarzen Lavaströmen darunter.

Mafia? Sizilianer haben ihre eigene Sicht

Dieses südlichste Stück Erde Italiens wäre tatsächlich nur Kulisse ohne seine Menschen. Vertreter verschiedenster Kulturen haben über mehrere Jahrtausende einen eigentümlichen Menschenschlag geprägt. Offen und freundlich, lebensfroh und naturverbunden, kann der Sizilianer aber auch ebenso verschlossen und wehrhaft sein, wenn es um seine Sache geht.

Und „unsere Sache“ – „cosa nostra“ – steht für das dunkle Kapitel Siziliens: Schattenwirtschaft, Korruption, Einschüchterung, Mord, Krieg gegen den Staat – Mafia. Für deutsche Reisende hat die Mafia zwar oft kein Gesicht. Aber wenn du nachfragst, wirst du mit höchst unterschiedlichen Ansichten zum Thema Mafia konfrontiert.

So lächelt Sabina Romano, die deutsch-sizilianische Betreiberin des Landhotels Casale Romano, das Thema „ehrenwerte Gesellschaft“ einfach weg: „La Mafia“, verzieht die Mittfünfzigerin die Mundwinkel, „dasse gibete esse nur noche im Film – der Pate. Heute isse alles anders, tutto normale.“

Toni Pambare, die 1961 als Antonie Hirblinger aus München für immer nach Sizilien ging und hier heiratete, hat eine andere Sicht der Dinge. „Natürlich existiert die Mafia, aber die hat ein anderes Gesicht“, sagt die resolute Wahlsizilianerin, die mit ihren mehr als 70 Jahren als Wanderführerin am Ätna arbeitet. „Die Mafia ist heute international vernetzt. Du kannst plötzlich von einem Wildfremden in einer Bar zum Espresso eingeladen werden, und während du dich noch wunderst, erzählt er dir freundlich vom täglichen Arbeitsweg deiner Tochter in München. Dann weiß man, was los ist.“

Und Santino Corrone, der Eselführer mit dem verschmitzten Blick und den lustigen Augen? Der spricht lieber über seine Eselin Gina, die unverdrossen für die Wanderer das Picknick schleppt.

Ein letzter Atemzug sizilianische Luft auf dem Rollfeld von Catania. Trennungsschmerz? Durchaus. Ein Arancino, das frittierte, raffiniert gefüllte Reisbällchen, soll über den Abschied hinweghelfen. Doch wenn du es Stunden später in Deutschland auspackst und hineinbeißt, schmeckt es nicht mehr. Es muss heiß gegessen werden. Das ist Sizilien. Es lässt sich auch in kleinen Stückchen nicht mitnehmen.