Als sich mein Monat in Costa Rica dem Ende zuneigt, bedeutet das gleichzeitig, dass meine Weltreise offiziell zu Ende geht. Sechs Monate lang bin ich durch sieben Länder auf drei Kontinenten gereist, habe dabei Ozeane überquert, bin durch die Zeitzonen gewandert und habe wortwörtlich, aber auch im übertragenen Sinne, Grenzen überschritten. In Flugzeugen, Taxen, Bussen, im Auto, Zug, Tuk Tuk, auf dem Boot, der Fähre, dem Motorroller, sogar auf dem Pferd und manchmal auch zu Fuß.

Ich habe Menschen getroffen, neue Wörter gelernt, Hände geschüttelt, fremde Speisen probiert, neue Lieblingsorte gefunden und Freunde auch, habe Tiere beobachtet und Sonnenuntergänge bestaunt, bin auf Berge gestiegen, habe Tränen gelacht und Tränen geweint – und letztendlich doch jede Herausforderung gemeistert.

Leo Bartsch am Strand in Frankreich.
Noch nicht wieder Zuhause, aber mit Mama und Papa vereint: Leo in Frankreich. Foto: Leo Bartsch

Und nun bin ich an dem Punkt angekommen, an dem jeder Reisende mal steht: Am Flughafen mit einer Boardkarte Richtung Europa in der Hand! Aber wer nun denkt, es geht schon nach Hause und hier kommt das große Weltreise-Resümee, hat sich geirrt...

Ich verschaffe mir (und euch) noch eine Woche Verlängerung und fliege nicht nach Deutschland, sondern nach Frankreich, wo ich meine Eltern treffe, die dort urlauben. Genialer Plan, oder?!

Leo Bartsch sammelt Muscheln am Strand in der Bretagne, Frankreich.
Die Bretagne ist Leos letzter Weltreise-Stop. Foto: Leo Bartsch

Trotzdem bin ich wahnsinnig nervös, denn schließlich bin ich ein halbes Jahr ganz alleine um die Welt gereist und plötzlich trifft man wieder auf seine vertrautesten Personen. Wie wird das wohl sein? Habe ich mich verändert? Sind wir uns fremd geworden? Bin ich überhaupt schon bereit für meine Rückkehr?

Trotzdem bin ich wahnsinnig nervös, denn schließlich bin ich ein halbes Jahr ganz alleine um die Welt gereist und plötzlich trifft man wieder auf seine vertrautesten Personen. Wie wird das wohl sein?

Als ich aber in der Bretagne, im Nord-Westen Frankreichs, mit Rucksack und Reisegitarre den Sicherheitsbereich verlasse, erwarten meine Eltern mich mit einem riesen Plakat, Blumen und unserem Hund Josie. Wir liegen uns mit Tränen in den Augen in den Armen – puh, es ist immer noch genau so viel Liebe da wie vorher!

Nachdem ich mich etwas von der emotionalen Begrüßung und dem Jetlag erholt habe, genieße ich hier ein paar wunderschöne Tage mit der Familie auf dem Campingplatz direkt am Meer.

Klar, der Atlantik ist nicht der Indische Ozean, die Wellen hier sind nicht mit denen im Pazifik vergleichbar, die Temperaturen sind nicht tropisch und in den Dünen wachsen keine Palmen... aber: Dieser Ort hier war meine erste große Reiseliebe.

Leo Bartsch mit Surfbrett und Neoprenanzug am Strand in der Bretagne, Frankreich
Wellenreiten an der französischen Atlantikküste: Nicht der Pazifik, aber trotzdem schön. Foto: Leo Bartsch

Seit ich drei Jahre alt bin, habe ich jeden Sommer genau hier verbracht, in einer Bucht mit klarem Wasser, kleinen, vorgelagerten Inseln, zu denen man bei Ebbe laufen kann, einem weißen Sandstrand, auf dem man Muscheln sammeln und Krebse beobachten kann, rauem Klima und herzlichen Menschen und Sonnenuntergängen, die schwer zu überbieten sind.

Fünfundzwanzig Jahre lang war dieser Ort mein Paradies und hat etwas von einer Zeitkapsel, denn viel verändert sich hier nicht. Jahr um Jahr fahren die selben Menschen her, man kennt sich, man grüßt sich, man erzählt sich die immer selben Geschichten – klingt spießig, ist aber wundervoll vertraut.

Leo Bartsch am Strand in Finistère (Frankreich).
In Finistère freut Leo sich nach ihrer Weltreise über das Gefühl von Vertrautheit. Foto: Leo Bartsch

Hier laufe ich barfuss durch den Sand und bin auf einmal wieder acht Jahre alt und spiele Zirkus am Strand. Hier klettere ich in die Felsen, bin noch mal fünfzehn und mache ein Lagerfeuer mit meinen Freunden. Hier sitze ich in den Dünen, bin wieder vierundzwanzig, gerade bei Queensberry ausgestiegen und atme die Freiheit ein.

Unter jedem Stein liegt eine Erinnerung, der Wind flüstert meine tiefsten Geheimnisse, jede wichtige Entscheidung habe ich hier getroffen und für immer wird dieses Fleckchen Erde dieser eine, besondere Ort für mich sein. 

Wenn ich in meinem Iglu-Zelt hinter der Hecke liege und dem Meeresrauschen lausche, fühlt es sich an, als ob sich meine Vergangenheit und meine Zukunft im Hier und Jetzt treffen. Und dann merke ich, dass es der ideale Platz ist, um mein großes Abenteuer endgültig zu beenden.

Leo Bartsch mit Gitarre in den Dünen am Atlantik in Frankreich.
Leo Bartsch mit Gitarre in den Dünen. Foto: Leo Bartsch

Hier kann ich abends am Strand die Lieder spielen, die ich geschrieben habe, meinen Eltern in Ruhe Anekdoten aus Asien erzählen, habe selber genug Zeit, über meine Reise zu reflektieren, kann meinen Weltreise-Teint ausbauen, endlich wieder meinen eigenen Hund knuddeln, noch ein paar letzte Wellen surfen und ganz langsam anfangen, mich auf mein wirkliches zu Hause zu freuen.

Die Woche hier fühlt sich gleichzeitig wie ein Ende und wie ein Anfang an. Der Campingplatz am westlichsten Zipfel Frankreichs ist meine persönliche Transit-Zone für Weltreisende – Resozialisierung für meine echte Rückkehr sozusagen.

Die Region hier in der Bretagne heisst übrigens „Finistère“ und wird schon seit römischer Zeit als das Ende der Erde bezeichnet. Der bretonische Name „Penn ar Bed“  hingegen heißt so viel wie der Anfang der Welt. Wie passend...

Ob nun Ende, Anfang oder irgendwas dazwischen, eins kann ich nun, nachdem ich einmal um den ganzen Globus gereist bin, mit Sicherheit sagen: Für mich ist und bleibt es der schönste Ort der Welt!