Linges (B)Logbuch: Grönlands Disko-Bay | reisereporter.de

Linges (B)Logbuch: Grönlands Diskobucht

Auf dem Luxusliner Crystal Serenity fährt Claus Lingenauber durch die legendäre Nordwestpassage. Er will die Arktis hautnah erleben. Auf dem reisereporter erzählt er von seinen Erlebnissen an Bord. Hier lest ihr Teil 19 seines (B)Logbuchs.

Der Ilulissat-Eisfjord in Grönland.
Der Ilulissat-Eisfjord liegt an der Westküste Grönlands.

Foto: Claus Lingenauber

Der mit dem Eis tanzt! Was für eine atemberaubende Kulisse. Die Disko Bay von Ilulissat ist an Schönheit nicht zu überbieten: Wohin man auch schaut, überall Eisberge. Riesige, hoch aufragende, kleine mit zackigen Spitzen, runde, platte Blöcke von der Größe eines Fußballfeldes. Dazu ein stahlblauer Himmel und klares, fast türkisfarbenes Wasser. Der gewaltige Gletscher gebiert wie kein anderer immer neue eisige Wunderwerke.
 
Von hier aus treten sie ihre Reise in den Süden an – die Iceberg Alley entlang durch die Baffin Bay hinunter in die Labradorsee, bevor sie im wärmer werdenden Atlantikwasser langsam dahinschmelzen.
Eis in Disco Bay, Grönland.
Eis in Disco Bay. Foto: Claus Lingenauber

Wenn es denn so etwas wie einen Schöpfer geben sollte, hat er mit dieser Bucht sein Meisterwerk hinterlassen.

Kein Wunder, dass die Unesco dieses paradiesische Stück Erde bereits 2004 zum Weltnaturerbe erklärt hat. Und dass der Ort eine große Anziehungskraft auf Touristen ausübt: Zeitgleich mit der Crystal Serenity ging in der Diskobucht auch die Aida Cara vor Anker.

Egal ob vom Boot aus oder nach einer Wanderung vom Hügel aus in Sermiut – der Gletscher bietet von überall einen gigantischen Anblick. Während der Rückkehr zum Schiff zeigten zwei Crystal-Passagiere, die eine Bootstour gemacht hatten, stolz ihre Fotos von Buckelwalen. Die sind uns auf der Wanderung leider nicht über den Weg gelaufen.
 
Dafür entschädigte uns später ein Spektakel der ganz besonderen Art: Nordlichter verzauberten den Nachthimmel über der Arktis auf unserer Fahrt nach Sisimut und Nuuk.   
Auf der Fahrt nach Sisimut und Nuuk (Grönland) tanzen Polarlichter über den Himmel.
Auf der Fahrt nach Sisimut und Nuuk tanzen Polarlichter über den Himmel. Foto: Claus Lingenauber

Ilulissat, was in der Sprache der grönländischen Inuit schlicht Eisberge heißt, ist mit knapp 5000 Einwohnern die drittgrößte Stadt dieser von dicken Eismassen überzogenen Insel. Größer sind nur die Hauptstadt Nuuk (17.500 Einwohner) und Sisimiut (5500). Früher hieß der Ort Jakobshavn. Das war, bevor Grönland autonom wurde und sein eigenes Parlament bekam.

Der Hafen von Ilulissat, Grönland.
Der Hafen von Ilulissat, Grönland. Foto: Claus Lingenauber

Mittlerweile regeln die Grönländer ihre Angelegenheiten weitgehend selbst, das gilt sowohl für die Umwelt- und Wirtschafts- als auch für die Bildungspolitik. Das dänische Rechtswesen wurde aber übernommen, für seine Einhaltung sorgt weiter das zuständige Ministerium in Kopenhagen. Ansonsten beschränkt sich die einstige Kolonialmacht aber darauf, Grönland nach außen hin zu vertreten und für seine militärische Sicherheit zu sorgen. 

Die Lebensbedingungen in Grönland unterscheiden sich stark von jenen in der kanadischen Arktis. Die skandinavische Lebensweise ist überall spürbar, die bunten Holzhäuser könnten genauso gut auf den norwegischen Lofoten oder auf den schwedischen Schären stehen. Die Supermärkte und Butiken unterscheiden sich kaum von denen in Dänemark.
Die Inuit-Aktivistin Aaju Peter, die von Grönland in die kanadische Arktis gezogen ist, erklärt in Kathleen Winters Buch „Eisgesang“, warum sie diesen Schritt vollzogen hat: „Die Menschen in Nunavut stellen eine Beziehung zu Menschen her, nicht zu Titeln, Diplomen oder Bedeutung.“ Und auf noch einen Unterschied weist sie hin: „Grönländische Städte haben Märkte mit frischen Waren, wo Fischer und Jäger einen fairen Preis für ihren Fang bekommen. Aber die Inuit in Kanada verkaufen ihren Fang nicht. Sie teilen ihn unter sich auf.“
 
Sicherlich ist die Lebensweise der kanadischen Inuit noch traditioneller als die der Grönländer, deren Lebensstil spürbar von westlichen Einflüssen geprägt ist. Aber irgendwie fällt es schwer zu glauben, ein schlecht gefüllter Supermarkt mit vielen Konserven und Tiefgefrorenem – und das alles zu astronomischen Preisen – habe etwas Positives, weil dadurch eine traditionelle Lebensweise am Leben erhalten wird.
 
Marianne Stenbaek, Professorin für kulturelle Studien an der McGill-Universität von Montreal, betont als Lektorin auf der Crystal Serenity, dass in Grönland unter den dänischen Kolonialherren sicher vieles nicht gut gelaufen ist, eines aber nicht vergessen werden sollte – dass Grönland inzwischen ein funktionierendes Gemeinwesen ist: Mit einem gewissen Wohlstand, mit einer eigenen Regierung, mit einer stabilen Wirtschaft, guten Bildungseinrichtungen und der einzigen arktischen Universität, einem guten Gesundheitssystem, mit vielen Errungenschaften der modernen Zeit – und dass die Traditionen im Leben der Grönländer durchaus noch eine Rolle spielen, ohne idealisiert zu werden.
 
Und dann weist die Dänin darauf hin, dass in Grönland inzwischen 80 Prozent der Schüler einen High-School-Abschluss erwerben, in Nunavat/Kanada aber nur 20 bis 25 Prozent. Dass die Kindersterblichkeit niedriger, die Lebenserwartung in Grönland dagegen etwa zehn Jahre höher ist als die der Inuit jenseits von Baffin Bay und Davis Strait.
 
Die autonome kanadische Provinz Nunavut ist noch jung. Die Menschen dort müssen lernen, ihren eigenen Weg zu gehen, ihre eigenen Prioritäten setzen. Was sie aber nicht davon abhalten sollte, zu schauen, ob man von anderen nicht auch etwas lernen und übernehmen kann. Zumal die kulturellen Gemeinsamkeiten mögliche Gegensätze bei Weitem überwiegen.  

Die Route der Crystal Serenity 

Die Route der Crystal Serenity führt über die Nordwestpassage.
Die Route der Crystal Serenity führt über die Nordwestpassage. Foto: Vista Travel

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